Katrin Sass in der Bar jeder Vernunft: „Ihr hattet die D-Mark, wir waren reich“

Die gute Nachricht ist, dass die alten Ost-Lieder noch funktionieren. Die schlechte, dass die Anekdoten, die die Schauspielerin Katrin Sass in ihrem Frauensommer-Programm in der Bar jeder Vernunft erzählt, so klingen, als seien die letzten 30 Jahre für die gebürtiger Schwerinerin nur ein einziger Tag gewesen. Torsten Wahl berichtet aus der Ostalgie-Zone.

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Arme hoch: Wer stammt aus dem Osten?!“ Erfreut zählt Katrin Sass die vielen gereckten Arme im Wilmersdorfer Spiegelzelt durch und behauptet dann: „Als ich 2015 hier aufgetreten bin, waren nur Westler da!“ Auf ihre gewohnt forsche Art nimmt die Schauspielerin die Bar jeder Vernunft in Beschlag. „Wir sind ja jetzt im Westen“, erklärt sie und tut so, als ob sie kurz nach dem November 89 auftreten würde.

Das Thema „30 Jahre Mauerfall“ hatte die Bar jeder Vernunft selbst vorgegeben – Katrin Sass, Schirmherrin des aktuellen Frauensommers, nimmt das Thema so ernst wie keine andere. Tonschnipsel mit den allseits bekannten, prägenden Äußerungen von Walter Ulbricht, Erich Mielke und Günter Schabowski werden eingespielt und kommentiert. So macht sich Katrin Sass darüber lustig, dass Spitzbart Ulbricht nicht mal das „Yeah, yeah, yeah“ der Beatles richtig aussprechen konnte und stattdessen das westliche „Jeh-Jeh-Jeh“ verdammte. Doch anno 2019 sind Witze über Walter Ulbricht, Erich Honecker oder die langen Wartezeiten auf ein DDR-Auto nur noch historisch – aber kaum noch witzig.

Zumindest das NVA-Liedgut hat noch eine eigene Kraft

Dagegen besitzen Lieder, die vor Jahrzehnten gelernt und gesungen wurden, immer noch eine eigene Kraft. Das schmissige Werbelied für die Nationale Volksarmee „Soldaten sind vorbeimarschiert“ wirft die meist älteren Zuschauer in die Schulzeit der 60er- oder 70er-Jahre zurück – da braucht es nicht mal die parodierenden Gesten, mit denen Katrin Sass ihren Vortrag begleitet. Am hymnischen Kinderlied „Unsere Heimat“ hatten sich schon zu DDR-Zeiten Sängerinnen wie Angelika Weiz gerieben – deren Version durfte selbst 1989 nicht auf einer Amiga-Platte erscheinen.

Katrin Sass singt es zunächst auf vertraut elegische Weise – und viele Zuhörer stimmen leise ein – dann energisch, um das „Schützen der Heimat“ zu betonen. Doch das expressive Stück mit den weiten Melodiebögen behauptet sich. Heute lässt sich das Schützen der Heimat nicht nur im militärischen Sinne, sondern auch im ökologischen Sinne deuten.

Das zweite zentrale Stück dieses Heimatabends ist ihre Version des Nina-Hagen-Klassikers „Du hast den Farbfilm vergessen“, für den der Texter Kurt Demmler noch einen neuen Nachwende-Text geschrieben hatte. In der Neufassung geht es nicht mehr nur um Urlaubsfotos vom Ostseestrand, sondern um das Bild eines verblichenen Landes. Die neue Version stellt klar, dass von diesem Land zwar meist Schwarz-Weiß-Bilder existieren, das Leben aber prall und farbig war – und anders als im Westen: „Wir lebten für alle und ihr lebt nur für euch. Ihr hattet die D-Mark, doch wir, wir waren reich.“ Mit einem triumphierenden „Juchhe!“ schließt sie nicht nur dieses Stück ab.

Doch findet sich diese lustvoll behauptete Farbigkeit des Lebens im Osten auch in ihrem Programm? In den Erinnerungen, die sie zwischendurch aus ihrer Autobiografie „Das Glück wird niemals alt“ vorträgt, besteht das Land, das Katrin Sass gern Zone nennt, aber nie DDR, weil die ja nicht demokratisch war, aus muffligen Funktionären, einer engen Freundin, die sie an die Stasi verriet und einem „Mann im Ledermantel“, der sie 1987 zur Berlinale nach Westberlin geleitete. Dort war sie vom glänzenden Westen so berauscht und beeindruckt, dass sie sogar die leeren Marmelade-Schächtelchen vom Hotel-Bufett heimlich einsammelte. Als Überbleibsel des Ostens zählt sie den grünen Ampel-Pfeil, den Broiler und das Sandmännchen auf.

Am Ende ist die ganze Bar ein Ostalgie-Museum

Spannender als ihre Plaudereien, die allzu simpel auf gemeinsame Schlüsselreize setzen und nur wenige Zwischentöne kennen, sind die Balladen ihrer Jugend, Stücke von Veronika Fischer und Holger Biege, die sie erst später für sich entdeckte. Immer wieder treibt sie ihre forsche, mitunter zackige Art zu singen an den Rand der Parodie. So spielt sie bei der Ballade „Deine Liebe und dein Lied“ mit ihrem Pianisten Benedikt Aperdannier, einem „Wessi“. Mit dem Abschiedslied wird das Programm zum singenden, klingenden Ostalgie-Museum: Es ist das „Sandmännchen-Lied“.