Mehr Gerechtigkeit: Ein Drittel der Kitakinder ab Herbst beitragsfrei betreut

Potsdam/Teltow. 165 Millionen Euro bekommt Brandenburg vom Bund zur Verbesserung der frühkindlichen Betreuung bis 2022. Am Freitag hat Bildungsministerin Britta Ernst mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (beide SPD) in Potsdam eine entsprechende Vereinbarung im Rahmen des “Gute-Kita-Gesetzes” unterzeichnet. Nach Bremen und dem Saarland ist dies die dritte Vereinbarung zwischen dem Bund und einem Bundesland, als nächstes sollen Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt folgen. Bis Oktober werden Abschlüsse mit allen 16 Bundesländern erwartet. Die Bundesmittel müssen für Maßnahmen eingesetzt werden, die frühestens am 1. Januar dieses Jahres begonnen haben, zur Finanzierung bereits vorher gestarteter Projekte können sie nicht genutzt werden.

In Brandenburg fließen aus eigenen Mitteln bereits rund 500 Millionen Euro jährlich in die Kitas, der Anteil zur Finanzierung des beitragsfreien letzten Kitajahrs allein beträgt 44 Millionen Euro. Die Zuschüsse vom Bund sollen nun in erster Linie zu einer deutlichen Verbesserung des Betreuungsschlüssels führen und mehr Familien von der Beitragsfreiheit profitieren lassen. Vor allem in Kitas mit vielen Kindern, die acht bis zehn Stunden Betreuung benötigen – beispielsweise in Kommunen, in denen viele Pendler mit langen Arbeitswegen wohnen – sollen zusätzliche Unterstützung bekommen. Ein besserer Betreuungsschlüssel soll damit spätestens 2020 eingeführt werden, Ziel ist eine Fachkraft für drei Kinder bei den Unter-Dreijährigen und eins zu acht bei den älteren Kindern, doch Brandenburg fehlen bislang vor allem die Fachkräfte.

Gleichzeitig sollen ab dem kommenden Kitajahr auch Familien mit geringen Einkommen bis 20.000 Euro jährlich plus Kindergeld von der Beitragsfreiheit profitieren. Bislang können das nur Eltern, die bereits staatliche Unterstützung wie Wohngeld oder Hartz IV bekommen. Damit wird mehr als ein Drittel der Brandenburger Kitakinder ab Herbst dieses Jahres in Kitas betreut, ohne dass ihre Eltern dafür zahlen müssen. Für die Umsetzung liegt allerdings noch eine Mammutaufgabe vor den Kitaträgern: Für die insgesamt 1.900 Kitas im Land muss nun jeder einzelne der 750 Träger seine Beitragsordnung ändern, um die entsprechenden Familien erfassen zu können.

Bundesweite Fachkräfteoffensive zur vergüteten Erstausbildung startet mit 2.500 Plätzen

Bundesfamilienministerin Giffey kündigte zudem an, dass im Sommer die erste Fachkräfteoffensive des Bundes in der Erzieherausbildung startet. Für die zunächst bundesweit 2.500 vergüteten Ausbildungsplätze gebe es bereits mehr als 8.000 Bewerbungen, deshalb soll die Kapazität in Zukunft auf 5.000 aufgestockt werden. Um langfristig ausreichend junge Menschen für den Beruf zu begeistern, müssten die Rahmenbedingungen geändert werden, so Giffey, denn die Initiative des Bundes zeige deutlich, dass es durchaus Interessierte gibt. In Brandenburg wird zurzeit nur die Ausbildung von Quereinsteigern vergütet, eine schulische Ausbildung ist zwar in den Oberstufenzentren gratis, beinhaltet aber unbezahlte Praktika und zwingt die Auszubildenden, in den Ferien zu arbeiten, um etwas Selbstständigkeit zu erlangen. Das erfährt auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) in der eigenen Familie: Seine 20-jährige Tochter macht eine schulische Ausbildung zur Erzieherin, bekommt für ihre Praxiseinsätze aber keine Entlohnung. Bildungsministerin Britta Ernst strebt längerfristig eine beitragsfreie Erzieherausbildung landesweit an allen Fachschulen an. 

Eine gute Vorbereitung auf die Schule, wie sie die Kita leistet, sei eine nationale Zukunftsaufgabe, betonte die Bundesfamilienministerin. Die derzeitige Förderperiode laufe zwar zunächst bis 2022, aber das Gesetz laufe nicht aus, deshalb sei mit einer dauerhaften Unterstützung durch den Bund zu rechnen. Bund und Land sind überzeugt, dass nur so gleiche Bildungschancen und mehr Gerechtigkeit für alle erreicht werden können.

Gute Erzieherausbildung für gute Betreuung

Wie wichtig eine gute Ausbildung der Betreuer ist, zeigte sich beim anschließenden Besuch in der Teltower Konsultationskita “Rappelkiste” durch die beiden Ministerinnen und den Ministerpräsidenten. In der städtischen Einrichtung gibt es schon heute keine befristeten Einstellungen ohne besondere Gründe wie Elternzeit- oder Krankheitsvertretungen. Das bedeutet mehr Sicherheit für das pädagogische Personal und Planungssicherheit für den städtischen Eigenbetrieb, der nur eine einzige feste dreiwöchige Schließzeit in den Sommerferien für alle Kitas vorsieht. Eingewöhnungen der Kinder nach der Elternzeit gibt es hier laufend, so dass jede Teltower Familie ihre Kinder möglichst direkt am Ende der Elternzeit in guter Betreuung weiß. In der Zuzugsgemeinde steigt aber auch der Bedarf: Immer mehr Berliner suchen nach Wohnraum am Stadtrand und weichen auf die Umlandgemeinden aus. Das bringt nicht nur lange Fahrzeiten zur Arbeit und damit längere Betreuungszeiten mit sich, sondern hat auch den positiven Nebeneffekt, dass sich hier viele Familien für ein drittes Kind entscheiden. Die städtischen Kitas nehmen deshalb nur Kinder auf, die in Teltow wohnen.

Fast alle Teltower Kitas haben sich zudem entschlossen, Quereinsteiger auszubilden. Innerhalb von fünf Jahren haben sie bis heute schon 48 neue Fachkräfte gewonnen. Ausbildende Kitas können sich bei Fragen an die “Rappelkiste” wenden und werden dort beraten. Denn in jeder Kita muss die Ausbildung auch individuell betreut werden. Die Stadt hat sich entschieden, das Schulgeld für die Quereinsteiger zu tragen und fährt damit offensichtlich gut. Für die zusätzlichen Betreuungsstunden, die sich durch die längeren Arbeitswege der Eltern ergeben, erhalten die Kitas nach der neuen Vereinbarung eine Pauschale, die sie nach eigenen Bedürfnissen einsetzen können. So könne es auch sein, dass eine Kita eine zusätzliche Kraft für die Integration einstelle, erklärte die Werkleiterin des Eigenbetriebs, Solveig Haller. Dann sei aber immer noch eine zusätzliche Kraft zur Betreuung vor Ort, und das sei schließlich ausschlaggebend. sg