Was für ein Tag: Seeed stellen ihr schönes neues Album „Bam Bam“ im Festsaal vor

Berlin –

Ganz zum Schluss hört man das verlorene E noch einmal. Als letzten Track ihres neuen Albums „Bam Bam“ haben Seeed ein Stück von Demba Nabé alias Boundzound alias Ear gesetzt, das dieser vor seinem überraschenden Tod im letzten Jahr aufgenommen hat. Gemeinsam mit Frank Dellé und Peter Fox hatte er die Band 1998 in Berlin gegründet. „What a Day“ heißt das Stück, das einzige englische auf dem Album. Die sonst inspiriert gemischtsprachige Gruppe singt nämlich diesmal nur auf Deutsch.

Nabés Beitrag fällt auch musikalisch aus dem Rahmen, eine sehnsüchtige, ausladend gecroonte Soulballade mit Streichern, die hoch über den Titel wehen. Die restlichen Stücke bewegen sich mit gewohnter Souveränität über die Ländereien aus Dancehall-Reggae, HipHop und Verwandtem, die sie seit je aufs Ertragsreichste verkuppeln, diesmal unterstützt von den Produzenten The Krauts, die einst ihren Hit „Ding“ verantwortet hatten, aber neben Peter Fox’ enormem „Stadtaffe“ auch das erste Solo von Nabé als Boundzound produzierten.

Wobei Seeed in erster Linie eine Liveband sind, und zwar eine der besten, die man erleben kann – fast alle 13 Musiker sind seit den Anfängen dabei.

Die sieben Jahre, die zwischen diesem fünften Album seit 2001 und dem Vorgänger „Seeed“ liegen, deuten dieses Gewicht an. Sie brauchen nicht ständig neue Songs, zumal sie die alten ja aufpolieren oder neu denken können. In den Konzerten am Dienstag und Mittwoch im kleinen Festsaal bestätigten sie das ganz wunderbar.

Seeed: Lebensfreude trifft den Kern ihrer Musik 

Klar, es war ein Aufwärmen für die anstehenden Konzerte – zweimal Schmelinghalle im November, dreimal Wuhlheide, dreimal Waldbühne plus Zusatzkonzert im nächsten Sommer – die nach drei Jahren Tourabstinenz längst ausverkauft sind. Aber man konnte nur staunen über die lässige Tightness des Treibens. Eine gute Handvoll „Bam Bam“ hat die beste Danceband Deutschlands schon im Programm, wie das Album beginnen sie auch das Konzert mit „Ticket“. Ein toller Track, mit gedämpfter, aber dichter Percussion, klingelnden Juju-Gitarren und herrlichem Afrobeat-Bläsersatz, wie vielleicht überhaupt, muss ich später bei Tracks wie „Waterpumpee“ oder Fox’ „Schwarz zu Blau“ denken, der beste Trick des Seeedsounds die fantastischen Bläser sind.

In „Ticket“ geht es um die wunderlichen Wege des Lebens, das bei aller Pein auf dem Weg eben doch das tollste ist – eine Bilanz, die vielleicht auch an die Zeiten erinnert, in denen vor allem Peter Fox vor dem atemlosen Ruhm floh, aber wohl auch an die Zeit nach Demba Nabés Tod: „Irgendwann ist alles vorbei/ doch so sieht der Deal aus/ ich würd ihn wieder nehmen“, singen Fox und Dellé mit entschlossener Wehmut.

Lebensfreude trifft mehr noch als Party den Kern ihrer Musik, und das neue Album scheint in diesem Sinne etwas verhaltener, aber nicht weniger grundsätzlich. „Lass sie gehn“, das zweite Stück, auch eine Single, kommt mit einer dicken Kopfnickersense aus dem Reggae angeschwappt, über die Fox und Dellé von einer unerfreulich ans Ende geratenden Beziehung berichten – aber es handelt vom Loslassenkönnen und Weitermachen.

So ist das Album trotz allem ein Seeedalbum, bunt und breit wie die schicken Fatsuits, die sie im Video zum Pfeffersack-Diss „Geld“ tragen, dessen karg zickiger Beat wie ein stolz zu eng geschnallter Gürtel klingt; bauchig gebeult wie im Partytrack „Love and Courvoisier“; und mit weit offenen Rootsreggae-Armen wie in „Komm in mein Haus“, dessen Geste sich als Beitrag zur Fluchtlage in Welt und Land verstehen lässt.

„Bam Bam“ klingt, als hätten Seeed erfolgreich und mutig losgelassen 

Ins Haus geholt haben sie sich auch ein paar Featuregäste, Deichkind für eine minimale Elektrofigur, die an alte Dr.-Dre-Schlaufen einnert und den Sex im Hellen feiert, R&B-Sänger Trettmann für einen massigen Autotune-Dub-Hop und die Rapperin Nura, die den Grund für die britzelnde Umwölkung von „Sie ist geladen“ mit den Worten erklärt: „Wegen dir hab ich ständig meine Tage/ und der Sex ist ne Blamage“. 

Für diese kam Nura am Mittwoch auch kurz und knackig auf die Bühne, mit einer Beiläufigkeit, die den ganzen Auftritt prägte, in dem nicht nur die Zivilkleidung oder eben die „neuen Outfits“, wie Fox von der Bühne scherzte, sondern auch die eher anchoreographierten Bewegungen der zwei verbliebenen Frontleute sehr charmant den Bolzplatz-Charakter anspielten.

„What a day“ fehlte selbstverständlich. Aber Nabé war dennoch auf anrührende Weise dabei. „Demba, siehst du das?“, rief Fox in den Jubel, bevor sein Part in „You & I“ vom Band kam, die leere Bühnenposition zwischen Dellé und Fox von einem hellen Spot markiert. Man weiß es nicht. Aber Auftritt und Album klingen, als hätten Seeed erfolgreich und mutig losgelassen.

Seeed – Bam Bam (BMG/Warner)
 

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