Keimzeit-Konzert im Maschinenhaus: Trocken-direkte Stücke typischer Verspieltheit

Das Schloss ist aus Papier und wird dem Angriff eines Krabbelkindes nicht standhalten. Sein Lieblingsakkord mit vierzehn auf der Gitarre war E, e-Moll: „Die große Melancholie der kleinen Terz allein gab mir Trost.“

In den ersten beiden Stücken im Maschinenhaus und auf dem neuen Album „Das Schloss“ reist Norbert Leisegang zurück in die eigene Kindheit und Jugend. Das hatte der Sänger und Texter von Keimzeit in den frühen Jahren der Band bereits getan, indem er immer wieder Hofnarren, Irre und Traumtänzer zu Helden gemacht und deren naive Unbekümmertheit gefeiert hatte. Inzwischen schreibt Leisegang deutlich reflektiertere, abgründigere, hintersinnigere Texte, die sich oft erst beim mehrmaligen Hören entschlüsseln.

Der Abend im Maschinenhaus spannte einen weiten Bogen: Keimzeit spielten einen Mix aus ganz neuen Stücken und ganz alten Hits. Nicht nur die Poesie von Leisegang hat sich weiterentwickelt: Auch musikalisch sprießen bei Keimzeit nach fast vierzig Jahren immer noch frische Triebe.

Keimzeit: „Wir hören nur, was wir hören wollen“

Das aktuelle Album haben sie von Moses Schneider produzieren lassen, der für seine Arbeit mit Bands wie den Beatsteaks und Tocotronic in der Szene hoch anerkannt ist. Die in den Tempelhofer Candy Bomber Studios im Quasi-Live-Modus in wenigen Tagen aufgenommenen Stücke klingen trocken-direkt und zeitgemäß. Den Einfluss von Produzent Schneider beweist die Nummer „Geht schief“, die, nach der Fanreaktionen im Maschinenhaus zu urteilen, das Zeug zum nächsten Keimzeit-Hit hat.

Ursprünglich wollten Leisegang und Co das Stück als Mischung aus Skiffle und Country & Western spielen. Moses Schneider überzeugte sie, es als Reggae zu versuchen. Der Wechsel lässt den Song auch inhaltlich gelassener wirken. Denn im Refrain reibt sich Norbert Leisegang an den allgemeinen Kommunikationsgebaren: „Wir hören nur das, was wir hören wollen. Wir sehen nur das, was wir sehen wollen. Und dann geht das, was wir tun, in der Regel schief.“

Keimzeit-Sound ist voll von Lässigkeit und Vielseitigkeit

Als Reggae wirkt der Song weniger mahnend, sondern selbstkritischer. Norbert Leisegang, der mal ein Lehrerstudium absolviert hatte, weiß, dass er gelegentlich zu „Schulmeisterei“ neigt – was er hier aber vermeiden konnte. Im Song über „Action Kalle“, einen Schulfreund, der wegen seiner Langsamkeit nicht zählte, dann aber eine Weltkarriere machte, darf Gitarrist Martin Weigel, der mit seiner Lässigkeit und Vielseitigkeit überhaupt den aktuellen Keimzeit-Sound prägt, mal richtig brettern. Dabei verzichten sie aber nicht auf ihre typische Verspieltheit.

Bestes Beispiel, das auch live für viel Spaß sorgte, ist „Der fliegende Teppich“. Hier liefert sich der Sänger Leisegang mit Gitarrist Weigel ein absurdes Rededuell: Teppich und Fußboden streiten sich verbissen darum, wer wichtiger ist. Hochrot vor Wut hebt der Teppich schließlich ab. Eine penetrant-eingängige Elektro-Melodie treibt die HipHop-Parodie an. Eine klassisch-poetische Keimzeit-Ballade, eröffnet von Norbert Leisegangs Lagerfeuer-Akustikgitarre, ist das Stück über zwei Seeigel, die sich vor Jahrmillionen mal kennenlernten, nun nebeneinander am Ostseestrand liegen und vom Meer bald wieder weggespült werden.

„Kling Klang“ im Gedächtnis der Fans

Aber auch für ihre Nummern aus den 80er- und frühen 90ern haben Keimzeit neue Arrangements gefunden. Der einstige Schrammelblues ist höchstens noch selbstironisches Zitat, besonders das Flügelhorn von Sebastian Piskorz gibt vielen Stücken einen neuen Reiz. Keyboarder Simon Anke, eingesprungen für den erkrankten langjährigen Tastenmann Andreas Sperling, ist mehr als eine Aushilfe. Er versteht es, immer wieder knappe Akzente zu setzen.

Den Gesang kann Norbert Leisegang immer wieder seinen Fans überlassen, die „Maggie“ und „Kling Klang“ immer noch in und auswendig können. Als Rausschmeißer haben sie „Windstill“ gewählt: „Die Kindheit ist nicht länger als ein Augenblick, Walzertanzen 1-2-3 und dann zurück.“

Das Album „Das Schloss“ ist im Label Comic Helden erschienen.

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