„Max und Moritz“ im Berliner Ensemble: Wenn die Humoranzeige-App versagt

Wie jeder weiß, hat ein Theaterkritiker keinen Humor. Bitte kein Mitleid, ihm bleiben ja immerhin die Schadenfreude und der Genuss des Rechthabens. Von ihm aus hätte das auch so bleiben können. Heute aber scheint es für immer mehr Leute völlig in Ordnung zu sein, dass man ins Theater geht, um sich zu amüsieren. Die gehen da hin und lachen öffentlich. Was macht man nicht alles mit.

Die Zeitungsverlage, die ohne Kosten zu scheuen sensibel auf feinste gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, haben die Theaterkritiker längst mit Dienstsmartphones ausgestattet und Humorerkennungsprogramme appliziert. Diese Apps lassen das Telefon vibrieren, wenn auf der Bühne etwas Lustiges gemacht wird.

Aufgesetztes Grinsen, bemühtes Gelächter

Der in diesen Dingen wie gesagt ahnungslose Kritiker weiß dann, dass da irgendwo Pointen abgelassen wurden oder dass die Schauspieler sich auf Weisen gebärden, die als spaßig gelten und die, um der Chronistenpflicht Rechnung zu tragen, dem Lesepublikum mitzuteilen sind. Es soll anpassungsbedürftige Kritiker geben, die − um zu zeigen, dass sie durchaus für Späße zu haben sind − selbst schnell ein Grinsen aufsetzen oder gar in ein Gelächter auszubrechen versuchen, sobald die Humor-App Vibrationsalarm auslöst.

Am Mittwochabend, bei der Berliner Premiere von „Max und Moritz. Eine Bösebubengeschichte für Erwachsene nach Wilhelm Busch“, hat dieser Spaßwecker offenbar versagt. Nichts vibrierte. Weder das Taschentelefon noch das Zwerchfell oder die Mimik des Berichterstatters. Dabei schien − das ließ sich an den für den Kritiker natürlich nicht maßgeblichen Reaktionen des Publikums ablesen − vieles an dem von Antú Romero Nunes inszenierten Abend humorvoll gemeint gewesen zu sein.

Die Mühen der Spaßherstellung

Nicht zu übersehen waren Mühe und Unbedingtheit bei der Spaßherstellung. Die Schauspieler verstellten ihre Stimmen, guckten blöd, geil oder debil, schielten bisweilen oder grinsten über mindestens drei Backen. Sie stampften und hüpften herum, schlenkerten mit den Gliedmaßen und telefonierten im vollen Bewusstsein der Gefahren, in die sie sich begeben, mit einem Bügeleisen. Außerdem sahen sie sich bemüßigt, dem Publikum die lustigen Stellen anzuzeigen, in dem sie vormachten, wie Lachen geht, nämlich so: Ha ha. Dennoch: keinerlei Humoralarm!

Es ist ja so, dass Wilhelm Buschs Geschichte durchaus nicht unbedingt nur lustig ist. Besonders der zu Unrecht geprügelte Spitz, den Witwe Bolte verdächtigt, die Hühner gefressen zu haben − geht zu Herzen. Und auch die arme Frau selbst, die sich über den Verlust des Federviehs mit dem Gedanken, es mit Sauerkohl zu essen, hinwegtröstet, zeigt doch, dass die menschliche Seele geräumig ist für Widersprüche. Nicht zuletzt der Lynch- und Rachemord an den Buben, die erst gemahlen und dann an die Hühner verfüttert werden, hat Orestie-Potenzial.

Vom Erzählen erzählen

Im Berliner Ensemble werden die Streiche, mit denen Max und Moritz ihr Ennui zu bewältigen versuchen, mit großem Aufwand nacherzählt, wobei es der Regie und den Schauspielern offenbar wichtig war, die von Busch erfundene Erzählweise der Bildergeschichte für die Bühne zu übersetzen. Deswegen werden permanent irgendwelche Rahmen herumgetragen und Lichtblitze ausgelöst, die das Geschehen in Momenten festhalten sollen.

Die Kostüme von Victoria Behr transponieren Buschs Wiedererkennungskonturen formtreu in die Dreidimensionalität. Die rhythmische Livemusik von Carolina Bigge treibt das Geschehen selbst an und zugleich das Bühnenpersonal, das durch Umbauten und Kostümwechsel jenes Geschehen illustriert. Das Erzählen spielt sozusagen die Hauptrolle an dem Abend. Aber bevor sich eine interessante Not des Erzählens und des Lustigseinmüssens zu einer dramatischen Situation zusammenziehen würde und die Schauspieler zu spielen beginnen könnten, sind sie in aller Hektik schon wieder unterwegs, um das nächste Bild aufzubauen oder den nächsten Regieeinfall auszuführen.

Noch mehr Humorlosigkeit

Dabei stehen nicht irgendwelche diensthabenden Kostümpuppen auf der Bühne, sondern zum Beispiel das Kraft- und Vergegenwärtigungswunder Stefanie Reinsperger als Max oder die verwirrend virtuose und präzise Körpertheaterspielerin Annika Maier als Moritz.

Das war, nach der Reese-Intendanz-Eröffnung mit „Caligula“, der zweite Unglücksstreich von Nunes. Wieder fragt man sich, was sich die Dramaturgie gedacht hat. Nach Camus sollte der Regisseur nun Busch verclownen. Offenbar wurde Nunes’ eigentlich feiner, verspielter und poetisch beseelter Witz mit den grandios choreografierten Sinnlosigkeitsslapsticks von Herbert Fritsch verwechselt. Weil lustig gleich lustig ist? Welche Ahnungslosigkeit in Humordingen!

Max und Moritz 26.5., 1., 2., 15., 16.6., 19.30 Uhr, Berliner Ensemble, Karten unter Telefon: 28408155 oder berliner-ensemble.de