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Der Sommer rückt näher und damit der Tag, an dem der Kultursenator Klaus Lederer bekanntgeben will, wer Klaus Dörr nachfolgen und ab 2021 Volksbühnenintendant wird. Ob er noch niemanden gefunden hat, der geeignet wäre? Oder ist hinter den Kulissen längst alles abgemacht? Was muss jemand mitbringen, um das Haus mit dem dicken Castorf-Stempel und nach dem Dercon-Desaster zu bewältigen? Mut, Ausdruckswut und gern auch ein paar Jahre Leitungserfahrung dürften nicht schaden. Und vielleicht findet man jemanden, der noch nicht fünfzig ist? Wir sprachen mit dem 46-jährigen Intendanten Kay Voges, der dem Theater Dortmund zu überregionaler Aufmerksamkeit verholfen hat und es 2020 nach zehn Jahren abgibt.

Herr Voges, Sie tauchen immer mal wieder als ein Kandidat für die Nachfolge von Klaus Dörr in Gesprächen gut unterrichteter Kreise auf. Manche sehen Sie als hoch geeignet an, andere winken hektisch ab. Wie ist denn der Stand der Dinge?

Man hat hier erst einmal eine Entscheidung getroffen, indem man Klaus Dörr ein Jahr länger weitermachen lässt. Damit hat Herr Lederer den Stress rausgenommen.

Im Sommer muss eine Lösung her.

Wenn ich diese Lösung wäre, würde ich bestimmt Bescheid wissen. Ich werde an dem Haus inszenieren. Ich glaube nicht, dass ich den Intendantenjob erben werde. Mit mir hat Lederer jedenfalls nicht geredet. Da kann ich Ihnen jetzt keinen Scoop liefern.

Immerhin. Ein Dementi ist ja auch eine Nachricht. Sie hatten in aller Bescheidenheit Interesse an der Volksbühne bekundet.

Ich habe gesagt, dass ich gern bereit wäre, mir Gedanken darüber zu machen. Ich höre jetzt nach zehn Jahren in Dortmund auf. Das war eine tolle Zeit. Aber irgendwann ist diese Bühne zu klein geworden für uns. Jetzt kommt so die wehmütige Zeit, wo man merkt, dass man auseinander geht. Es wäre schön, wenn wir unsere kontinuierliche Theaterarbeit an einem anderen Haus fortsetzen könnten. Sonst werden sich die Menschen, die in einem Verbund miteinander gearbeitet haben, in alle Winde verstreuen. Und ich verbringe ein paar Jahre als freier Regisseur.

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„Klar, dass man da einen größeren Verein trainieren will.“

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Paulus Ponizak

Aber Sie wollen lieber ein Haus übernehmen, warum?

Ich habe in den Neunzigern mit Ende zwanzig im Leitungsteam des Theaters Oberhausen angefangen und mich relativ schnell entwickeln können, weil ich immer wieder mit denselben Menschen den nächsten Schritt machen konnte. Wegen dieser Kontinuität bin ich Intendant geworden. Wenn man als Gastregisseur irgendwo auftaucht, verbringt man die ersten beiden Wochen damit, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, bevor es mit der Kunst losgehen kann. Außerdem ist es ein Unterschied, ob man eine Inszenierung macht, oder ob man ein ganzes Haus in einer Stadt inszeniert. Das ist ein größerer Gedanke. Ich hoffe, dass ich dazu Gelegenheit bekomme.

Sicher, als einer der wenigen Ihrer Generation. Es ist eine Generation, die das vom Künstlergenie geleitete Theater noch kennt und nun von den neuen Forderungen nach Mitbestimmung, besseren Arbeitsbedingungen und Parität getrieben wird. Wie ordnen Sie sich ein zwischen Geniekult und Kollektivwahn?

Ich sehe mich nicht als Genie. Vielleicht ist es die gute Mitte. Theater ist immer Teamarbeit. Meine Leitbilder sind Respekt und Hingabe: Lasst uns achtungsvoll miteinander umgehen, von der Reinigungskraft bis zum Intendanten. Und das Produkt ist wichtiger als die Eitelkeit der Macher.

Wichtiger auch als die Arbeitsbedingungen? Sind die nachrangig, wenn am Ende die Kunst überzeugt? Sie sind als Arbeitstier bekannt.

Wir achten sehr auf ein gutes, gerechtes Betriebsklima und auf die Arbeitszeiten. Wir haben vor Jahren den Montagmorgen probenfrei erklärt. Einen Montagmorgen im Monat haben wir für alle Mitarbeitenden und das Ensemble reserviert. Da nehmen wir uns die Zeit zu reflektieren, was war und was besser geht. Kommunikation ist notwendig, um Veränderungen zu vollziehen, die die Arbeitsbedingungen und künstlerischen Ergebnisse verbessern.

Was halten Sie von Leitungsteams?

Ich bin Teamarbeiter, glaube aber nicht an gemeinsam verantwortliche Leitungsteams im Sinne von kollektiver Intendanz. Ich leite das Haus, habe eine Stellvertreterin, ein großes Dramaturgieteam, eine technische Leitung, Betriebsbüro und Öffentlichkeitsarbeit. Jeder hat seinen speziellen Verantwortungsbereich. Wir beraten miteinander. Entscheidungen treffen dann die Verantwortlichen mit mir zusammen.

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„Lederer kann mich noch anrufen.“

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Paulus Ponizak

Wie sind Sie in Dortmund ausgestattet, und was würden Sie mit einem größeren Budget machen? Ihre eigenen Arbeiten sind doch, was den Aufwand angeht, kaum zu steigern?

Wir sind ein mittelgroßes Theater mit 16 Ensemblemitgliedern. Das, was ich am Hamburger Schauspielhaus inszeniert habe oder demnächst an der Wiener Burg machen werde – entsteht unter ganz anderen Bedingungen. Das Team ist größer, die Bühnen sind größer, der finanzielle Rahmen ist größer. Das Bühnenbild, das in Hamburg gebaut wurde, hat so viel gekostet, wie alle Bühnenbilder einer Spielzeit zusammen in Dortmund. Wir haben tolle Regisseure in Dortmund: zum Beispiel Claudia Bauer, Ersan Mondtag, Thorleiffur Örn Arnarsson und in der nächsten Spielzeit Jonathan Meese – sie kommen wegen des tollen Ensembles und vielleicht wegen unserer künstlerischen Arbeit, aber wir können ihnen lange nicht die Infrastruktur oder die Gagen bieten, die an anderen Häusern möglich wären. Und Schauspieler wollen bei aufregenden Regisseuren arbeiten. Wir sind ein bisschen wie der SC Freiburg aufgestellt. Wir spielen in der Ersten Liga mit, haben aber wenig Mittel und laufen permanent Gefahr, dass man uns die besten Stürmer wegkauft. Klar, dass man da einen größeren Verein trainieren will.

Was ist mit den Fans?

Das Dortmunder Publikum ist toll, begeisterungsfähig und streitlustig. Wir werden wahrgenommen und gewollt. Es ist anders als in anderen Städten, wo es diese etwas gelangweilte Haben-wir-alles-schon-gesehen-Hybris gibt.

Wie in Berlin zum Beispiel. Alle Regisseure, die Sie nennen, haben wir hier schon gesehen. Sie selbst gelten als Castorf-Epigone. Schreckt Sie das ab?

Wenn Angst und Gefallsucht zum Motor für Kunst werden, ist die Kunst kaputt. Ich muss glauben, etwas zu tun, was für mich relevant ist. Und mit dieser Überzeugung muss ich versuchen, die Menschen zu erreichen. Wenn es ums Gefallen geht, verliert man sich selbst. In Berlin braucht man einen langen Atem und ein dickes Fell.

Dazu kommt die selbstbewusste Belegschaft der Volksbühne?

Ich habe es sehr genossen, hier arbeiten zu dürfen, als unser „Evangelium“ aus Stuttgart übernommen wurde. Die Gewerke sind toll. Und die Theatersozialisation der Volksbühne ist sehr besonders und stark. Die haben mit Castorf, Schlingensief und Vegard Vinge Theaterexzesse nicht nur zugelassen, sondern mit kreiert. Diese Potenz kriegt man schon mit, und die macht das Haus auch so attraktiv.

Dörr versucht nun, Ruhe in den Laden zu bekommen. Vielen ist das auch wieder nicht recht, weil die Volksbühne ein Haus ist, das die Krise braucht und sich durch Exzesse immer tiefer in ihr behauptet. Wäre das nichts für Sie?

Lederer kann mich noch anrufen.

Ihre Inszenierungen zeichnen sich durch komplexe technische Aufbauten aus, durch Video, durch Zitate und Virtualität. Zugleich gründen Sie eine Akademie für Digitalität und Theater. Ist das die Zukunft des Theaters in unserer fragmentierten, digitalen, globalisierten Welt oder ist das Theater nicht eher ein Gegenort zu all diesen Phänomenen?

Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft. Diesen Transformationsprozess müssen wir im Theater aktiv mitgestalten und erforschen. Auch um der Frage näher zu kommen, was am Theater es zu bewahren gilt. Theater ist eine Gegenwartskunst. Es muss sich fragen, was für ein Narrativ die Gegenwart braucht. Wie sprechen wir, wie nehmen wir wahr, was zählt, was verbindet uns? Man kommt nicht an der Digitalisierung vorbei und muss auch ein paar Irrwege abschreiten, wenn man adäquate Erzählformen sucht.

Sie waren als 16-Jähriger als evangelischer Missionar unterwegs, zwei Jahre später haben Sie die Bibel durch die Kirche geworfen. Senden Sie mit Ihrem Theater eine Botschaft?

Ich habe die Bibel durch die Kirche geworfen, weil ich diese Ideologen nicht mehr ertragen habe, die wussten, wie es geht. Fragen, suchen und zweifeln, das ist mein Motor. Die Kunst ist nicht für Propaganda und Antworten da. Für mich ist die Kunst ein Labor, in dem man der komplexen Schönheit der Welt nachspürt – um sie zu feiern.

Mir kommt es vor wie ein illustrierter Verzweiflungsschrei. Da schreit mich jemand mit allem, was ihm zur Verfügung steht, an, weil er zum Glück noch schreien kann.

Wut, Angst, Liebe sind Triebkräfte für das Schaffen. Aus dieser Energie heraus kann man inszenieren. Ein Abend, der ohne solche Triebkräfte entsteht, will nichts.

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