„Radar Ost“: Gemischtwaren-Spektakel mit Trinkpausen

„Radar Ost“ am Deutschen Theater – das ist nun schon zum zweiten Mal so etwas wie ein besonders weiter Umweg zu sich selbst. Am vergangenen Wochenende wurden fünf Gastspiele aus Russland, Weißrussland, Tschechien, Ungarn und der Ukraine an der Schumannstraße präsentiert, wo ab kommenden Donnerstag dann zu den Autorentheatertagen die Gegenwartsdramatik deutschsprachiger Länder zu sehen sein wird.

„Radar Ost“ ist laut Intendant Ulrich Khuon eine „Suchbewegung“

Eine nicht unkomplizierte Festival-Geschwisternschaft, denn weder nimmt „Radar Ost“ besonders Gegenwartsdramatik in den Blick noch will es nur das erweiterte Vorspiel zum eigentlichen Hauptakt sein, den sich anschließenden Autorentheatertagen.

Und doch ist es momentan vor allem das: ein Auftakt. Intendant Ulrich Khuon nannte es zur Eröffnung nüchtern eine „Suchbewegung“ in jene Regionen, die mit deutscher Geschichte – der Berliner allemal – besonders verbunden sind, weshalb das Festival in den kommenden Jahren auch weiter ausgebaut werden soll. Eine Ankündigung, die aufhorchen ließ, zumal Amtskollege Klaus Dörr in der benachbarten Volksbühne derweil auch ein Ost-Festival für nächsten Juni in Aussicht gestellt hat. Die schon fester vertäuten Leinen des DT aber werden nun wohl nicht mehr gekappt werden. Eine Schlaufe davon hat sich ums Moskauer Gogol Center gelegt, Sitz des derzeit wohl berühmtesten russischen Dissidenten und Regisseurs Kirill Serebrennikow, von dem bereits vor einem Jahr eine Werkschau im DT lief und das nun mit dem Bauern-Spektakel „Wer in Russland ist glücklich?“ nach Nikolai Nekrassows Versepos aus dem 19. Jahrhundert begann. Dass dieses im russischen Literaturkanon fest verankerte Werk über das harte Landleben unter der Knute feudaler Ungerechtigkeit und Autokratie auch im revisionistischen Putin-Russland fast von selbst seine Parabel-Wirkung entfalten kann, muss man dem umtriebigen Finder Serebrennikow zugutehalten.

Nekrassows Langgedicht enttäuscht im Deutschen Theater durch fehlende Aktualität

Sicher trug auch diese Inszenierung von 2015, deren Russlandbild eine mit Stacheldraht gekrönte Gefängniswand vor rostiger Pipeline ist, dazu bei, dass der Theaterleiter im Herbst 2017 plötzlich mit fadenscheinigen Begründungen unter Hausarrest gestellt wurde. Seit April ist er nun wieder frei, das Land verlassen darf er aber nicht, was seinem von Willkür handelndem Nekrassow-Abend noch eine persönliche Beglaubigung verleiht.

Büroraum-Slapstik vom Prager Theater am Geländer.

Büroraum-Slapstik vom Prager Theater am Geländer. 

Ja, Nekrassows Langgedicht, das von sieben Bauern erzählt, die sich über die genannte Titel-Frage in die Haare kriegen und zur Klärung nun umherziehen, wo sie statt Glück nur Mühsal, Trinksucht, soziale und sexuelle Ausbeutung finden, mag auch heute noch manches über russische Muschiks und Oligarchen erahnen lassen, doch mehr als sehr grobe, von den Einzelgeschichten abstrahierende Linien treten nicht hervor. Und Serebrennikow macht sich auch nicht die Mühe, am Text zu arbeiten. Für seine Aktualisierung reicht ihm, dass Erzähler- und Bauern-Darsteller in der Gegenwart auftreten und die alten Geschichten von Herren, die ihre Untertanen prügeln, demütigen, vergewaltigen, wie ein historisches Spiel mit allen nur möglichen theatralischen Mitteln nachstellen: als Musical, Volksstück, Jazz-Session, Modern Dance, Video-Verhör, Trachten-Schau, Clowns-Zirkus und dramatischen Monolog.

All das bekommt seinen Auftritt in dem auf vier Stunden aufgeblasenen Abend, von dem sich allerdings fast die Hälfte in Ess- und Trinkpausen auflöst, zwischen denen die drei grotesk kurzen Spielakte nur noch schmaler erscheinen. So schön es ist, dass dreißig Darsteller, Sänger, Musiker in dem Gemischtwaren-Spektakel einen Platz auf der Bühne haben, so enttäuschend ist am Ende die oberflächlich bleibende, Konsum- und-Effekt-verliebte Show-Attitude, die fernab der Moskauer Brisanz übrig bleibt.

„Gypsy Hungarian“ ist die überzeugendste Produktion aus Osteuropa

Fast schon dankbar war man da über das bescheidene Auftreten des Prager Theaters am Geländer, das die wunderbare, kleine-große Erzählung des 20. Jahrhunderts „Europeana“ von Patrik Ourednik in einen marthaleresken Büroraum-Slapstick verpackt. Und auch wenn die acht Damen und Herren in ihrer charmant steifen, etwas zu albernen 50er-Jahre-Zeitlosigkeit die Lakonie und hauchdünne Ironie Ouredniks (auch Marthalers) vor Holzverkleidung doch nur streiften, ist aus Anlass dieses Gastspiels wunderbar genug, das Büchlein von 2001 erneut auf den Plan zu rufen und mit ihm die grausam absurde, banale, höchst widersprüchliche Reflexion über uns und Geschichte selbst.

Am beglückendsten geriet, was das ungarische T6 Ensemble aus fünf jungen Roma-Darstellern und dem Poetry-Slammer Kristof Horvath in der kleinen, sarkastischen Roma-Show „Gypsy Hungarian“ in der Box zeigten. Ohne jedes Requisit erspielten sie sich ihre Umgebung aus Ressentiments und Vorurteilen, durch die hindurch sie sich in gut 70 Minuten dann auch zu sich selbst durchkämpfen. Zunächst noch schneidert sich jeder eine ganze Handvoll Biografien aus Kitsch, Klischees, Angst und Schutz vor der eigenen Roma-Abstammung. Doch langsam wird „Gipsy Hungarian“ ein schönes, gar nicht einfaches Emanzipationsspiel aus tänzerischen Posen und erzählerischen Masken, durch die sich eines Bahn bricht: individuelles Menschsein.

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