Tanz im August: Virve Sutinen schlägt Tanzhaus für Berlin vor

Virve Sutinen empfängt im vierten Stock des Hebbel-Theaters, die Hitze steht noch in den Räumen. Die 57-jährige Finnin leitet seit sechs Jahren das Festival Tanz im August und muss diesen wichtigen Dauerbrenner der internationalen Szene immer neu an die kulturpolitische Wetterlage anpassen.

Frau Sutinen, der Tanz im August bekommt seit zwei Jahren mehr Geld. Sie können jetzt mehr große Produktionen einladen als früher. Im vergangenen Jahr hat das bei Kritik und Publikum für euphorische Begeisterung gesorgt. In diesem Jahr fällt ihr wichtigster Partner, das Haus der Berliner Festspiele, wegen Umbaus aus. Und andere Berliner Bühnen, die für die Präsentation großer Produktionen geeignet wären, wie etwa die Schaubühne, verschließen sich.

Ja, das ist wirklich ein Drama und zwar nicht nur für uns. Wir als Festival leiden gerade mal drei Wochen unter dieser Situation, aber das Berliner Publikum leidet das ganze Jahr darunter. Man muss jetzt abwarten, wie es weiter geht. Wir haben in den vergangenen sechs Jahren ein großes Publikum aufgebaut. Dass wir dessen Erwartungen nun nicht entsprechend erfüllen können, ist letztlich ein Problem der politisch Verantwortlichen. Sie sind hier gefordert und nach meiner Einschätzung ist der politische Wille da, das Problem zu lösen. Aber das kann nicht nur um uns gehen, es muss dabei um den Tanz in Berlin insgesamt gehen.

Es wurde in den vergangenen Monaten vehement ein eigenes Tanzhaus für Berlin gefordert. Wäre das aus ihrer Sicht die Lösung?

Es wäre auf alle Fälle eine Weise das Problem zu lösen. Aus meiner Sicht ist die jetzige Situation nicht zu rechtfertigen. Das Publikum für Tanz in der Stadt ist da, es kann deutlich nicht so viel Tanz sehen, wie es gern möchte. Aber es gibt nicht nur zu wenige internationale Gastspiele in der Stadt. Es gibt in Berlin vor allem auch ein großes Potential an talentierten Tanzkünstlern, die gern in größeren Formaten arbeiten würden und das nicht können, weil die dafür notwendige Infrastruktur fehlt. Der zeitgenössische Tanz hat in den vergangenen Jahrzehnten ein Gewicht bekommen, dass sich in der Fördersituation und der Infrastruktur nicht widerspiegelt. Es geht dabei nicht nur um die fehlende große Bühne für den Tanz. Es geht ganz grundsätzlich darum Tanzproduktionen unter professionellen Bedingungen zu ermöglichen. Tanzkünstler in Berlin recherchieren, proben, entwickeln ein Stück über ein Jahr und dann zeigen sie es meist nicht öfter als vier Mal. Darunter sind viele Arbeiten, die so großartig sind, dass sie Potential für ein langes Bühnenleben hätten. Das darf einfach nicht so weitergehen.

Sie richten alle zwei Jahre eine Retrospektive für eine Künstlerin aus. In diesem Jahr gibt es eine ungewöhnlich große Werkschau der amerikanischen, fast 80-jährigen Tanzlegende Deborah Hay.

Deborah Hay ist eine Ausnahmeerscheinung im Tanz. Sie vereint in sich und in ihrer langen Künstlerbiografie die Aufbrüche des postmodernen Tanzes in der New Yorker Judson Church und auch die des Konzepttanzes − über den sie dann aber auch hinaus gegangen ist, um noch einmal ganz woanders zu landen. Ein Festival versprüht mit seinem Programm immer besondere Funken, die aber meist auch schnell wieder verglühen. Wir wollen auch einen tieferen Blick in das Schaffen eines Künstlers ermöglichen. In der bildenden Kunst bekommen die Künstler, wenn sie wichtig genug sind, in verschiedenen Schaffensphasen solche Retrospektiven, die ihnen selbst, genauso wie ihrem Publikum, ermöglichen, neben ihr Werk zu treten und es zu reflektieren. Eben das wollen wir den Zuschauern und den Künstlern selbst auch im Tanz ermöglichen.

Was macht für Sie die Besonderheit Hays aus?

