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Für die Aufnahmen zu ihrem neuen Album „Colorado“ hatten sich Neil Young und Crazy Horse in die Bergwelt  zurückgezogen.  Das Studio in den Rocky Mountains lag in 2 700 Meter Höhe.  Sportmediziner schicken ihre Athleten in diese Regionen, um sie fit   für den Wettkampf zu machen. Die Herzfrequenz beschleunigt sich, der Kreislauf wird aktiviert, vor allem aber verstärkt sich  die Produktion roter Blutkörperchen.

Für eine Band, die seit fünfzig Jahren mit mehr oder weniger langen Pausen zusammen ist, kann so ein Sauerstoffdoping  ganz  nützlich sein. „Colorado“ ist auf jeden Fall schon mal  eine der besten Platten, die Neil Young in  letzter Zeit veröffentlicht hat. Und das waren ja einige.  Im jetzt zu Ende gehenden  Jahrzehnt sind  immerhin 16 Alben von ihm erschienen, darunter einige Liveaufnahmen, aber auch  etliche Studioproduktionen, die so manch verzichtbares Liedgut offerierten. 

Neil Young: „Denken wäre tödlich“

Mit dem Gespür für den richtigen Moment hat Neil Young nun  wieder jene Truppe zusammengetrommelt, die von jeher  wie  eine organische  Ausweitung  seiner selbst wirkt. Crazy Horse ist für Young mehr als eine Begleitband, es ist ein  Körper, der in seiner Regie wie ein   eigenes Instrument wirkt. Das Zusammenspiel  der vier Musiker ist intuitiv. „Denken wäre tödlich für the Horse“, sagt Neil Young.

Neben Billy Talbot am Bass und Ralph Molina am Schlagzeug    ist Nils Lofgren  wieder dabei, der den nun pensionierten Gitarristen Frank Sampredo ersetzt.  Lofgren hatte schon 1971 auf Youngs  LP „After the Goldrush“  mitgewirkt. Seit  vielen Jahren ist  er als Gitarrist  in Bruce Springsteens E Street Band ein  Edelkomparse.  Bei seiner Rückkehr zu Crazy Horse steht er  buchstäblich im Zentrum.  Denn   Crazy Horse ist  ein einziges  Zentrum. 

„Colorado“ wurde auf engstem Raum eingespielt, wovon ein Video  zeugt, das die Arbeiten  im Studio in den Wolken dokumentiert. „This is a band, not a fucking recording“, blafft  Young den Toningenieur an. Alles sollte so  wahrhaftig wie möglich auf die Bänder gebannt werden.

Eine Tirade gegen alte weiße Männer 

Es fängt ganz klassisch an, aber eigentlich ist bei Neil Young ja alles klassisch. Mundharmonika, Gitarre, Country. „Wenn du die Gänse am Himmel siehst, denk an mich.“ Mit dem akustischen  Song „Think of me“ verpasst Young jenen Hörern, die hier eine Fortsetzung  seines   monumentalen  Werkes  „Psycedelic Pill“ von 2012  erwarten, einen gewissen Dämpfer.  Das große Gitarrenbesteck  wird diesmal nur in  drei bis fünf Nummern eingestöpselt, dann aber richtig. Zum Beispiel in „She Showed Me Love“, mit 13 Minuten  das längste Stück des Albums. „Yo might say I’m an old white guy“, singt er treffend.

Und dann hebt der alte weiße Mann zu eine Tirade gegen andere alte weiße Männer an, die Mutter Natur zerstören. Das ist sein Thema auf dieser Platte, wie  schon auf etlichen zuvor, mit denen er etwa gegen den Agrarkonzern Monsanto  gekämpft hat. Abermals beweist sich Neil Young als die Greta Thunberg des Rock’n’Roll, was überhaupt nicht despektierlich gemeint sein soll.

Neil Young singt von den alten Tagen 

Nur sind komplexe  Betrachtungen zum Klimawandel in einem Rocksong  nicht zu erwarten, selbst wenn er  eine knappe Viertelstunde  dauert.  In diesem  Kernstück von „Colorado“ steigern sich  Neil Young & Crazy Horse nach der optimistischen  Botschaft „I saw young folks who save  mother nature“ in einen instrumentalen  Höhenrausch hinein, der nach einem schlingernden  Mittelteil im dröhnenden  Stakkato  endet.

Danach wird es wieder etwas strukturierter, „Olden Days“ handelt, wie es der Titel schon vermuten lässt, von den alten Tagen, einem weiteren Lieblingsthema des im engeren Sinne wertkonservativen Musikers. Konservieren heißt bewahren, nicht nur die Umwelt, auch die  Regeln des  gesellschaftlichen Lebens in seiner Wahlheimat, die der Kanadier durch Donald Trumps irrsinniges Treiben  erodieren  sieht.   

Einmal spricht er ihn direkt an, wenn er in  „Rainbow Of Colors“ den  bunten Regenbogen  der   alten USA heraufbeschwört, den er   von niemandem weißgewaschen sehen  will. Das Lied hat das Zeug zur Hymne, selbst wenn seine Melodie sehr dicht an George Harrisons Song „Behind That Locked Door“ entlang komponiert wurde.  

Mit Tier und Pflanze in Harmonie

Mit „Colorado“ tritt  Neil Young der zuletzt zu beobachtenden Tendenz zur  Verzettelung  entgegen, selbst  wenn das Album  kein  Monolith wie    „Ragged Glory“  ist. Die dynamische Dramaturgie aus sehr lauten und sehr leisen Stücken bringt das Beste  an Crazy Horse zum Ausdruck, wobei –  etwas überraschend – gerade die leiseren  Songs, wie das schon live erprobte „Milky Way“ und „Eternity“, diesmal die  wirkungsvollsten  sind. Das rührendste Lied der ganzen Platte ist das finale  „I Do“, in dem  Young  mit wispernder Stimme seine  bukolische Vision einer Welt besingt, in der Menschen, Tiere und Pflanzen  in Harmonie zusammenfinden. Fünf Minuten Hoffnung.

Neil Young: Colorado (Warner Music)

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