Rammstein im Olympiastadion: Feuer und Rhythmus für wirklich alle

Ein schwarzes Rammstein-Shirt war Pflicht am Samstagabend im Olympiastadion. Und der Look war nicht nur echt mit Undercut und Springerstiefeln, sondern auch Birkenstocks und sogar Ballerinas wurden kombiniert, Hauptsache der Oberkörper bewies, dass man wusste, was auf einen zukommt. Sei es mit der Aufschrift „Manche führen/Manche folgen“, eine Zeile aus dem „Rammlied“ von 2009, oder mit „Du /Ich /Wir /Ihr“ aus dem aktuellen Stück „Deutschland“ – ganze Familien hatten sich dem Anlass entsprechend eingekleidet und posierten, einschließlich Grundschulkindern und Großeltern vor dem Olympischen Tor.

Rammstein, die Metal-Musiker aus Berlin, martialisch auftretende Feuerwerker, die Überwältigungsästhetik betreiben, mit faschistischen Zeichen spielen und sich gerade noch rechtzeitig dann doch immer widersprechen, sind ein Allgenerationenprojekt geworden. Liegt es am Weltruhm, den sie für Deutschland einfahren, an der Performance, der provokanten Zweideutigkeit oder an der Musik?

Zehn Jahre mussten die Fans auf ein neues Album warten, und dann wurde im März zunächst erst ein Videoschnipsel zu „Deutschland“ veröffentlicht (der, in dem vier der sechs Musiker als KZ-Häftlinge am Galgenstrick posieren), danach das ganze Video, das mit heulenden Wölfen und einer schwarzen Germania nichts an Zitatpop auslässt, schließlich Mitte Mai das Album selbst, das mit Rekordverkäufen startete. Und jetzt die Tour mit 30 Konzerten in 16 Ländern. Europa Stadion Tour.

Rammstein tun, was Rammstein immer machen: sie legen noch eins drauf

Vor Berlin kamen schon Gelsenkirchen, Barcelona, Bern,  München, Dresden, Rostock und Kopenhagen dran. Aber jetzt Berlin und hier das Olympiastadion, dessen faschistische Ästhetik das i-Tüpfelchen auf dem Ganzen ist, vielleicht auch der eine Tropfen zu viel, aber Rammstein tun, was Rammstein immer machen: sie legen noch eins drauf.

Schon während sich das am Ende etwa 70.000 Personen fassende Stadion füllt, läuft mehrere Stunden lang Rammstein von Band, und als Vorgruppe haben sie sich für das französische Klavierduo Jatekok entschieden, zwei Pianistinnen, die vierhändig auf zwei Klavieren auf einer Insel im Innenbereich ein für Klavier bearbeitetes Best of von Rammstein spielen. „Du hast“ etwa und singen sogar dazu („Du ast misch …“) und natürlich „Seemann“.

Die eigene Klassizität wird dadurch inszeniert, man stellt klar, dass es auch einen höherkulturellen Anspruch gibt, und tatsächlich sind teils romantische, teils fast jazzige Stücke zu hören, die – ohne die Ohrenbetäubung durch Bass und Drums – die Sehnsucht freilegen, die hinter dem Martialischen steckt, den gemeinsamen Kern, dass in jedem von uns doch ein Verkannter steckt, einer, der sich am Abend gerne den Rücken kraulen lässt, egal, wie tätowiert die Arme sind. Und wie hoch die Schnürstiefel.

Die des Sängers Till Lindemann gehen fast bis zum Knie. Sind es überhaupt Schnürstiefel? Etwas irgendwie Güldenes trägt er unterhalb seiner Kniehosen, über dem ein bodenlanger Mantel wallt. Man sieht nicht wirklich viel in einem Olympiastadion, die seitlichen Videowände sind aus, damit die ganze Konzentration auf der Bühne liegt, auf der die Show noch bei Tageslicht startet – das direkt nach der Mittsommerwende auch lange bleibt.

