Salzburger Festspiele: Thomas Ostermeier inszeniert Horváth

Die wahre Sintflut kam nach dem Theater. Als der Regen nur so vom Himmel schüttet und niemand von den schmucken Salzburger Premierengästen unbeschadet nach Hause fand. Ein willkommener Regen − nach der Hitze zuvor und besonders nach den zweieinhalb Horváth-Stunden, in denen sich Thomas Ostermeier und sein Bühnenbildner Jan Pappelbaum textnah und staubtrocken um ähnliche Unwetter-Sintfluten bemühten.

Die Konzeptsteuerung war dem Abend über aufziehende faschistische Klimawandel stärker anzumerken als jener lebhaft intensive Moment. Da rauschte es laut auf im düsteren Bühnenwald, in dem die Horváth’sche Jungen-Klasse samt Lehrer und Feldwebel campierend den Krieg lernen sollen, Schattenprojektionen huschen über die 120 Baumstämme, die extra aus dem Berliner Grunewald ins Alpenland exportiert wurden und doch blieb das alles vor allem eines: hölzern. Die Augenlider wurden schwer wie Blei.

Die Schönheit der Menschenkälte

Am Morgen nach der Premiere regnete es dann immer noch, doch der Gedanke, dass das Hölzerne, befremdliche Luftleere der Bühnen-Unwetter der eigentliche Clou von Ostermeiers Romanadaption war, brach sich Bahn. Alles Ungemach der schillernden Horváth-Figuren – des vorgeblich humanistischen Lehrers, der sein Fähnchen doch auch nur nach dem Wind hängt, und seiner in die faschistische Menschenkälte abdriftenden Schüler − sah im Salzburger Theater, wo der eigentlich auf französische Festivals abonnierte Ostermeier am vergangenen Sonntag nun zum dritten Mal in seiner Karriere aufschlug, bevor das Spiel im September nach Berlin wandert − unheimlich schön aus.

Und doch blieb die Mühe dahinter immer sichtbar, blieben die Blicke der die Rollen wechselnden Schaubühnen-Spieler Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, Damir Avdic und anderer auf sich selbst und den Bühnenwald immer befremdlich fern. Realistisch war so zwar alles im Bild, auch nahezu langweilig textnachbetend und dennoch lag über allem ein surrealer Schleier. Ein gespenstisch leblos schillernder Abend, der irgendwo im undefinierten Raum schwebt und damit − hauchdünn − überall.

Widerstehen und Mitlaufen

Zweifellos ist es keine leichte Aufgabe, Horváths ungemein knapp und scharf formulierten, von der Zeitkritik zum Krimi mäandernden Roman „Jugend ohne Gott“ von 1937 auf die Bühne zu bringen. Erst kürzlich ließ Nurkan Erpulat seine Fassung im Gorki Theater kraftraubend verturnen. Denn indem er vom Entstehen der faschistischen Zeit selbst handelt, von den inneren Spaltungen der Menschen durch die Umstülpungen der Moral, ist er Widerstands- und Mitläuferroman in einem.

Er erzählt von vor allem von nur innerlich renitenten Anpassern, wie Horváth selbst einer war, der noch 1934 deutsch-nationale Anbiederungsbriefe an das Propagandaministerium schrieb, um Aufträge zu bekommen. Den erzählenden Lehrer im Roman lässt er diese eigene Doppelmoral und ihre Gewissensplagen stellvertretend durchspielen. Und vielleicht ist der depressive TV-Kommissar Jörg Hartmann wegen seiner auch hier wieder weitgehend eintönigen Depressionslage gerade die angemessen heutige Besetzung dafür. Seinem bewegungsarmen, undefinierten Gesicht jedenfalls nimmt man das erwähnte konzeptuelle Schweben im luftleeren Raum jederzeit ab.

Vielschichtiges Konzept

Wenn er gleich zu Beginn wie einer von uns aus dem Publikum auf die Bühne steigt und mit der Sachlichkeit einer Mail-Nachricht an die Behörde Dankesbriefe an den „geliebten Führer“ zitiert, als handele es sich nicht um ein Dokument von 1935, sondern als habe er sich soeben selbst erst vom Schreiben erhoben, oder wenn er später im Zelt des Schülers Z sitzt und heimlich dessen Tagebuch liest, während sein Gesicht in Mini-Anflügen von Lust, Arroganz und Angst auf die Zeltwand projiziert wird, dann sind das Momente, in denen die Vielschichtigkeit dieses Ostermeier’schen Konzepts sichtbar wird. Hier verdichten sich historische und fiktive Zeit- und Erzählschichten, legen sich Kommentar- und Spielebene sowie innere und äußere Blicke der Protagonisten und Beobachter ineinander. Es ist das Experiment, episches und dramatisches Spiel, Distanz und Einfühlung zu amalgamieren.

Doch funktioniert das nur momenthaft: in den ersten Auftritten Hartmanns und seiner aus dem Dickicht auftauchenden Schüler. Und auch in den immer tiefer in Schuld und Doppelmoral hineinwachsenden Zeltlager-Szenen, in denen Live-Projektionen und Doppelbesetzungen die Zerrissenheit des Wahrheit suchenden, Wahrheit vertuschenden Lehrers immer komplexer machen. Die meiste Zeit aber dominiert das ebenso langweilige wie bedeutungshuberische Frontalsprechen, mit dem sich die Figuren das Publikum zu bösen Intimfreunden zurecht biegen. Die Festivalgäste reagierten begeistert, in Berlin darf man skeptischer sein.

Ab September in Berlin. Info: www.schaubuehne.de