Interview mit Lia Rodrigues : Arbeiten in einer brasilianischen Favela

Vor sechzehn Jahren ist die erfolgreiche brasilianische Choreografin und Festivalleiterin Lia Rodrigues mit ihrer Company nach Maré umgezogen, in eine der größten Favelas von Rio de Janeiro. Dort hat sie gemeinsam mit der NGO Redses ein leerstehendes Warenhaus zum Centro de Arts da Maré umgebaut. Es gibt dort Theater-, Tanz- und Musikaufführungen, kostenlose Tanzklassen, Nachhilfe- und Schulungsangebote. Es ist ein Versammlungsort für die Bewohner der Favela. Rodrigues gastiert heute mit ihrem Stück „Fúria/Wut“ im HAU 2.

Frau Rodrigues, seit dem 1. Januar 2019 hat Brasilien mit Jair Bolsanaro einen rechtsradikalen Präsidenten. Wie hat sich Ihre Situation in Brasilien dadurch verändert?

Ich bin weiß, eine weiße Frau aus der Mittelklasse mit allen Privilegien. Natürlich hat sich auch für mich etwas geändert, aber dramatisch geändert hat sich die Situation für einen anderen Teil der Bevölkerung, für die Minderheiten, vor allem für schwarze und für arme Menschen. Bolsanaro zerstört systematisch die Infrastruktur des Landes. Er hat etwa das Budget für Bildung, für Schulen und Universitäten, um 30 Prozent gekürzt. Bildung ist der wichtigste Schlüssel sowohl für jeden Einzelnen für ein besseres Leben, aber auch für eine Gesellschaft in ihrer Gesamtheit um sich zum Besseren zu entwickeln. Das ist von den Faschisten nicht gewollt.

Wie verändert das die Lage in einer Favela wie Maré?

Es war nie gut, und jetzt ist es noch einmal schlechter für alle. Bolsanaro verfolgt einen Diskurs der Diskriminierung, und er ermutigt die Menschen im täglichen Leben mit Hass zu agieren. Aber die Menschen in der Peripherie wissen, wie sie auch mit sehr schlechten Situationen fertig werden. Das ist das, was sie seit Jahren, seit Jahrhunderten tun. Die schwarzen Menschen haben auch den Genozid der Sklaverei überlebt. Sie finden immer Wege zu überleben. Aber bei dem, was jetzt geschieht, geht es nicht nur um Brasilien. Auch in Europa erstarken die Rechten. Es ist das globale kapitalistische System, das sich auf immer unverhohlenere Weise durchsetzt. Bolsanaro ist kein Verrückter, genauso wenig wie Trump. Sie haben eine klare politische Agenda. Es geht um die Macht der Unternehmen und der Banken und um die weiße männliche Vorherrschaft.

Formiert sich in Brasilien dagegen Widerstand?

Natürlich. Aber ich bin nicht mit Widerstand beschäftigt. In Maré geht es um die Existenz, und wir versuchen in einer sehr schwierigen sozialen Lage neue Formen des Zusammenlebens zu finden. Die Situation ist für uns gleichgeblieben, gleich schwierig. Ich arbeite nicht jetzt, weil Bolsonara da ist, ich habe es schon immer gemacht. Als wir 2003 mit der Company kamen hatten wir kein Projekt. Es ging zunächst darum in Austausch zu kommen und gemeinsam zu sehen, was wir tun können. Ich, wir alle mussten erstmal lernen, was unser Platz sein könnte. Wir mussten die Regeln kennen lernen, was können wir tun und was nicht. Wir mussten lernen mehr zuzuhören als selbst zu reden. Das hält bis heute an. Ich mache das gemeinsam mit der NGO Redses. Redses wurde von Universitätsabsolventen gegründet, die aus Maré kommen, die den Absprung geschafft haben und in die Favela zurückgekehrt sind, um den Kindern dort bessere Bildungschancen zu ermöglichen.

Fühlen Sie sich in der Arbeit bedroht?

Ich bin 63 Jahre alt, ich habe schon zuzeiten der Militärdiktatur als Künstlerin gearbeitet. Ich finde, Geschichte hat etwas von Wellen und ich versuche auf ihnen und unter diese Wellen durch zu surfen. Ich kann das für mich so sagen, ich muss nicht, wie andere, um mein Leben fürchten.

Das Stück mit dem Sie jetzt im HAU 2 gastieren, „Fúria / Wut“ klingt nach großem Zorn.

Natürlich bin ich, sind die Tänzer wütend über die Verhältnisse. Für das Stück haben wir am Anfang mit verschiedenen Bildern der Macht gearbeitet. Mit Bildern von der Situation von weißen Menschen und schwarzen Menschen, von Armen und Reichen. Die Künstler haben Bilder zu ihren Ängsten gesammelt und dem, was sie wollen von der Welt. Daraus haben wir versucht ein Tableau zu entwickeln. Wir sind sehr weit zurückgegangen in die Vergangenheit und weit vor in die Zukunft.

Haben Sie sich dafür, wie in einem früheren Stück, mit indigenen Traditionen und deren Zugängen zu Vergangenheit auseinandergesetzt?

Nein, darum geht es hier nicht. Wir tragen doch alle die Vergangenheit in uns, wir sind alle von unserer Geschichte geprägt. Wenn wir in unsere Vergangenheit zurückgehen, stoßen wir unweigerlich auf die Sklaverei. Das ist unsere gemeinsame Geschichte. Aber je nachdem, ob wir weiße, schwarze oder gemischte Haut haben, ist es eine sehr unterschiedliche Geschichte. Aber es ist eine Geschichte, die nicht erzählt, die nach wie vor verdrängt wird. Auch hier in Europa. Wir sprechen über Sklaverei nicht so, wie wir darüber sprechen sollten. Wir sprechen nicht über Dekolonisierung, so wie wir darüber sprechen sollten. Aber wir müssen uns dekolonisieren. Das ist ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess. Man sieht es im Brasilien der Gegenwart, dass sich nichts ändert wenn wir das nicht tun. Dort wird der Genozid an den schwarzen Menschen, der mit dem Kolonialismus begonnen hat bis heute fortgesetzt. Jede 30 Minuten wird in Brasilien ein Mensch erschossen, meistens ist es ein schwarzer Jugendlicher. Das war schon so vor Bolsonara. Der Reichtum Europas basiert auf der Kolonialgeschichte, aber euer Bildungskanon ist nach wie vor von weißen männlichen Philosophen dominiert. Ich finde, es braucht eine andere Perspektive. Wir sollten anderes lesen, Anderen zuhören von Anderen lernen als bisher. Das ist meine Überzeugung und das ist das, was ich mit meinem Leben versuche.