Stückemarkt des Theatertreffens: Krassheiten und Sprechschwächen

Und wieder grüßt das Murmeltier namens Stückemarkt. Was hat das Tierchen in seinen 41 Jahren nicht alles durchgemacht! Große Zeiten hat es gegeben, eifernde Jungautoren ließ es an den Futternapf. Immer dicker ist es geworden, ganz Europa wurde sein Auslauf und dann, plötzlich, sollte sein Lieblingsspiel, der Wettbewerb, abgeschafft werden.

Es wurde zum kuratierten Pflegefall, und man erzog es um zugunsten einer neuen Murmeltierspezies, die sich „Projekt“ nennt. Besonders gut getan hat ihm das alles nicht, weshalb es heute nur noch ein ruhiges, in sich gekehrtes Nischendasein führt im Programm des Theatertreffens, wo es sich an den betriebsinternen Nachwuchs richtet.

Globaler Stückemarkt

Und trotzdem sollte auch in diesem Jahr wieder alles neu und besser werden: Maria Nübling heißt die neue Chefin, die am Eröffnungstag nicht müde wurde, auch die zweite große Neuheit zu verkünden, dass der Stückemarkt von nun an „global“ ist und Einsendungen aus aller Welt erwartet. Englisch ist die neue Geschäftssprache, weshalb sie selbst auch nur noch „english“ sprach, was zugleich den Umstand erklärt, dass überhaupt nur noch zwei der fünf Stücke auf deutsch zu hören waren: der sowieso deutsche Text des in Österreich lebenden Iraners Amir Gudarzi, der eine leider völlig überformte Bastelarbeit zum Thema Flucht und Vertreibung mit dem Titel „Die Burg der Assassinen“ ist – Gudarzi selbst nennt es „eine Choreographie der Worte“.

Zum anderen die Übersetzung von „Pussy Sludge“ der Amerikanerin Gracie Gardner.
Beide Arbeiten, gleich sei es gesagt, strapazieren die Nerven eher, als dass sie anregten, nicht, weil sie formal so viel wollten, sondern weil ihre Form- und Motivspielerei wenig bis nichts zu sagen hat.

Allegorische Öl-Menstruation

Dabei muss man Gardner für die surreale Fantasie ihrer „Pussy Sludge“-Groteske noch gratulieren, denn sie beschreibt darin eine junge Frau, die sich selbst suchend, dabei wild onanierend plötzlich in einem Sumpf aus Rohöl wiederfindet, das sie selbst menstruiert. Dort im symbolisch-allegorischen Feminin-Matsch erlebt Pussy eine Reihe systemrelevanter Begegnungen, vom Umweltschützer zum Manager, doch unterwirft sie sich keinem amerikanisch korrekten Leben mehr, sondern bleibt der befreiten Schmiere ihrer Vagina treu. Man muss sich Pussy als glückliche Emanze vorstellen doch bleibt, trotz der netten Schrillheit, ihr Text schwingungslos.

Über die Trockenkunstübung Amir Gudarzis sei nur wenig gesagt. Denn sein gezirkeltes Bildermosaik aus sprechenden Sphinxen und klagenden Bergen, dem Asienreisenden Marco Polo, den einfallenden Mongolen, rücksichtslosen Skitouristen und einsamen LKW-Fahrern auf europäischen Autobahnen, die mal Nutten, mal Flüchtlinge im Gepäck haben, schlägt zwar einen großen Bogen vom Mittelalter bis heute, doch transportiert es schlicht nichts.

Stärkende Präsentationen

Seine surenhaft verbrämten Sprachrituale kreisen nur um sich selbst, was die locker rotzige Lebendigkeit der Schauspieler Jasna Fritzi Bauer, Katrin Wichmann, Ferdinand Lehmann und Eray Egilmez bei der szenischen Lesung allerdings erlösend konterkarierte. Auch die nebenbei viel Obstsaft vermatschende Präsentation von „Pussy Sludge“ war mit Julia Riedler und Hilke Altefrohne ein echter Gewinn für das Stück. Weshalb man bei aller Schwäche der Texte die Stärkung ihrer Darbietung nur begrüßen kann.

Ganz im Gegensatz zu der technisch beschämend abgelaufenen ersten „Projekt“-Präsentation „Fall on Pluto“ des Ukrainers Sashko Brama & Ensemble, in der von den englischen Übertiteln wenig zu sehen war. Dabei kommt es gerade auf die Erzählungen der alten Menschen an, die Brama in einem Lemberger Altenheim besuchte und deren Stimmen hier nun erklingen.

Besondere Alt-Jung-Symbiose 

Sie erzählen von einer vergangenen Welt, von Sehnsucht nach Menschlichkeit, die in der aggressiv konsumistischen, neonationalistischen Ukraine heute extraterrestrisch klingt. Das Wunderbare des Abends sind die menschengroßen Puppen für diese Alten, die in besonderer Symbiose von den jungen Spielern bewegt werden: unten stecken ihre Gewänder in den Beinen der Künstler, die sich erst von der Hüfte an in zwei Wesen teilen. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft greifen auf diese Weise direkt ineinander, und ihre Vertreter lassen sich hier wirklich darauf ein. 

Gelingt Brama damit die szenisch interessanteste Performance − wobei seine chilenische Kollegin Manuela Infante, deren One-Woman-Show über die Vorteile des Pflanze-Werdens „Estado Vegetal“ am nächsten Donnerstag den stärkeren Text liefert −, führt der Amerikaner Nazareth Hassan mit „Vantablack“ das Trio der Autoren an. Dabei spricht auch er mit seiner Aufbereitung des Rassismus, wie schon „Pussy Sludge“ mit ihrer Sexualität, vor allem Amerika selbst an.

Darf er das?

Das ist die größte Ironie der neuen Stückemarkt-Globalisierung: Dass kaum ein Stück wirklich globale Sprechkraft hat. Als inneramerikanische Provokation erscheint „Vantablack“ dennoch stark, denn es imaginiert in knappen Shortcuts eine Gesellschaft, in der jenes Gesetz real geworden ist, das kurz nach dem Bürgerkrieg 1865 im Kongress diskutiert wurde: Die befreiten Sklaven sollten Reparationszahlungen bekommen, um sich selbst Existenzen zu schaffen. Wäre das erfolgt, sähe Amerika heute anders aus.

Dass sich mit der sozialen Frage aber auch der Rassismus einfach erledige, behauptet „Vantablack“ nicht. Vielmehr dreht es mit teils krassen rassistischen Sprachspielen den Rassismus noch weiter und feiner. Die Wunden der Sklaverei sitzen tiefer und so flattern die „N-Worte“ bei Hassan wie Fliegen durch die Szenerien, die kein schwarz-weißes Erniedrigungsritual auslassen. Darf er das?