Zärtliche Geschichten: Zum Tod des Dokumentaristen Heinz Brinkmann

Die Insel Usedom war seine große Liebe. Geboren im Seebad Heringsdorf, kehrte Heinz Brinkmann auch als Regisseur immer wieder hierher zurück. Noch in seinem letzten Film, „Usedom – der freie Blick aufs Meer“ (2018), erzählte er von den Villen an Europas längster Strandpromenade, von der Vertreibung jüdischer Mitbürger durch die Nazis, vom wenig regulierten Bauboom der jüngsten Zeit.

In den Bildern schwang so etwas wie Abschiedsmelancholie mit, Brinkmann war während der Dreharbeiten bereits schwer krank. Am Donnerstag ist er 70-jährig verstorben.

Nach Biermann-Protest blieben die Aufträge aus

Anfang der 1970er-Jahre hatte Brinkmann an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg das Fach Kamera studiert und hier 1975 auch das Regie-Diplom erhalten. Danach war er als freiberuflicher Regisseur, Autor und Kameramann für die Defa-Wochenschau „Der Augenzeuge“ tätig.

Doch nachdem er im November 1976 einen Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR unterschrieb und auch nicht bereit war, diese Unterschrift zurückzuziehen, erhielt er vom Defa-Studio für Dokumentarfilme keine Aufträge mehr.

1976 hospitierte er bei Benno Bessons Inszenierung des Heiner-Müller-Stücks „Die Hamletmaschine“ an der Berliner Volksbühne, dann bei Thomas Langhoffs Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ am Maxim-Gorki-Theater. Mit der Hoffnung, später als Spielfilmregisseur arbeiten zu können, wirkte er als Regieassistent an Egon Schlegels Spielfilm „Das Pferdemädchen“ mit. Von 1983 bis 1991 kehrte er als Regisseur ins Defa-Studio für Dokumentarfilme zurück und war seit 1991 freischaffend.

Ein Ausschnitt aus dem Film „Usedom - Der freie Blick aufs Meer" von Dokumentar-Filmer Heinz Brinkmann.

Ein Ausschnitt aus dem Film „Usedom – Der freie Blick aufs Meer” von Dokumentar-Filmer Heinz Brinkmann. 

Heinz Brinkmanns Liebe zur Ostsee 

Schon während seiner Zeit bei der Wochenschau „Der Augenzeuge“ drehte er Sujets über Mecklenburg-Vorpommern, etwa über die Barlach-Gedenkstätte in Güstrow. Wichtig wurden ihm Filme über den Alltag in der DDR und spannende Biografien. Für die Defa-Kinobox, den feuilletonistischen Nachfolger der Wochenschau, stellte er unter anderem den 90-jährigen Stralsunder Maler Erich Kliefert vor oder beschrieb den Küstenschutz an der Ostsee. Mit einer „Ostseebox“, die mit skurrilen Porträts, surrealen Bildern und einer märchenhaften Erzählstruktur über die Sehnsucht nach Freiheit und ursprünglicher Natur philosophierte, konnte er seine künstlerischen Ansprüche deutlich machen.

Mit der schon 1987 gedrehten, aber erst im März 1989 uraufgeführten Reportage „Die Karbidfabrik“ gelang es ihm, Szenen aus dem Innenleben eines technologisch veralteten Karbidwerkes im Chemiedreieck Halle-Merseburg-Leuna zu einer Parabel auf die Endzeitstimmung in der DDR zu verdichten. Unmittelbar nach dem Sturz Honeckers im Oktober 1989 wurde der Film im Ost-Berliner Fernsehen als Beleg dafür gezeigt, dass die politische Zensur in den Medien der DDR nun ein Ende habe. 

