Nachruf auf Georg Katzer: Spielerisch und konsequent

Der Komponist Georg Katzer ist am Dienstag im Alter von 84 Jahren in seinem Haus in Zeuthen gestorben. In den ersten Nachrufen wird er als „einer der wichtigsten Komponisten der DDR“ bezeichnet, als wären die fast 30 Jahre, die Katzer nach dem Mauerfall unermüdlich weiter komponiert hat, lediglich eine Nachgeschichte der 36 Jahre, die zwischen seinem Studienbeginn und dem Mauerfall lagen. Zudem war Katzer durchaus präsent im Musikleben, während andere Komponisten seiner Generation von der Bildfläche verschwanden. Warum nennt man Katzer nicht schlicht einen „deutschen Komponisten“?

Der Stilbegriff der DDR war ein anderer als im Westen

Katzer und seine gleichaltrigen Kollegen waren die Schüler der idealistischen Aufbaugeneration, von Hanns Eisler, Paul Dessau oder Rudolf Wagner-Régeny. Den Glauben an den Sozialismus jedoch verlor Katzer wie viele andere 1968 nach der brutalen Niederschlagung des Prager Frühlings. Während das Kultur-Ministerium unverdrossen „die Formung allseitig gebildeter sozialistischer Persönlichkeiten in der sozialistischen Menschengemeinschaft“ forderte, wandten sich die Komponisten der westlichen Avantgarde zu: Friedrich Goldmann, die vielleicht eleganteste Begabung dieser Generation, hatte vor dem Mauerbau noch Kurse bei Stockhausen besuchen können und absorbierte das Gelernte in vielfältiger Weise; Friedrich Schenker schrieb aggressive und chiffrierte Plakatmusik, und Paul-Heinz Dittrich wandte sich einer komplex-verästelten und verrätselten Kunstmusik zu, während Katzer die Gründung des ersten elektronischen Studios der DDR betrieb.

Der Stilbegriff war ein anderer als im Westen, in dem er vor allem individuelle Unverwechselbarkeit bezeichnete. In der DDR ging es eher um das Verhältnis von Form und Inhalt: Der Schönberg-Schüler Hanns Eisler hatte seine Arbeiterlieder so und seine Kammermusik anders geschrieben. Gerade in der Musik des Eisler-Schülers Katzer fällt ähnliches auf: Ihre Sprache ist durch und durch zeitgenössisch, aber eine stilistische Erwartungshaltung stellt sich bei Nennung seines Namens kaum ein, es sei denn die einer spielerischen und dennoch konsequenten Durchdringung einer gestellten Aufgabe.

„Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stücke oft einen politischen Touch bekamen“ – sagte Georg Katzer

Verblüffend etwa die Unterschiede zwischen zwei kurz nacheinander geschriebenen Werken wie der „streichermusik I“ von 1971, die von den geräuschhaft-expressiven Arbeiten etwa Pendereckis beeinflusst scheint und eifrig denaturierte Streicherklänge nutzt oder das 14-stimmige Ensemble in dichten Schwärmen führt, und Konzert für Orchester Nr. 1 von 1973, das den großen Apparat neugierig und kontrastreich zwischen Schlagzeug-Attacken, tastenden Klangfeldern und Bläserfanfaren erforscht. Beiden Werken indes ist gemeinsam, dass sie keineswegs selbstbezogenen Avantgardismus betreiben, sondern so übersichtlich disponiert sind, dass auch weniger erfahrene Hörer folgen können. Und ebenso werden die klanglichen Exerzitien in beiden Partituren am bekannten Objekt vorgenommen: Die „streichermusik I“ durchzieht erst geheim, dann bis zum klaren Schlussakkord, ein Dur-Dreiklang, derselbe Klang wird im Konzert für Orchester Gegenstand vierteltönig-flirrenden Umspielens.

„Seit den Siebziger Jahren gab es eine pragmatische Musikpolitik. Man hat die Komponisten der neuen Musik machen lassen, weil man wusste: Das löst keine Revolution aus, also lasst ihnen ihre Spielecke“, erzählte Katzer und muss dennoch hinzufügen: „Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stücke oft einen politischen Touch bekamen“.

Georg Katzers Nachdenklichkeit zeigte sich vor allem in der Instrumentalmusik

Das liegt vor allem an einer Haltung gesellschaftlicher Verantwortlichkeit, die den Künstlern im Westen aberzogen wurde, um dann als „sozialkritischer Anspruch“ so großspurig wie folgenlos in der individuellen Programmatik etwa eines Helmut Lachenmann zurückzukehren. Von DDR-Komponisten wurde dagegen auch angewandte Musik erwartet, und sei es Film- oder Hörspielmusik: Katzer schrieb unter anderem die Musik des verbotenen Films „Berlin um die Ecke“ und die des Hölderlin-Porträts „Hälfte des Lebens“ mit Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann.

Musik war für Katzer freudige Arbeit am gefundenen Klang und öffentliche Auskunft zugleich. Es gibt repräsentative Werke wie „Medea in Korinth“ nach Christa Wolf, entstanden für die Berliner Singakademie, oder die im Wendejahr 1989 uraufgeführte Oper „Antigone oder die Stadt“. Der ganze Reichtum des weit gespannten Schaffens von Georg Katzer, seine Offenheit und Nachdenklichkeit spiegeln sich aber vielleicht eher in der Instrumentalmusik, in ihren zugleich experimentellen wie kommunikativ durchgeformten Verläufen.

Als das Rundfunk-Sinfonieorchester Silvester letzten Jahres sein Werk „discorso“ aus der Taufe hob, sprach der Titel schon aus, was Katzer wollte, für wichtig hielt und zunehmend vermisste: eine echte gesellschaftliche Auseinandersetzung. Es war nicht sein letztes Werk: Seine Website verzeichnet noch zwei weitere Ensemblewerke mit den schönen Titeln „La scuola dell’ascolto“ (Schule des Hörens) und „Nachhall“. Möge seinem gesamten Werk ein Weiterleben gegönnt sein!