Nebel, der über Saiten streift: Thom Luz gastiert beim Theatertreffen

Berlin –

Das Stück hat noch nicht richtig begonnen, die Bühne ist menschenleer, da schiebt sich kaum wahrnehmbar in der Langsamkeit ihrer Bewegung von hinten rechts nach vorn links eine Wolke, die sich so staunenswert elegant, bedächtig durch den Raum tastet, als sei sie ein etwas zu großes, nobles Lebewesen. Innen: körperlich kompakt, an den Rändern: fast transparent filigran. Eine sehr besondere Wolke, die ganz diszipliniert nur in den mittleren Luftschichten des Bühnenraumes lebt und uns Zuschauer auf der ansteigenden Tribüne im Haus der Festspiele sofort mit in ihre schwebende und doch ganz materiell bleibende Sphäre hebt.

Nebelmaschinen spielen die Hauptrolle in „Girl from the Fog Machine Factory“

Und schon ist man mitten im Wolkenkern dieses höchst wunderlichen, gestaltreichen Nebelabends, der Physik, Musik, Alchemie, Nonsens und soziale wie künstlerische Fantasie vereint, umkreist, aufstachelt, und der den schweizerischen Regisseur Thom Luz sehr nachvollziebar zum diesjährigen Theatertreffen brachte. „Girl from the Fog Machine Factory“ heißt er so umständlich wie ironisch, denn um ein Mädchen geht es allenfalls am Rande, wenn gleich zu Beginn eine Dame die Bühne betritt, die hier eine Nebelmaschinenfabrik ist. Stellvertretend für uns alle bekommt sie dann in den eineinhalb kurzen Stunden von kauzig quirligen Fabrikarbeitern die Raffinesse, Bildermacht, Kaputtheit und das schlicht unkontrollierbare Eigenleben der stolzen Nebelmaschinen vorgeführt.

Sie spielen die Hauptrolle in dieser fast wortlosen und doch viel erzählenden Schau, wozu auch ein wiederholt klingelndes Telefon, ein sich nach Belieben einschaltendes Radio, diverse Propeller, die wie Windräder, am Ende auch wie Grabsteine aussehen, riesige Röhren, ein gespenstisch schlechter Beamer, der absurd verwischte Übertitel an die Wand projiziert, und klassische Streichinstrumente gehören.

Thom Luz schafft ein Theater der abstrakten Sinnlichkeit

Gerade sie sind wichtig, denn hier wird nach mehreren Partituren eine multidimensionale Nebelsinfonie gespielt, die wirklich in die unbeschreibbaren Zwischenbereiche zwischen Physik, Trick und Kunst, Materie und ihre Auflösung dringt.

Es ist, als machten Luz und seine wunderbar selbstlosen Arbeiterspieler nicht nur das Gedachte in jedem Bild mit sichtbar, sondern den physikalisch-materiellen Gang des Denkens und Kommunizierens selbst. In einem der vielen wunderbaren Momente stehen sich eine Cello-Spielerin und ein Violinist gegenüber, die sich ihr Spiel noch mit einem Propeller teilen. Dieser lässt die Saiten vibrieren, während die Menschen die Fingersätze beisteuern, und weil das zugleich Wind macht, pustet der Propeller mit jeder Klangsentenz einen Nebelfaden hinüber zum anderen Instrument. Ein Theater der abstrakten Sinnlichkeit, des sichtbar Unsichtbaren, zum Denken, Schlafen oder einfach nur Freuen.