Zum Tod von Mark Hollis: Wenn alles gesagt ist

Wie man komplett verschwindet („How to disappear completely“), lautete die Überschrift eines vor etwa einem Jahr erschienenen Artikels über das Leben und Werk von Mark Hollis, der im Kern davon handelte, wie schwer es ist, diesen Musiker zu fassen zu bekommen. Schon in frühere Werke seiner Band Talk Talk schlich sich, nicht zuletzt dank Hollis’ idiosynkratisch tremolierenden, dunkel projizierenden und dabei sehr zerbrechlich wirkenden Stimme, eine ins Vage und Spirituelle tendierende Weltabgewandtheit und Melancholie ein.

Und nachdem Pop-Songs wie „Such A Shame“, „It’s My Life“, „The Colour of Spring“, das dritte Album der Band mit der Single „Life’s What You Make It“, den kommerziellen Zenit markierte, weigerte sich Hollis, auf Tournee zu gehen. Er produzierte mit Talk Talk zwei wegweisende, aber kommerziell chancenlose Alben voll genresprengendem Ambient-Nicht-Pop, löste dann die Band auf und verschwand aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, um sich seiner Familie zu widmen.

Mark Hollis starb im Alter von 64 Jahren

1998 erschien ein minimalistisches Solo-Album, danach hörte man bis auf sehr sporadische Gastauftritte als Pianist oder Arrangeur kaum noch etwas von ihm, ehe am Montagabend ein Cousin von Hollis’ Frau auf Twitter dessen Tod im Alter von 64 Jahren verkündete.

Geboren wurde Mark Hollis am 4. Januar 1955 im Nordlondoner Stadtteil Tottenham. Weil er kaum Interviews gegeben hat, ist auch nur sehr wenig über seine Kindheit und Jugend bekannt geworden. Er mag die Schule, eine „Grammar School“, also das damalige britische Äquivalent des deutschen Gymnasiums, abgebrochen haben oder nicht: Jedenfalls widmete er sich früh dem Schreiben von Songs und gründete 1977 die Postpunkband The Reaction. Deren Hauptverdienst es war, mit ihrem Lied „Talk Talk Talk Talk“ den Namen von Hollis’ Nachfolgeprojekt und musikalischem Selbstauslöschungsvehikel geliefert zu haben. Durch seinen Bruder Ed, einen Musikmanager, lernte Hollis Paul Webb, Lee Harris und Simon Brenner kennen – und bald war Talk Talk geboren.

Talk Talk: Abschied vom Konsens-Pop

Das erste Album „The Party’s Over“ orientierte sich stark am Synth-Pop der Zeit und brachte die Band damit ins Vorprogramm von Duran Duran. Aber schon mit dem zweiten Album „It’s My Life“ machte Hollis bereits im Titel deutlich, dass er sich entschlossen hatte, sich vom Konsenspop zu verabschieden. Unter der Regie des hinzugestoßenen Produzenten und Co-Songautoren Tim Friese-Greene entstand neben dem Titelstück auch „Such A Shame“, eine in der Popgeschichte seltene Mischung aus Psychedelik, Trauer und groß angelegter Pop-Produktion.

Zu dieser gesellte sich auf „The Colour of Spring“ dann groove-orientierter Artpop, der mit Fusionjazz-Akkorden liebäugelte, die zugehörige Tour erfolgte mit großer Band (Percussion, Backgroundsänger, etc.) und gastierte beim Jazz Festival in Montreux.

Seinen musikalischen Höhepunkt erreichte Mark Hollis jedoch auf dem vierten Talk-Talk-Album. Für „Spirit of Eden“ zog sich die Band mit zahlreichen Gastmusikern in eine abgedunkelte, zum Studio umfunktionierte Kirche zurück und nahm sechs Fragmente auf, die entrückte Drones mit Bluesbruchstücken verknüpfte und todessehnsüchtige Knabenchöre mit entschleunigten Motown-Beats sowie zerbrochene Orgelakkorde mit murmelnd ausgespucktem Sehnen nach Größerem vereinte. Von Heroin schien die Rede zu sein, oder aber von Gott.

Talk Talk – „Spirit of Eden“: Die Geburtsstunde des Postrock

Selbstverständlich war „Spirit of Eden“ weit weniger kommerziell ausgelegt als sein Vorgänger, der Streit mit Plattenfirma EMI hierüber sowie Hollis’ Weigerung, durch Tourneen oder Videos Werbung zu betreiben, führte zur Trennung vom Label, und das finale Talk-Talk-Album „Laughing Stock“, eine noch weitergehende Expansion von Hollis’ neu gefundenem Impressionismus, erschien 1991 bei Polydor.

Nach diesen beiden Meisterwerken, die im Nachhinein als Geburtsstunde des sogenannten Postrock identifiziert wurden, verschwand Hollis weitgehend von der Bildfläche. Nun ist er endgültig verschwunden und so der bereits in seinem Bandnamen angelegten Einsicht nachgekommen, dass nur Musiker, die nichts zu sagen haben, viel in der Öffentlichkeit reden, die anderen aber ihre Musik sprechen lassen.

Hören Sie sich heute „Spirit of Eden“ an, darin ist alles gesagt.

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