Nick Caves neues Album: „Ghosteen“ ist ein Stück außergewöhnlicher Musik

Der Schmerz kennt keine Trommeln. Wenn etwas den spürbarsten Unterschied des neuen Nick- Cave-Albums zu seinem Gesamtwerk auf den Punkt bringt: Es fehlen die Drums und wohl auch die Gitarren. Das ist zunächst musikalische Konsequenz. „Ghosteen“, so heißt das 17. Album Caves, ist der dritte Teil einer Trilogie, die mit dem leisen Drama des songförmig zugänglichen „Push the Sky Away“ 2013 begann, sich 2017 mit dem recht zerstoßenen, widersprüchlichen „Skeleton Tree“ verlängert hat und sich nun in den Sphären von „Ghosteen“ auflöst.

Das Doppelalbum teilt sich in kürzere Stücke „für die Kinder“, sowie eine Spoken-Word-Strecke und zwei Viertelstünder „für die Eltern“. Aber es fließt eigentlich als Elegie aus weichen Ambientmotiven dahin, und Cave singt darüber einsam, sehnsüchtig, oft flehend, ihr frei bewegtes Auf und Ab geordnet eher zu Litaneien als zu Songs.

Mir brach das Herz beim dritten Stück. „I’m waiting for you“ seufzt Nick Cave mit allem dunklen Schmelz, den seine Stimme finden kann, also einer ganzen Menge, und sein Ton klang noch nie so voll, klar und entschieden. Er ruft die Worte in harmonische, fast sakrale Klangschichten aus feierlichem Klavier, Streichern und Harmoniumdrone, und lässt es leise verebben, um am Ende noch „to return, to return, to return“ nachzuschieben – in einem brüchig-ungelenken Falsett oder besser: einem Fisteln, wie man es noch nie von ihm gehört hat. Rein künstlerisch entwickelt sich aus der Fallhöhe von einem gefasstem Cave und erschütterter Zärtlichkeit eine ungeheure Wucht.

Nick Cave sitzt in seinen Texten im Hotel oder fährt am Pacific Highway

„Waiting for you“ ist ein Liebeslied. An seine trauernde Frau? An seinen toten Sohn? Natürlich muss man dieses Album biografisch lesen. Wer soll denn der Wandergeist, wie Cave Ghosteen übersetzt, das Mischwesen aus Geist und Teenager des Titels sonst sein, wenn nicht sein Sohn Arthur, der fünfzehnjährig 2015 bei einem Unfall ums Leben kam?

Bei „Ghosteen“ handelt es sich um das Album, das alle in der verwirrten Leere und tauben Verzweiflung von „Skeleton Tree“ zu hören glaubten. Dessen Stücke waren schon geschrieben, als der Sohn ums Leben kam. Zweifellos standen die Aufnahmen im Zeichen des Verlusts. „Ghosteen“ ist das Album danach.

Er klingt nicht mehr nach dem fiebrigen Bluesprediger, der wie Robert Mitchum in „Nacht des Jägers“ den Kampf der Gewalten darstellt, die Fingerknöchel mit „Love“ und „Hate“ tätowiert. Als Performer mit ständig wachsendem Charisma, präsentierte er diese Figur schon länger auch mit lakonischer Distanz – das Theater aus Elvis, Gott und Teufel stand bereit für die Vegasbühne.
Aber Cave hat sich zuletzt auch öffentlich aufgeschlossen.

Der Tod seines Sohnes und die Anteilnahme habe seinen Blick auf die Menschen verändert und ihn verständnisvoller für den Schmerz der Menschen gemacht, sagte er. Seit einiger Zeit beantwortet er in seinen Red Hand Files im Netz Fanfragen, nach gescheiterten Liebesgeschichten ebenso wie nach Drogeneinfluss und Kunstschaffen, freundlich, persönlich, aber nicht privat. Jüngst brachte er dieses Konzept auch auf eine Tour, spielte auf Zuruf Titel und plauderte mit dem Publikum.

Leutselig ist er dabei nicht geworden. In den Texten sitzt er im Hotel oder fährt am Pacific Highway, erzählt von sterbenden Königen, strahlenden Pferden und geheimnisvollen Galeonen. Wir begegnen den Heilsfiguren von früher, Elvis gleich zu Beginn, später Jesus, Buddha, Beatnikpriestern und erlöschenden Sternen. Das Hadern mit Himmel und Erde ist geblieben, die Synthesizer schimmern tröstlich. Cave baut wie immer nah am Kitsch, und für manch einen kippt das Ganze sicherlich auch.

Nick Caves Album „Ghosteen“: Außergewöhnliche Musik von wundersamer Schönheit 

Wie es eben so geht, wenn es um Transzendenz und die letzten Dinge geht. Aber er weiß das: „Jeder ruft nach etwas, aber die leuchtenden Pferde sind nur Pferde, die Felder nur Felder“, singt er in „Bright Horses“, „es gibt keinen Gott, und die kleine weiße Figur, die am Ende des Flurs tanzt, ist nur ein Wunsch, den die Zeit nicht löschen kann.“

Mit jedem Hören erkennt man die Sorgfalt der Musik besser, lehnen sich die Songs enger an die Hörerschultern; das abschließende „Hollywood“, dann doch mit einem stoischen Bass rhythmisiert, gehört zu den eindringlichsten Balladen, die Cave je geschrieben hat. Oft knirschen kleine Störfiguren, perkussiv oder mit sachter Schrillheit; der Friede in den erhabenen Chorpassagen, dem schweren Klavier, dem synthetischen Wohlklang wirkt ungerührt und nicht gerade warmblütig. Und das gelegentliche Falsett klingt wacklig und klein.

„Ich warte jetzt, dass meine Zeit kommt/Ich warte, dass der Friede kommt“, sind die letzten Worte des Albums. Vielleicht gehört es in eine Reihe der großen, mysteriösen Schmerzensalben von Musikern wie John Cale oder Scott Walker. Vielleicht ist es ein agnostischer Gospel, ohne Gewissheit: „Wir sind hier/ und du bist, wo du bist.“ Ganz sicher jedoch hören wir auf „Ghosteen“ außergewöhnliche Musik von wundersamer Schönheit.

Nick Cave and the Bad Seeds – Ghosteen (Ghosteen LTD/ Rough Trade).
  

%d Bloggern gefällt das: