Sting-Konzert in Berlin: Musik für Uncoole – und das ist auch gut so!

Viele ältere Menschen, aber auch einige ihrer Kinder und Enkel hatten die bestuhlte Mehrzweckhalle am Ostbahnhof ausverkauft, als hier am Donnerstagabend der britische Musiker Gordon Matthew Thomas Sumner alias Sting auftrat und im Rahmen der Bewerbung seines aktuellen Albums „My Songs“, welches Neuinterpretationen seiner schönsten Erfolge enthält, auf der Bühne Neuinterpretationen seiner schönsten Erfolge darbot! Und, glauben Sie mir, es war ein sehr gutes Konzert!

Sting-Konzert in Berlin: Schlimme Dinge

Denn obwohl Sting natürlich als zutiefst problematische Figur anzusehen ist – diese selbstgerechte, pompöse Weltverbesserungsgestik! Der ganze tantrische Sex! Diese cleanen Welt-Jazz-Pop-Arrangements mit all dem Brandford-Marsalis-Gedudel oben drüber! Überhaupt all diese „guten Musiker“ in seinen Begleitbands! Die Touren mit Orchester! Die Platte mit Renaissance-Lauten-Musik! Überhaupt eigentlich der Großteil seiner Musik!

Diese Textzeile über die Nichtigkeit persönlichen Besitzes und dazu seine zahlreichen Anwesen von Malibu bis Toscana! Die Zeile, er hoffe, die Russen liebten ihre Kinder auch! Diese Tee-und-Spazierstock-Klischees in „Englishman in New York“! − obwohl ich mir also bei einigen Freunden, die immer noch dem sich fundamental selbst im Weg stehenden Konzept des guten Musikgeschmacks im Pop hinterherhängen, ernsthafte Probleme einhandeln könnte, muss ich an dieser Stelle wieder einmal sagen: Ich bin Sting-Fan!

Sting-Konzert in Berlin: Tolle Dinge

Denn neben all dem Quark, den er höchst erfolgreich verzapft hat, gibt es eben auch all diese vornehmlich zu seinen Zeiten bei The Police entstandenen Stücke wie „Message in a bottle“, „Wrapped around your finger“ oder „Every Breath you take“ − Meditationen über urbane Vereinsamung und die Parallelen zwischen ungesund obsessiver Liebe und einem zum Überwachungsstaat tendierenden System – in Zeiten sozialer Medien, so stellte man am Donnerstagabend fest, gewinnen diese Stücke eine erneute Aktualität.

Auch gut, dass Sting Musik für ältere, uncoole und mit wenig moderner Mediengeschultheit ausgestattete Menschen macht, so dass sein Konzert anders als die meisten Arena-Pop-Events unserer Zeit nicht von Epilesie verursachenden Videoschnittgewittern und hundert Kostümwechseln dominiert wurde, sondern darin bestand, dass ein paar ältere und einige etwas jüngere Musikerinnen und Musiker auf der Bühne standen und ihre Instrumente spielten, während Sting, der seinen Arm aufgrund einer Schulterverletzung in der Schlinge hatte, da stand und sang.

Sting-Konzert in Berlin: Solche und solche Dinge

Übel nehmen würde ich ihm nur, dass er im Zuge der an sich eher nur mäßig ausufernden „Neuinterpretierung“ seiner Songs die wunderschöne Strophen-Melodie aus „Wrapped around your Finger“ zugunsten einer langweilig bluesigen Nach-Unten-Skala wegließ, dass er es für nötig hielt, mehrfach Bob-Marley-Zitate in seine Lieder einzuflechten, dass er immer noch diese beknackte Hotelbar-Version von „Roxanne“ spielt, dass zu Anfang des Konzerts, wenngleich charmant auf deutsch, zu viel redete, dass er „Shape of my heart“ unbedingt der das Stück sampelnden R’n’B-Heulbojen-Ballade „Lucid Dreams“ von Juice WRLD anpassen musste, dass er dafür aber den Text von „Russians“ nicht an die Jetztzeit angepasst hatte (Die Sowjets? Bitte?), dass er mehrere redundante Soul-Passagen einbaute (er ist kein Soul-Sänger!) und dass er die erste Strophe von „Fields of Gold“ gesanglich unnötig verjazzte.

Aber ansonsten war es ein toller Abend! Besonders „King of Pain“, die erste Zugabe, wurde trotz seiner etwas klobigen Seelenschmerz-Metapher-Lyrik zu einem äußerst slicken Hybrid aus Funk und Depression. Tut mir leid, aber Sting ist ein großer Künstler.

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