Sleaford Mods im Festsaal Kreuzberg: Die Jungs mit dem besten Job der Welt

Viele Männer, aber auch einige Frauen waren am Dienstagabend in den Festsaal Kreuzberg gekommen, als hier das für sein Verärgertsein allseits beliebte Duo Sleaford Mods aus Nottingham das erste von zwei ausverkauften Konzerten gab; den wenigen Lesern, denen diese Band noch kein Begriff ist, sei ihre Bühnenpräsenz als eine Art Punkversion der Pet Shop Boys beschrieben: Vokalist Jason Williamson vokalisiert, Musiker Andrew Fearn steht mit einem Bier in der Hand am Laptop und drückt zu Beginn jedes Stückes auf Play, sonst nichts.

Sleaford Mods: Immer nur brüllen verliert irgendwann seine Dringlichkeit

Aus dem Laptop kommen minimale Loops aus der Post-Punk- und Electro-Welt, und Williamson flucht sich dazu im breiten Midlands-Akzent um Kopf und Kragen, während er Szenen aus dem Leben der britischen Underclass beschreibt. Seit zwölf Jahren und zehn Alben klingt die Band beinahe unverändert, wenn man mal davon absieht, dass ihr aktuelles Album „Eton Alive“ − man bemerke das Wortspiel um das Eliteinternat, dem ein Großteil des aktuellen konservativen Kabinetts um Boris Johnson entstammt – von einer Spur Resignation belegt scheint, die den puren Ärger etwas zu dämmen scheint.

So schien auch der begeistert bejubelte Auftritt des Duos im Festsaal zunächst etwas reflektierter als frühere Darbietungen; und, als das aktuelle Stück „Subtraction“ einen hübsch statischen Synthesizer-Akkord zugewann, der Williamsons Rage-Rhythmik auf beinah melancholische Weise einwattierte, freute man sich über diese neue Dimension der Band. Immer nur brüllen, brüllen, brüllen wird verliert ja dann auch irgendwann seine Dringlichkeit.

Sleaford-Mods-Konzert bringt viele Charakteristika unserer Zeit zusammen

In solch weniger atemlosen Momenten konnten man darüber nachdenken, dass ein Sleaford-Mods-Konzert viele Charakteristika unserer Zeit zusammenbringt: Visuell gleicht das Gesamtbühnenbild einem TED-Talk, der gerade richtig aus dem Ruder läuft; Williamson spricht seinen Part, aber auch den anderer Charaktere seiner Geschichten, seine zunehmend manischen Selbstgespräche erinnern an Tourette-Syndrom und schizophrene Psychose, sie personifizieren gewissermaßen unser aller internetbedingte Reizüberflutung und liefern die Verärgerung darüber gleich mit. Das Beste ist, dass man dazu herumhüpfen und ganz viel Bier verkleckern kann!

Was die Menschen im Festsaal auch taten. Umso mehr, als dann bald doch die altbekannte Intensität der Sleaford Mods wiederkam; ein „left-wing Boris Johnson“ wurde in einem Lied angepöbelt; lebensbejahende Stücke wie „Jolly Fucker“ oder „Jobseeker“ erschienen und trotz allen Ärgers hatte Williamson, der sich übrigens regelmäßig in beinah folkloristischem Beinanheben übte, so manches Lächeln fürs Publikum über; eigentlich auch kein Wunder, denn wer würde sich schon darüber beschweren, Abend für Abend kathartisch seinen Unwillen auszukotzen beziehungsweise nichts zu tun als Bier trinken und Play drücken und dafür bejubelt zu werden? Auch fragt man sich mit vielleicht unangebrachter Bangigkeit: Was machen diese beiden, falls die Welt einmal besser wird?

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