Kinderoper „Jim Knopf“: Etwas stockend aber mit ungebremster Freude

Berlin –

Das sollte man wohl im übertragenen Sinn verstehen: „Wir sind Heimat für alle, egal aus welchem Land man stammt!“ Denn gleichzeitig schickt König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, seines Zeichens Herrscher über den Inselstaat Lummerland, doch ein Viertel seiner vierköpfigen Untertanenschaft, den Lokomotivführer Lukas nämlich, von der Insel, weil der Platz eng zu werden droht. Er tut das verdruckst und peinlich berührt, aber Ausweisung bleibt Ausweisung: keine allzu schöne Sache. Etwas voll nimmt Alfons also den Mund mit seiner Parole von der „Heimat für alle“, die ihm im Kindermusical „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ – am Sonntag hatte es in der Komischen Oper Premiere – von Librettistin Susanne Felicitas Wolf in den Mund gelegt wird. Wohl mit politisch-pädagogischer Absicht.

Besser also im übertragenen Sinn. Denn die Zahl derer, denen Michael Endes Buch und damit Lummerland als ironische, aber gar nicht so harmlose Kleinststaat-Erfindung zu einer literarischen Heimat wurde, dürfte riesig sein. Was steckt nicht alles in diesem Buch, das auch noch den psychologisierenden Erwachsenen anrührt: ein Kind, das einst im Postpaket ankam und sich nun auf Identitätssuche begibt, ein Riese, der nur aus der Ferne riesig wirkt und kleiner wird, je näher man ihm kommt, ein Lehrer-Drache, der aus Frust über die eigene Boshaftigkeit nur immer boshafter wird und der von Jim und Lukas nicht getötet wird, wie das in früheren Mythen noch üblich war, sondern gefangengenommen und damit einem inneren Lernprozess übergeben: Am Ende wird sich der Drache Mahlzahn in den Drachen der Weisheit verwandeln.

Einen eigenen Jim-Knopf-Ton findet Elena Kats-Chernin nicht

All das kommt auch in Susanne Felicitas Wolfs Libretto-Fassung vor und doch erscheint Jim Knopfs Reise von Lummerland ins drächische Kummerland und wieder zurück (dann mit unterwegs eingefangenem Eiland als territorialer Erweiterung für die Heimatinsel) seltsam holzschnitthaft und zauberarm. Ganz klassisch folgt man hier dem Musical mit seiner Abfolge einzelner Nummern. Im gesprochenen Dialog schreitet die Handlung voran, zwischengeschobene Songs und Tanzeinlagen verzögern sie. Beides steht weitgehend unverbunden nebeneinander, recht stockend geht es dadurch voran. Das Reisetempo von Lokomotive Emma in allen Ehren, ein wenig flüssiger dürfte es schon gewesen sein.

Die Dehnung, die die Erzählung damit erhält, versucht Elena Kats-Chernin mit einer munter-farbigen Musik zu gestalten. Tanzrhythmen herrschen vor, Kats-Chernin, die für die Komische Oper bereits die Musik für „Schneewittchen und die 77 Zwerge“ schrieb, liefert eine poinitierte Musical-Instrumentation, auch Emma wird mit einem angemessen schrillen Pfeifen bedacht, das aus Clusterakkorden der Holzbläser tönt. Zwei famose Zwischenspiele komponierte Kats-Chernin: eines, das schwung- und machtvoll die Meerfahrt auf der seefest gemachten Lokomotive schildert, und eines für die Fahrt durchs „Tal der Dämmerung“ mit seinen bis zur Katastrophe sich verstärkenden Echos. Einen eigenen Jim-Knopf-Ton findet sie dabei nicht. Vielleicht würde man ihn auch nicht erwarten, hätte es nicht das kongeniale Titellied zur Marionetten-Fassung der Augsburger Puppenkiste gegeben: „Eine Insel und zwei Berge“.

Jim Knopf Kinderoper: Bühnenbild verbindet Ökonomie mit Witz

Ivo Hentschel am Dirigentenpult leitet das Orchester der Komischen Oper mit Schwung und ungebremster Freude an großer Lautstärke durch das Stück, Georgina Melville gibt den Jim Knopf als unerschrockenen Klein-Siegfried mit zeitgemäßer Baseballkappe auf dem Kopf, mit Carsten Sabrowskis gemütlichem Lukas würde wohl jeder gerne auf Reisen gehen, Julia Domkes Ping Pong lässt Regisseur Christian von Götz an der Grenze zum Nervenverträglichen herumhüpfen und -quieken. Lukas Nolls Bühnenbild schließlich verbindet Ökonomie mit Witz. Krabben spielen dort Karten, Seepferdchen schnäbeln zärtlich miteinander und auf einer Acht fährt unermüdlich Emma.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

nächste Vorstellungen: 9., 14., 17. 11, jeweils 11 Uhr, Komische Oper, Behrenstr. 55–57, Karten unter 47 99 74 00

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