Ich gehöre zu der Generation, die den Konzepttanz regelrecht inhaliert hat. Es war meine Kunstform. Aber irgendwann begann ich mich, begannen wir uns ja alle zu fragen: Was kommt jetzt? Wie kann Bewegung, wie kann Tanz wieder eine Rolle spielen? Deborah Hay schafft in ihrem choreografischen Denken eine Verbindung, wo andere in Sackgassen laufen. Bei ihr geht es sowohl um Konzept als auch um Bewegung. Wir werden es bei dem Gastspiel des Stockholmer Cullberg sehen, das im Radialsystem Hays „Match“ zeigen wird. Für mich passiert in diesem Stück Essentielles, wir erfahren darin aus meiner Sicht wirklich etwas über die Weisheit des Körpers.

Sie zeigen, wie jedes Jahr, viele Arbeiten mit politischen Themen. Wen ich aus dem vergangenen Jahr als faszinierende, aber auch irritierende Künstlerin in Erinnerung habe, ist Nora Chipaumire.

Nora Chipaumire setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit damit auseinander, wie sie als schwarze Künstlerin mit der eigenen Blackness auf der Bühne umgehen kann. Chipaumire wurde in Simbabwe geboren. Sie fragt etwa danach, was Schwarzsein dort bedeutet und inwieweit das etwas ganz anderes ist als in Brooklyn, New York, wo sie jetzt lebt und wo schwarze Kultur mit der Geschichte der Sklaverei einen ganz anderen historischen Hintergrund hat. Chipaumire fordert dabei ihr Publikum heraus, sie provoziert, verwirrt. Sie hat auch keine Angst davor, ihr Publikum zu enttäuschen. Das schätze ich sehr an ihrer Arbeit.

Ich hatte den Eindruck, viele Zuschauer waren eher ratlos.

Das ist doch großartig. Ich bin unbedingt für Arbeiten, die verunsichern, verwirren und ratlos machen. Gerade wenn es um politische Themen geht. Das Großartige an Kunst ist doch, dass es sich quer stellen kann zum politischen Alltag mit all seinen Debatten, Polarisierungen und Fronten, dass das dort kollabieren kann. Eine Kunst, die politische Gewissheiten festklopft und bestätigt, interessiert mich nicht.

Neben Deborah Hay gehört ein Abend mit Stücken von Merce Cunningham und eine Uraufführung von Jérôme Bel über die Tanzikone Isadora Duncan zu den besonderen Highlights des Festivals. Merce Cunningham ist der Begründer des postmodernen Tanzes schlechthin und Jérôme Bel ist die große Gründungsfigur des Konzepttanzes. Ist das die historisch-dramaturgische Klammer des Festivals?

Das war gar nicht so beabsichtigt, sondern eine glückliche Fügung. Bei der Chance, eine Uraufführung von Jérôme Bel präsentieren zu können würde wohl jeder Tanzkurator der Welt ja sagen. Aber es passt nicht nur tanzhistorisch hervorragend, sondern auch inhaltlich. Isadora Duncan ist die präfeministische Tanzikone schlechthin. Sie war ein unwahrscheinlich freier Geist. Sie hat nicht nur ihre eigene Kunstform erfunden, sie hat auch die gesellschaftlich normierte Frauenrolle radikal gesprengt. Deborah Hay zählt in diesem Sinn zu ihren großen Erbinnen. Das Ballet de Lorraine zeigt in der Volksbühne mit „Rain Forest“ eines von Cunninghams Schlüsselwerken. „Rain Forest“ ist eines seiner großen klassischen Stücke, aber am gleichen Abend präsentieren wir mit „Berlin Story“ auch eine Fassung des Dance On Ensemble von Cunninghams bahnbrechenden, 1963 entstandenen, verrückten Stück „Story“.

Wieso verrückt?

„Story“ ist der Anfang von etwas Großem. Cunninghams Nachdenken über Zufallsoperationen, über all seine Kunsttheorien und die Frage, wie man sie auf die Bühne bringen kann, die beginnen hier. Dafür, dass die Tänzer auf der Bühne auch wirklich improvisieren, hat damals Robert Rauschenberg gesorgt. Er hat Gegenstände, die er im Theater gefunden hat auf die Bühne gelegt und sie während der Aufführung immer wieder neu arrangiert. Einige Tanzsequenzen und Spielanweisungen von „Story“ sind verloren gegangen. Das Dance On Ensemble hat in Kooperation mit dem Festival nun eine Berliner Fassung von diesem Stück erarbeitet, das ist auch eines unserer Highlights. Bei allen Problemen, die wir in diesem Jahr mit den großen Bühnen hatten, wurden wir bei unserem Programm also durchaus auch mit Glück gesegnet.