„Waldschlösschen“, wo die Stasi wirkte

Viele folgende Filme verknüpften individuelle Erfahrungen mit zeitgeschichtlichen Momenten: In „Waldschlösschen“ über eine Staatssicherheits-Zentrale bei Schwerin kamen sowohl ehemalige Stasi-Mitarbeiter wie ein Pastor zu Wort, der sich in der Bürgerbewegung engagiert. „Das Feld brennt“ zeigt einen alten Kommunisten und Landarbeiter, der einsam am Rand einer Müllkippe lebt, die Politik hasst, an Gott zweifelt und nur der Natur vertraut.

„Horno und anderswo“ dokumentierte den Kampf der Einwohner um ihre Heimat und gegen die Braunkohle im nordrhein-westfälischen Garzweiler und im brandenburgischen Horno. All diese Filme reflektierten radikale gesellschaftliche Einschnitte und Umbrüche und ließen sich auf die Emotionen ihrer Figuren ein. 

Anpassungsverweigerer in Prenzlauer Berg

Zum größten Erfolg in Brinkmanns Schaffen wurde der gemeinsam mit Jochen Wisotzki 1990 gedrehte Film „Komm in den Garten“, eine der letzten Produktionen der Defa. Hauptfiguren sind drei Freunde und Anpassungsverweigerer aus dem Berliner Prenzlauer Berg, die sich gegenseitig zu leben und zu überleben helfen: ein Maler, der in der DDR als „arbeitsscheu“ gebrandmarkt war und zehn Jahre im Gefängnis verbrachte, ein Journalist, der dem Alkohol verfiel, und ein Außenwirtschaftler, der aus der Akademie der Wissenschaften entlassen wurde und am S-Bahnhof Schönhauser Allee selbst gebastelte Lampen verkauft.

Der poetisch-humorvolle Film beobachtet die drei Männer bei ihren täglichen Verrichtungen, lässt sie ausführlich zu Wort kommen, bietet ihnen die Gelegenheit zur Selbstinszenierung und reflektiert den existentiellen Widerspruch zwischen individuellem Freiheitsdrang und staatlicher Bevormundung in der DDR. Fünf Jahre später verfolgte der Regisseur mit „Der Irrgarten“ die Biografien der drei Männer weiter und reflektierte darüber, wie sehr Menschen gerade in Zeiten des Wandels nach innerem Gleichgewicht, Harmonie und Liebe suchen.

Der Regisseur und das Meer

Wie schon vor 1989 drehte der Regisseur auch nach der deutschen Vereinigung immer wieder an der Ostsee. In „Carmen – Haus am Meer“ erzählte er Geschichten einer Strandvilla auf Usedom, die einst als Pension seiner Großmutter gehörte und 1953 im Rahmen der „Aktion Rose“, einer politisch motivierten Enteignungswelle, in staatlichen Besitz überging. „Akt(e) Peenemünde“ über die auf Usedom gelegene einstige Raketen-Forschungsstätte der Nazis thematisierte die Komplexität und Kompliziertheit des Umgangs mit Geschichte.

In „Insellicht – Usedomer Bilder“ befragte Brinkmann die Maler Sabine Curtio, Volker Köpp, Oskar Manigk und Matthias Wegehaupt nach ihrem Verständnis von Kunst und Leben. Wie in vielen anderen seiner Arbeiten ging es dem Regisseur auch hier um das „Vergegenwärtigen des Standortes, ums Innehalten und Sammeln, was eine ebenso notwendige wie schwierige Aufgabe ist in Zeichen des nivellierenden Massentourismus, in der sich so manche Identität viel zu schnell auflöst“ (Horst Peter Koll). 

Drei ungewöhnlichen Brüdern wandte sich Brinkmann 2012 mit „Fallwurf Böhme“ zu, in dessen Mittelpunkt das Schicksal des ehemaligen DDR-Handball-Nationalspielers Wolfgang Böhme steht, dessen Karriere auf Betreiben der Staatssicherheit vor den Olympischen Spielen 1980 beendet wurde. Stets verdichtete Heinz Brinkmann Lebensgeschichten zu Zeitbildern. Und immer näherte er sich seinen Figuren mit leiser Empathie. Seine zärtlichen Erzählungen werden dem deutschen Kino fehlen.

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