Premieren am Gorki und DT: „Rewitching Europe“ und „Franziska Linkerhand“

Im Gorki-Theater brennt die Welt. Riesenflammen flackern über die Bühne und züngeln bis hinaus in den Zuschauersaal. Im Deutschen Theater dagegen schläft die Welt. Auch wenn Dutzende Schubkarren auf Arbeit warten. Aber dazu später.

Der Brand im Gorki ist jener Moment, an dem Vergangenheit und Zukunft ineinanderfallen und auch die letzte Schranke zwischen dunklen Verheißungen und klarem Wissen in der angekündigten Katastrophe zusammenbricht. Wir befinden uns in Yael Ronens neuem Stück mit dem beschwörenden Titel „Rewitching Europe“ (Wiederverhexung Europas) das wie immer furchtlos durch Raum und Zeit, hier auch durch Unter- und Oberwelt besenreitet.

Ja, es geht um alles und das rettende Nichts an diesem todernsten, trotzdem nie unlockeren, unwitzigen Abend, in dem Ronen und ihr Ensemble nichts weniger vorhaben, als mit dem Flammentod der Welt (wie sie in den Bilanzbüchern der Naturausbeuter existiert) das Weltende aufzuhalten.

Zwei Feuer

Nicht, dass falsche Vermutungen aufkommen: Das Feuer ergibt sich aus den Erzählsträngen der sechs Gorki-Spieler quasi von selbst. Denn es geht darin um Dinge, die seit je herrschende Mächte nervös machen und deshalb mit dem Scheiterhaufen bestraft wurden: schamanisches Wissen, hierarchielose Riten, Häresien. Und im Gorki entzünden sich die virtuellen Flammen gleich auf zweierlei Weise: Gerade noch hat Lea Draeger in Greta Thunberg’scher Ernsthaftigkeit dramatische Fakten zum Zustand der Erde verkündet – die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachen über die Hälfte aller Treibhausgase, aber die Mehrheit der ärmsten wird darunter leiden; bis 2050 müssen Millionen Menschen ihre Heimat des Klimas wegen verlassen – und schon steht sie an einen Pfahl gefesselt auf einem virtuellen Holzhaufen. Andererseits hat sich die überhitzte Erde auch selbst schon entzündet.

Gorki: Die Empowerment-Show „Rewitching Europe“

Gorki: Die Empowerment-Show „Rewitching Europe“

Foto:

MAIFOTO/Ute Langkafel

Wer hier nach herkömmlicher Logik sucht, muss den Kopf einmal weit nach unten biegen, denn die Logik kehren Yael Ronen und ihre Recken einmal gegen sich selbst. Bei den Sanierungsarbeiten an der Unterbühne, so die Schauspielerin Sesede Terziyan, habe man uralte Menschenknochen und kultische Relikte gefunden, die zunächst nur Kollegin Ruth Reinecke magisch verwirrten, bald aber auch Orit Nahmias, Lea Draeger, Riah May Knight und Lindy Larsson in Bann zogen und schließlich zu Schwestern einer neu-alten kultischen Erdbeziehung machten.

Gegen die kapitalistische Vernunft, die draußen herrscht und alle wissenschaftlichen Warnungen gegen die Naturausbeutung hartnäckig ins Reich der Realitätsferne schiebt, folgen die Bühnenschwestern im inneren Gorki-Kreis nun ganz der intuitiven Vernunft. Naiver oder diffuser als die postfaktische Politik kann auch das nicht sein, aber in jedem Fall weltnäher. Und so entsteht ein lockerer, schamanischer Erzählabend zwischen Realität und Fiktion daraus, der auch zu einer Lehrstunde in Sachen Wissen und Tun hätte werden können. Wenn nicht die eigene Blindheit gegenüber der selbst verwendeten, völlig unökologischen Bühnentechnik und ihre digital hochgerüsteten Licht- und Videoeffekte dagegen schösse. Also doch: nette Show und viel heiße Luft.

Weltverbesserung morgen und gestern

Dabei liegt doch in der Technik der Dreh- und Angelpunkt jeder Weltverbesserungsidee. Auch die Premiere im DT kreist darum, allerdings nicht als munter-naives Ermächtigungsritual mit Blick in die Zukunft, sondern als leerlaufendes Rückpassspiel in die Vergangenheit.

Die Regisseurin Daniela Löffner hat im Auftrag des DT zum 30. Mauerfalljubiläum Brigitte Reimanns 600-Seiten-Roman „Franziska Linkerhand“ inszeniert, der unvollendet und postum 1974 heraus kam und so etwas wie ein Panorama der entstehenden DDR-Gesellschaft vom Kriegsende bis in die späten 60er-Jahre erzählt. Vor allem unter Frauen hat die ungeheuer beschreibungsdichte, virtuos mit Perspektiven jonglierende Lebensgeschichte der jungen, ambitionierten Franziska, aufstrebende Architektin mit sozialistischen Idealen und „Talent zum Glücklichsein“ damals tiefen Eindruck hinterlassen.

Und trotzdem kann man diese Geschichte heute nur noch historisch lesen, was es nicht einfacher macht, sie auf die Bühne zu hieven. Leider versucht Löffner nichts, um entweder einen pointierten thematischen Zugriff daraus zu filtern oder ein Bewusstsein für die historische Lücke mitzuinszenieren. 

Als wäre zwischenzeitlich nichts passiert, kondensiert sie das Buch frag- und motivlos auf drei Spielstunden, lässt Kathleen Morgeneyer, ihre Franziska, zu Beginn einen riesigen weißen Papierbogen über die Bühne ziehen und das DT-Ensemble dann einfach − leicht karikierend − eine ostdeutsche Nachkriegszeit darauf skizzieren: erst das konservative Elternhaus, dann die sozialistische „Neustadt“, alias Hoyerswerda, wo Franziska neue Lebensräume für „frei denkende“, neue Menschen bauen will. Dass bald nur stumpfe Klotz-Schieberei daraus wird und Franziska am Kleingeist der Realität verzweifelt, kann man eigentlich schon von Beginn an in Kathleen Morgeneyers Dünnhäutigkeit sehen.

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Unerwartete Ausfallmomente dank Maren Eggert (mit senfgelber Strickjacke)

Foto:

Arno Declair

Die zeitlichen und perspektivischen Brüche, die Reimann ihrem über zehn Jahre hin entstandenen Lebenswerk gab, versuchen Marcel Köhler als Bruder Wilhelm und Felix Goeser als der Geliebte Ben mit wechselnder Handkamera einzufangen, deren Bilder – meist Franziskas Gesicht – übergroß hinten erscheinen. So zeigt sich das Geschehen immerhin meist aus zwei Blickwinkeln, dennoch entwickelt dieses vernutzte Stilmittel kaum Kraft. Auch, weil das Spiel der erfahrenen DT-Granden sich vor allem routiniert zwischen den Karren hin und her schiebt. Am Ende ist man für die kaputten Ausfallmomente einer Figur besonders dankbar: der dauerbetrunkenen, gröhlenden Sekretärin Gertrud, der Maren Eggert eine unerwartet zerzauste, haltlose Gestalt gibt. Sonst ein Abend fürs Programm.

Rewitching Europe 11.11., 29., 30., 31.12. Gorki-Theater, Tel.: 20221115

Franziska Linkerhand, 7., 17., 25.11.; 18., 27.12., Deutsches Theater, Tel.: 28441225

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