Eine Rauchsäule als sei hier soeben ein Flugzeug abgeschossen worden

Eine Art Feuerklops macht den Anfang, Rauchsäulen steigen aus dem Bühnenaufbau (unter anderem in Form eines riesigen Gitarrenhalses und zwei Zielfernrohren) und zwei Turmgerüsten im Stadion auf, als sei hier soeben ein Flugzeug abgeschossen worden, der Keyborder Christian Lorenz alias Flake in einem goldenen Ganzkörperanzug mit Kapuze betritt sein Laufband, auf dem er den Abend über auch im Stehen in Bewegung bleibt, Bassist Oliver Riedel, Schlagzeuger Christoph Schneider, Gitarrist Richard Kruspe und Till Lindemann treten auf und starten mit „Was ich liebe“: „Was ich liebe, das wird verderben, was ich liebe, das muss auch sterben.“

Immer wieder bringen das Paradoxe und die Selbstbestrafung, die in Rammsteins Texten liegen, einen Selbsthass zum Ausdruck, der dem Rhythmus (Deutsche Härte!) zusätzliche Dringlichkeit gibt. Denn man kann zu Rammstein ja nicht tanzen. Man wiegt sich oder stampft, aber kommt dabei nicht vom Fleck.

Rote Rammstein-Fahnen fallen reichsparteitagartig herab

Auch im zweiten Stück, das gleich das politisch programmatisch gemeinte „Links 2-3-4“ ist, und zu dem sich von den Türmen rote Rammstein-Fahnen stoßartig entrollen, als sei man direkt auf einem Reichsparteitag der NSDAP, recken sich die Arme der 70.000 nach oben wie auf einem historischen Foto – und pulsieren aber, diese Arme, sie pulsieren (mit Ausnahme derjenigen, die ein Smartphone halten). 

Es ist kein „Sieg Heil“, sondern – im Verlauf des Konzerts, ein „Hei, hei, heirate mich“: stets der Anlauf auf das Unsägliche und die rhythmisch harte, textlich aber sanfte Landung im, ja, wie soll man es umschreiben, Biedermeier ja fast. Zwar brennt ein Kinderwagen zu den Textzeilen: „Und dann reiß’ ich der Puppe den Kopf ab“, aber am Ende heißt es „Es geht mir nicht gut“. Böse Jungs auf der Suche nach Liebe.

Und sie finden sie hier. Die 70.000 sind textlich voll auf der Höhe und stören sich nicht daran, dass Lindemann kaum etwas sagt, sondern etwas steifhüftig im tiefen Sitz immer wieder auf die Luft über seinem Knie einhämmert oder ihnen stumm das Mikrofon hinhält.

Am Ende reitet Lindemann auf einer funkensprühenden Kanone

Sie haben diesen Abend fest in der Hand, wissen, was sie davon wollen (nämlich Triebabfuhr durch eine Art von Trance) und als es endlich dunkel ist und sich zu den wiederkehrenden Flammenstößen aus stets den gleichen Düsen eine Lichtshow (mit viel Grün) gesellt und Lindemann fast am Ende sogar auf einer Art Kanone reitet, die Funken ins Publikum sprüht, was wirkt, als halte er sich eine Schampusflasche vor den Schritt, nur in groß, ist der Jubel unermesslich.

Etwas angeschafft wirkt zwischendrin der kleine Ausflug der Mannschaft ins Publikum hinein und auf die Bühne mit den Klavieren, wo alle „Seemann“ singen, quasi konzertant,  und dann der Rückweg auf Schlauchbooten, die von der Menge getragen werden, nur Lindemann war zu Fuß gegangen. Eine schöne Idee eigentlich, aber irgendwie routiniert abgearbeitet, als gäbe es einen Zeitplan einzuhalten.

Auch vor dem Olympiastadion, wo das Konzert fast ebenso gut zu hören und auch etwas vom Feuer zu sehen waren, siedelten Hunderte und filmten sich beim Mitrucken. „Das ist doch verboten, dass eine einzige Band so viele gute Stücke haben kann“, schrie ein junger Mann ekstatisch bei der letzten Zugabe „Ich will“ (ja, da war ich schon auf dem Weg zur U-Bahn), und ein älterer, vielleicht sein Vater, hielt ihm eine Flasche hin: „Komm, trink was.“

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