„Roxy und ihr Wunderteam“: Eine Fußballoperette von Paul Abraham an der Komischen Oper

Wer hat Lust auf 1937? Vermutlich keiner, der sich mit Geschichte auskennt. Vermutlich viele, die sehen, wie schick das Jahr nun an der Komischen Oper in Szene gesetzt wird. Die Fußballer, die in Paul Abrahams Operette „Roxy und ihr Wunderteam“ im Mittelpunkt der Handlung stehen, sehen fabelhaft aus: die geölten Frisuren sitzen, weinrot leuchten die unbefleckten Trikots, bauchnabelabwärts blähen sich die blütenweißen Hosen des Ausgehanzuges. In Heike Seidlers Kostümierung sind die Schülerinnen eines Mädchenpensionates (sie dürfen mit den Fußballern das Trainingslager teilen) eine angemessene Beute: kurze Höschen, kurze Röckchen, knappe Blüschen.

Stephan Prattes steuert ein Bühnenbild bei, das eine veredelte Turnhallenästhetik zeigt mit dunkler Holzvertäfelung und bunten Spielfeldmarkierungen auf dem Boden. Glanzstück – und dafür gibt es Szenenapplaus, was bei Bühnenbildern wirklich nicht oft vorkommt – ist ein riesiger, hausgroßer Fußball. Natürlich nicht so ein blödes Plastikding, mit dem heute gespielt wird, sondern ein herrlicher Lederball, handgenäht, naturbraun. Seine Materialität haben die Bühnenbildner preisverdächtig ins Gigantische übersetzt. Man sieht die flauschige Rauheit seiner Oberfläche und in der Mitte eingestanzt die Jahreszahl „1937“, ebenfalls sehr groß.

Der Komponist Paul Abraham war vor den Nazis nach Ungarn geflohen 

Die Inszenierung kommt damit chronistischen Pflichten nach: das Stück spielt in diesem Jahr. Es wurde 1937 auch uraufgeführt in Budapest (wohin der Jude Paul Abraham floh, nachdem es in Berlin, wo er große Erfolge gefeiert hatte, zu gefährlich geworden war). Im gleichen Jahr wurde das Stück in neuer Fassung in Wien nachgespielt. In beiden Ländern gaben sich die Regierungen zu diesem Zeitpunkt Mühe, den faschistischen Vorbildern in Deutschland und Italien nachzueifern.

Einer der wichtigsten Gegenstände der Operette, zumal wie sie an der Komischen Oper von Barrie Kosky wiederbelebt wurde, ist neben der Unterhaltung die Nostalgie. Das war beim Megaerfolg „Ball im Savoy“ so, ebenfalls von Paul Abraham, und so ist es auch dieses Mal. Gibt es Grenzen, ab welchem Datum die Einladung zur Nostalgie fahrlässig wird? Operette hin oder her: Man darf zumindest erstaunt sein, wie glattgebügelt und freundlich die späten 30er-Jahre hier erscheinen.

Dabei hätte es Möglichkeiten gegeben, sarkastisch zu sein: Etwa wenn die Schülerinnen zur Leibesübung antreten für einen gesunden Volkskörper: „Wer Gymnastik treibt, stets elastisch bleibt.“ Oder wenn ein offenbar nicht nur ironisch gemeintes Lob der Handarbeit gesungen wird: „Das Mädchen sitzt hübsch zu Haus“ am Kamin und denkt an „ihn“, ihren Zukünftigen nämlich, wobei sie strickt. Keine Spur mehr von den emanzipierten Frauenfiguren der 20er-Jahre, wie sie auch im „Ball im Savoy“ auftreten. In Stefan Hubers handwerklich stets glänzender Inszenierung hüpfen die Mädels drollig über Böcke und lauschen beflissen dem Lied über die Hausarbeit.

Die Fußballer zeigen Jugendfrische und Fortpflanzungsbereitschaft

Wer es schafft, die Zahl „1937“ als reines Requisit zu begreifen, kann sich an einem rasanten Abend erfreuen. Als „musikalischer Fußballschwank“ wird das Stück gelegentlich bezeichnet, die Mitglieder der auftretenden Fußballnationalmannschaft (dem Uraufführungsort entsprechend jene Ungarns) zeigen jugendfrische Lebensfreude und entsprechend starke Fortpflanzungsbereitschaft. Da hätte auch ein Faschist nichts einzuwenden gehabt: Das Erbgut der feschen Sportler scheint der Weitergabe absolut würdig zu sein.

Wenn die Fußballer über Frauen nicht gerade sprechen wie über ein Paar Schuhe, dann sind sie Kavaliere. Roxy retten sie so vor ihrem ungeliebten Bräutigam. Als eine Art Team-Maskottchen reist sie mit ins Trainingslager. Eine humoristisch sichere Bank sind Länder-Klischees: der geizige Schotte (ein glänzender Uwe Schönbeck als Soßen-Fabrikant Cheswick), der gemütliche Österreicher (Matthias Schlung als Zöllner), die beiden ungarischen Verwalter-Leutchen auf dem Gut am Plattensee, wo trainiert wird. Christoph Marti von den Geschwistern Pfister ist als männlicher, dezent schweizerdeutsch modulierender Darsteller von Roxy die Versicherung gegen allzu aufdringlichen Sexismus im Libretto.

Paul Abrahams Musik mit ihren Big-Band-Anklängen reißt mit, das Orchester der Komischen Oper unter Kai Tietje spielt mit Drive und Schmelz, die wortwitzigen Dialoge machen gute Laune. Eigentlich ein unterhaltsamer Abend. Wenn nur dieses 1937 nicht wäre.

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