Patti Smith in Berlin : Gesegnete Nacht Gethsemanekirche

Berlin –

Am Ende steht Patti Smith mit geballter Faust vor den Leuten, die sich von den Kirchenbänken erhoben haben, um sie und sich und diesen Moment zu feiern – und es natürlich mit ihren Smartphones festzuhalten. Die Sängerin und Poetin musste sich nicht lange zu einer Zugabe bitten lassen, und allen dürfte klar gewesen sein, dass an diesem Tag an diesem Ort nur ein Song dafür in Frage kam: „People Have The Power“.

Widmung an die Herbstrevolution 1989

Gewidmet war der Abend in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg der Herbstrevolution von 1989, und welche Botschaft wäre besser geeignet, an diese hoffnungsvollen Tage zu erinnern. Menschen haben die Macht, die Welt zu verändern. „We can turn the world around, we can turn the earth’s revolution“, singt Patti Smith in diesem Lied von 1988, das für viele der hier Anwesenden vor dreißig Jahren in ihrem Leben tatsächliche eine Rolle spielte, wie es Popmusik nur selten vermag. Es war einer dieser Augenblicke, in denen ein Song den Sound der Geschichte einfängt. Wie jeder Augenblick, war auch dieser nur von kurzer Dauer.

Mit dem Transparent „Freiheit für die politisch Inhaftierten“ hatte die Gemeinde der Gethsemanekirche schon zu einer Zeit, als Widerstand mit Haft und Demütigung geahndet wurde, ihren Protest gegen die Staatsmacht artikuliert. In der Nacht vom 7. Oktober 89 flüchteten sich die Demonstrierenden vom Palast der Republik vor der prügelnden Polizei in das Gotteshaus. Der Kessel um die Gethsemanekirche wurde zu einem Sinnbild für die brutale Reaktion der Parteiführung auf jeglichen Willen zur Veränderung.

All das spielte am Dienstagabend beim Auftritt von Patti Smith eine Rolle. Ihr Gastspiel in jener Kirche, die sich nicht nur zu DDR-Zeiten als Hort der Libertas verstand, sondern in jüngerer Zeit auch Mahnwachen für den in der Türkei inhaftierten Menschenrechtler Peter Steudtner abhielt, war als Teil der Feierlichkeiten zum Jubiläum des Mauerfalls gedacht. Doch wie vorherzusehen, sollte dieses Konzert nicht einfach nur ein Programmpunkt von vielen sein, sondern ein Ereignis.

Patti Smith: Eine streng religiös erzogene Künstlerin 

Zu Beginn erhob Patti Smith ihre Stimme (und ihre Arme) zu einer Art Segnung. So wollte sie es verstanden wissen. Was insofern bedeutsam ist, da sich die streng religiös erzogene Künstlerin zu Beginn ihrer Karriere dezidiert von der Kirche abgewandt hatte. „Für meine Sünden sterbe ich selber.“ Nun also „Wing“, für jene, „die sich in all den Dekaden im Namen der Freiheit in diesem Raum versammelten“. Begleitet wurde die Interpretin von ihrem langjährigen Weggefährten, dem Keyboarder und Gitarristen Tony Shanahan, der nur sparsame Akzente setzte, was ihrem Gesangsvortrag vor dem schlichten Altar eine wahrhaft sakrale Wirkung verlieh. Wie immer ganz in schwarz gekleidet und das graue Haar auf die Schultern drapiert, erinnerte sie eher an eine Eminenz denn an jene Punkrocksängerin, die sie einmal war, wie man wohl sagen muss.

Ihr vielleicht letztes Rockalbum, „Banga“, ist vor nun schon sieben Jahren erschienen. Gelegentlich tritt sie noch mit ihrer Band auf, zur Zeit ist sie jedoch unterwegs, um ihr neues Buch „Year of the Monkey“ dem Publikum vorzustellen. Im Alter von bald 73 Jahren hat sich Patti Smith längst als Autorin feinsinniger Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen etabliert. Und wenn sie heute Texte und ausgewählte Lieder bei ihren Soloprogrammen vorträgt, hat sie als emeritierte Punkerin die ihr gemäße Ausdrucksform für das Spätwerk gefunden. An Autorität ist dabei nichts verloren gegangen.

Nach dem Song „Ghost Dance“ gedachte Patti Smith ihres frühen Freundes Robert Mapplethorpe, der tags zuvor, am 4. November seinen 73. Geburtstag gefeiert hätte. Im Jahr 1989 war der Fotograf, mit dem sie in New York zusammengelebt hatte, an den Folgen von Aids gestorben. Die Geister der Verstorbenen, sie tanzten an diesem denkwürdigen Abend durchs Kirchenschiff. Den Dramatiker Sam Shepard, mit dem sie eine tiefe Freundschaft verband, besuchte sie noch kurz vor dessen Tod. Eine Passage ihres neuen Buches handelt davon. Für ihren Ehemann Fred „Sonic“ Smith, der am 4.November 1994 starb, las sie einen seiner geliebten Beethoven-Briefe.

Lou Reed, dessen Todestag sich zum sechsten Mal jährte, war mit „Perfect Day“ präsent, einem Lied, das Patti Smith Berlin widmete, einer Stadt, mit der sie sich auf besondere Weise verbunden fühlt. Sie sei ein Gewohnheitsmensch, erzählte sie, so habe sie auch diesmal wieder die Grabstätten von Bertolt Brecht und Christoph Schlingensief auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof besucht und in ihrem Lieblingscafé Pasternak Pancakes gegessen.

Das Publikum, das nicht nur aus Zeugen vergangener Zeiten bestand, folgte Patti Smith mit Hingabe und sie gab diese mit Herzlichkeit zurück. Zum Schluss schien sie mit jeder Strophe um Jahre jünger zu werden. People Have The Power.

%d Bloggern gefällt das: