Vor 74 Jahren: Als die Bomben auf Potsdam fielen

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In der Goethestraße in Babelsberg schlägt eine Bombe ein. Anneliese Boick ist nicht in den Bunker gegangen. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter steht sie unter freiem Himmel. Ihre Tochter entgleitet ihr. Sie selbst wird verschüttet und hat „nur die Arme noch frei“. Sie kann keine klaren Gedanken mehr fassen. „Was wird nun?“, fragt sie sich. Aber da ist schon der Vater bei ihr und gräbt sie und die Tochter daneben aus. Sie blickt sich um. Die Bombe hat wohl eine Garage ganz in der Nähe getroffen. Die Autos wurden herausgeschleudert. Zusammen machen sie sich auf den Weg zum nächsten Luftschutzbunker.

Im Keller in der Wollestraße in Babelsberg, dort, wo Anneliese Sotschek hockt, öffnen sich durch den Luftdruck der Bomben die Rußklappen der Öfen. Die Menschen drohen zu ersticken. Die Hauswirtin fasst sich ein Herz, rennt hoch und holt Wasser.

In der Wallstraße (heute: Karl-Gruhl-Straße) in Babelsberg brennt es „an einigen Stellen lichterloh“. Das Schnelligkeitskommando mit Harry Wonneberger rückt an. Bevor die Löscharbeiten beginnen können, „muss man zunächst Wasser holen; es wird aus der Havel gepumpt mit einer 500 Meter langen Schlauchkette“. Tote Körper und der “Geruch verkohlter Leichen” gehen ihm nahe, aber Angst hat Harry Wonneberger nicht. Durch Löscharbeiten in Berlin „hat er die schlimmsten Folgen von Luftangriffen“ erlebt. Er und seine Kameraden sind „abgestumpft“. Über die Erlebnisse sprechen sie untereinander nicht. Ihre Nacht wird noch bis Sonntag um 15 Uhr gehen.

Auch Dorothea Günther empfindet eine Todesnähe wie nie zuvor. Sie hat das Gefühl, die Welt geht unter. Die Mauern rings herum „wackeln, Kalkbrocken fallen von der Decke, Mörtel rieselt herunter, zerberstendes Glas scheppert“. Der Boden unter ihnen rollt so, „als sei heftiger Wellengang“. Bei jedem Einschlag denkt sie, dass das Haus einstürzt, das Ende gekommen ist.

In dem Schutzraum in der Nähe des Parks Sanssouci, in dem auch Karl-Heinz Voß und seine Mutter sind, herrscht Totenstille. Die Menschen im Keller sind bleich und schweigen. Auch Wolfgang W. ist von dieser unheimlichen Stille umgeben. Stumm beten die Menschen, während draußen die Bomben fallen. Im Keller schwankt es „wie auf einem Schiff oder bei einem Erdbeben“. Das Heulen der fallenden Bomben ist das Schlimmste. Sobald es aber kracht, stellt sich auch eine gewisse Erleichterung ein: Man lebt noch, die Bombe ist woanders explodiert. Dann geht ganz in der Nähe eine Luftmine runter. Der Zugang zum Keller ist verschüttet.

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