Nachruf auf Berliner Sängerin Astrid North: Kraftvoll und zerbrechlich

Wenn man die Gelegenheit hat, verschiedene Versionen ihres wohl größten Hits „Lightning“ hintereinander zu hören, offenbart sich erst die große Bandbreite der Soulsängerin Astrid North. In weißem Kleid und mit strahlender Eleganz führte sie das Lied in einer orchestralen Fassung gemeinsam mit den Bremer Philharmonikern auf, und ein anderes Mal stellte sie im Duett mit Ina Müller in der ARD-Sendung „Inas Nacht“ ihre Klubtauglichkeit unter Beweis. Ihre schüchterne Art, an ein Mikrophon heranzutreten, wurde nach wenigen Akkorden durch ihre kraftvolle, aber auch zerbrechliche Stimme verdrängt, mit der sie es verstand, eine Melange aus Soul, Jazz und Pop anzurühren.

Musikalische Einengung

Die 1973 geborene Astrid North, die mit vollem Namen Astrid Karina North Radmann hieß, begann als Sängerin der Berliner Schülerband Colorful Dimension und wurde dort 1992 vom Schlagzeuger Bela Brauckmann alias B. La und dem Multi-Instrumentalisten Tex Super entdeckt, die sie alsbald als Sängerin für ihre Band Cultered Pearls engagierten. Bis zu deren Auflösung im Jahr 2003 spielten Cultered Pearls eine Mischung aus Soul, Jazz und Funk, der sie später Country-Einflüsse hinzufügten. Die bekanntesten Hits dieser Zeit waren „Tic Toc“ und „Sugar, Sugar, Honey“, Single-Produktionen, die Astrid North später jedoch als musikalische Einengung empfunden hatte.

Trotz zahlreicher Soloprojekte, u.a. der von Astrid North geschriebene Song „Sleepy Eyes“ für Veit Helmers Film „Tor zum Himmel“ im Jahr 2003, dauerte es fast zehn Jahre, ehe sie unter dem Titel „North“ ein Soloalbum herausbrachte, das ihren Vorstellungen entsprach. „Precious Ruby“ hieß 2016 ihr zweites Album, auf dem das Stück „Since“ enthalten ist, das von einer nicht ausgelebten Liebe handelt und in dem North mit viel Einfühlungsvermögen ihre Stimmgewalt zur Geltung bringt.

Astrid North hätte wieder beim „Frauensommer“ auftreten sollen

Astrid North war stets offen für musikalische Kooperationen. Zusammen mit Popstar Sasha sang sie eine Coverversion des Aerosmith-Hits „Walk This Way“, und mit der aus dem Seed-Umfeld stammenden Sängerin Miss Plattnum ging sie 2010 auf Tournee. Neben der Arbeit an eigenen Produktionen hat sich Astrid North auch gesellschaftlich engagiert und das Festival „Frauensommer“ in der Bar jeder Vernunft ins Leben gerufen, das in diesem Jahr bereits zum 5. Mal stattfindet und unter der Schirmherrschaft von Katrin Sass dem 30. Jahrestag des Mauerfalls gewidmet ist. Astrid North hätte im Rahmen des Festivals auftreten sollen.

Nun wird es unter dem Titel North-Lichter ein Konzert zu ihrem Andenken geben, u.a. mit Charlotte Brandi, Nicola Rost, Ivy Quainoo und Lisa Bassenge. Am Dienstag ist Astrid North, die Mutter zweier Kinder war, im Alter von 46 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung in Berlin gestorben.

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