Singen gegen Verdrängung: Christiane Rösingers Musical „Stadt unter Einfluss“ im HAU

Die Tatsachen liegen auf dem Tisch: Mehr als 220 000 städtische Wohnungen hat Berlin in den letzten Dekaden verkauft. Das Geld ist längst weg, und die Immobilien sind inzwischen ein Vielfaches wert, während die Wohnungsnot immer groteskere Auswüchse annimmt. Die öffentliche Hand hat ihr Vertrauen verspielt, der Markt dreht frei.

„Die Bewirtschaftung der Wohnbestände“, schreibt der Sozialwissenschaftler Andrej Holm in einem mit ernüchternden Zahlen gespickten Beitrag für das HAU, „entkoppelt sich sowohl von den Gebäuden als auch von dem eigentlichen Vermietungsgeschäft. Wohnen ist nicht länger der Zweck der Vermietung, sondern nur noch notwendige Begleiterscheinung einer wirtschaftlichen Optimierung“.

Singen gegen Zahlen

Die Bestandsmieten sind in zehn Jahren um 37 Prozent auf 6,65 Euro pro Quadratmeter gestiegen, die Steigerung bei den Neuvermietungen kletterte sogar um 78 Prozent auf 10,70 Euro. Für Eigentumswohnungen bezahlte man 2018, verglichen mit 2008, fast das Dreifache: 4098 Euro pro Quadratmeter (2008: 1540 Euro). Einkommensschwächere Menschen werden aus ihren Vierteln gedrängt. Kaum einer in dieser Stadt, der noch keine Erfahrung mit der Gentrifizierung gemacht hat. Was kann man tun? Man kann zum Beispiel singen.

„Berlin bleibt!“ heißt das angstlos und lustvoll politisierte Theaterfestival, mit dem das Hebbel am Ufer am Donnerstag seine Spielzeit eröffnete. Das Theaterkombinat hat sich im Erdgeschoss eines nahe gelegenen Büroturms eingemietet, wo bis vor Kurzem eine Postbankfiliale untergebracht war − auch so ein Spekulationsobjekt (seine Geschichte kann man, wie den Holm-Aufsatz, in der Festivalpublikation nachlesen, in der sich auch viele wohnungspolitische Initiativen vorstellen).

Hier wird zurückgestresst

In einer der ehemaligen Servicekabinen sind zwei rote Telefone installiert, mit denen man skrupellose Immobilienbesitzer anrufen kann. Das Projekt in Horroranmutung heißt „Haunted Landlord. Die Rückkehr der Entmieteten“. Der Telefonterror funktioniert auch automatisch: Die Aussagen von dokumentierten, besonders schikanösen Geschichten Betroffener wurden von Schauspielern eingesprochen, und die Telefonbots klingeln nun zu jeder Tages- und Nachtzeit bei den Vermietern, um ihnen ins Gewissen zu reden.

Angesichts der Maßnahmen, die von anderer Seite mitunter ergriffen werden, ist man geneigt, das als eine milde und angemessene Form der Selbstjustiz durchgehen lassen. Aber es hebt die Laune im Kampf um die soziale Frage Nummer eins auch nur momentweise. Gute Laune ist jedoch ganz entscheidend für die Durchschlagskraft in diesem zermürbenden, mit dreckigen Mitteln geführten Kampf. Singen könnte also wirklich helfen. Und das ist nicht pazifistisch gemeint.

Rücksichtslos stimmungsaufhellend

Nachdem bereits Dirk von Lowtzow (Tocotronic) mit René Pollesch (Volksbühne) 2015 die allerdings deprimierende Gentrifizierungsoper „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ herausbrachten und 2018 She She Pop mit dem zum Theatertreffen eingeladenen interaktiv-statistischen „Oratorium“ nachlegten, geht die Berliner Sängerin Christiane Rösinger (Lassie Singers, Britta) noch einen Schritt weiter, indem sie sehr cool und gezielt das rücksichtslos stimmungsaufhellende Genre des Musicals für den Kampf gegen den Neoliberalismus in Anschlag bringt. Mit dem Hauptakt des Festivals, der HAU-Eigenproduktion „Stadt unter Einfluss“, brachte sie das Publikum im Hebbeltheater zum Jubeln.

Man kennt das schöne Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen von den sozialkritischen Mutmacher-Musicals im Gripstheater. Rösinger hat nach eigenem Bekunden auch gar nichts dagegen, wenn man „Stadt unter Einfluss“ als Agitprop einsortiert.

Dem Neoliberalismus auf die Nuss

Die von ihr selbst gesungene Hauptfigur fürchtet, nach über dreißig Jahren ihre Wohnung zu verlieren. Sie muss nach einem Besitzerwechsel demütigende Besichtigungen über sich ergehen lassen − alles authentisch. Dann aber kommt sie in Kontakt mit anderen betroffenen Nachbarn, es gibt Songs über die Mühen von Mieterversammlungen, es geht ein bisschen gegen Touristen und die Biobourgeoisie, Andreas Spechtl (Ja, Panik!) steuert einen Walzer über die Wiener Wohnungspolitik bei − das „Gemeindebaulied“ − und ein trauriges Duett über ein Paar, dessen Liebe in einer zu kleinen gemeinsamen Wohnung stirbt, und das gefangen bleibt, weil es nicht auseinanderziehen kann.

Aber dann wird alles gut! Die nötige politische Wirkung ist erzielt, wenn man am nächsten Morgen auf dem Weg zu seiner fremdbestimmten Arbeit immer noch fröhlich „Der Kapitalismus ist an allem schuld. Wir sind am Ende unserer Geduld“ vor sich hin singt und mit Genugtuung daran denkt, wie die glitzerglatten Ritter des Neoliberalismus von den sichtbar erfahrungsreichen Mietaktivistinnen, die Rösinger aus Nachbarschaft und Freundeskreis mit auf die Bühne gebracht hat, ihre verdiente Prügel beziehen. Die Schläge dürften dabei kaum mehr schmerzen als viele der quietschenden Reime wie zum Beispiel dieser: „Wenn dir Solidarität zu almodisch is’, dann nenn es halt togetherness“.

Widerstand bringt nichts? Am Premierentag wurde bekannt, dass Berlin 6 000 Wohnungen zurückgekauft hat − in Reinickendorf und Spandau. Es ist ein Anfang.

Stadt unter Einfluss, 29., 30.9., 20 Uhr, HAU1. Festival bis 4.10. Programm: hebbel-am-ufer.de

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