“Mir geht es nicht gut”

Potsdam – Andreas Möckel ist erschöpft. „Seit nunmehr sechs Tagen verlasse ich das Bett kaum noch. Heute habe ich den neunten Tag in Folge Fieber, also Temperatur zwischen 37,5 und 39,5 Grad. Das belastet den Kreislauf und den gesamten Körper natürlich enorm.“ Andreas Möckel ist einer der 63 Potsdamer, die nachgewiesenermaßen mit dem Coronavirus infiziert sind. 

Im sozialen Netzwerk Facebook hat der Zahnarzt mit einem Beitrag auf sich aufmerksam gemacht, in dem er sich bei den freundlichen Mitarbeitern des Gesundheitsamtes bedankte – und sich damit als einer der ersten in der Stadt öffentlich zu seiner Erkrankung geäußert hat. Einige Tage später haben die PNN per E-Mail Kontakt zu dem 58-jährigen Bornstedter. Und er findet deutliche Worte: „Mir geht es nicht gut.“ 

Offenbar während einer Behandlung hat sich der Potsdamer bei einem Patienten angesteckt, am 13. März war das. „Selbstverständlich“ habe er während der Behandlung den obligatorischen Mund-Nasen-Schutz getragen, sagt Möckel. Doch das Virus sprang trotzdem über – kein Wunder angesichts der üblichen Nähe zwischen Arzt und Patient in diesem Fachbereich. In den erst am Montag vom Robert-Koch-Institut herausgegebenen Empfehlungen heißt es, die Übertragung von SARS-CoV-2 erfolge nach derzeitigem Kenntnisstand „vor allem über respiratorische Sekrete, in erster Linie Tröpfchen, etwa beim Husten und Niesen, sowie bei bestimmten medizinischen oder zahnmedizinischen Maßnahmen“. Doch für Möckel kommt diese offizielle Warnung zu spät. 

Auch seine Mitarbeiterinnen sind in Quarantäne

Drei Tage nach dem Zusammentreffen mit dem Patienten hatte der 58-Jährige erste Symptome wie Schüttelfrost und Fieber – die sonst bei einer Infektion mit dem Coronavirus typischen Symptome wie Husten oder Atemnot traten bei ihm nicht auf. Der Zahnarzt schloss seine Praxis in der Potsdamer Hegelallee, machte einen Test und bekam einige Tage später das Ergebnis: positiv. Nicht nur er, auch alle seine Mitarbeiterinnen stehen seitdem unter Quarantäne, zwei von ihnen sind ebenfalls erkrankt, wie Möckel den PNN schreibt. Sie warten noch auf das Testergebnis. 

Seit Andreas Möckel zu Hause ist, wird er täglich vom Potsdamer Gesundheitsamt angerufen. Über den freundlichen Umgangston war er so erfreut, dass er den bereits erwähnten Facebook-Post veröffentlichte. Darin schrieb er: „Ich bin an Corona erkrankt und damit unter Quarantäne. Deshalb ist es mir ganz besonders wichtig, meinen Betreuern vom Gesundheitsamt danke zu sagen. Täglich werde ich vom Amt angerufen und nach meinem Gesundheitszustand ausgefragt. Freundlich, ruhig, souverän, so sind die Damen des Gesundheitsamtes.“ Anschließend bat er die Facebook-Community, den Beitrag zu liken, als „Dank an alle, die diese Krise zu managen versuchen“. Tatsächlich klickten innerhalb weniger Tage fast 1000 Menschen ein „Like“ unter dem Beitrag an. 

30 weitere könnte Möckel infiziert haben

Unterdessen ist noch unklar, wen Möckel seit seiner Infektion noch angesteckt hat. Denn während er schon infiziert, aber noch symptomfrei war, hatte seine Praxis noch geöffnet, Patienten saßen direkt vor ihm auf dem Behandlungsstuhl. Insgesamt kam er auf etwa 30 Personen, als das Gesundheitsamt ihn bat, sogenannte Kontaktpersonen ersten Grades aufzuzählen. Sie alle seien mittlerweile unter „häusliche Absonderung“ gestellt, so Möckel. „Man muss sich das einfach nur vorstellen“, schreibt er. „Zwei Arbeitstage – 30 potentielle Virusweitergaben.“

Andreas Möckel hält das Fortführen eines normalen Zahnarzt-Praxisbetriebes mittlerweile für unverantwortlich. In den Hygieneleitlinien des Robert-Koch-Instituts werde gefordert, dass die als so riskant eingestuften Zahnarztbehandlungen mit Schutzanzug, speziellen partikelfilternden Atemschutzmasken (FFP-Masken) und Augenschutz durchgeführt werden müssten. „Mir ist kein Kollege bekannt, der derart ausgestattet ist“, schreibt Möckel. 

Möckel appelliert an Potsdamer

Deshalb richtet der Zahnarzt einen dringenden Appell an die Potsdamer und fordert sie eindringlich dazu auf, „Verschiebbares aufzuschieben, und nur absolut notwendige Behandlungsmaßnahmen derzeit durchführen zu lassen“. Er empfiehlt, den behandelnden Zahnarzt vor einem Besuch anzurufen. Der kann dann selbst entscheiden, ob er sich dem Infektionsrisiko aussetzen will: „Er entscheidet, ob er sich dem Infektionsrisiko aussetzt.“

Andreas Möckel war dem Risiko ausgesetzt – und er hatte Pech. Immerhin muss er nicht im Krankenhaus behandelt werden, er kann sich in seinem Zuhause im Bornstedter Feld auskurieren. Seine Frau ist ebenfalls erkrankt, allerdings weniger schwer. Zum Abschied schreibt er: „Liebe Grüße aus dem Krankenbett (aktuelle Temperatur 38,8 Grad)“. 

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https://www.pnn.de/potsdam/corona-infizierter-aus-potsdam-mir-geht-es-nicht-gut/25678920.html