Hollywood ist käuflich: Wie Chinas Einfluss auf die Popkultur wächst

Vor einigen Tagen stellte sich „Top Gun: Maverick“ mit einem ersten Trailer vor, die Fortsetzung des Piloten-Films von 1986, dem Tom Cruise seine weltweite Popularität als Actionstar verdankt. Beworben wird das Projekt mit Schlüsselszenen des Originals, Cruise’ Maverick ist immer noch Pilot und trägt dieselbe gefütterte Lederjacke von damals. Allerdings verwiesen die Aufnäher an den Uniformen der Manöverpartner, die sich an der Seite von Cruise mit den „Roten“ auseinandersetzten 1986 auch auf Japan und Taiwan. Auf der neuen, alten Jacke wurden die Flaggen durch unverfängliche grafische Symbole ersetzt. Die Erklärung ist einfach: „Maverick“ wurde auch mit chinesischem Geld finanziert.

Zhang Yimous „One Second“ wie auch das Jugend-Drama „Better Days“

Nicht nur der Strahlemann der reaktionären Reagan-Zeiten fliegt 2020 mit Treibstoff der Volksrepublik China in die Kinos, halb Hollywood wäre heute ohne finanzstarke chinesische Partner wohl kaum noch funktionsfähig. Dass die heimischen Produzenten unter Staatschef Xi Jinping auf Linie gebracht werden, erkennt man im chinesischen Kino: Sowohl Zhang Yimous „One Second“ wie auch das Jugend-Drama „Better Days“ wurden im Februar kurzfristig aus dem Berlinale-Programm genommen.

Auch das teure Historien-Epos „The Eight Hundred“ des populären Studios Huayi Brothers Media und der Film „The Hidden Sword“ von Xu Haofeng wurden kurz vor ihrer jeweiligen Premiere aus dem Programm gestrichen: Beide Filme feiern den Kampf gegen die japanischen Invasoren in den Dreißigerjahren, doch die Regierung möchte derlei prärevolutionäre, als antikommunistisch missverständliche Helden-Geschichten nicht im Kino sehen.

Die drei großen T – Tibet, Taiwan und Tiannamen

Im vergangenen Jahr wurde die Filmzensur, die zuvor von einer semi-unabhängigen Prüfstelle betrieben wurde, direkt der Propaganda-Abteilung der chinesischen KP übertragen: Vor dem 70. Jahrestag der Staatsgründung im September wird die Gangart härter, das Kino soll heute vor allem erbaulich und staatstragend sein.

Und was macht die Immer-noch-Kino-Weltmacht Hollywood? Schon seit den Neunzigern hatten amerikanische Produzenten vorauseilend Rücksicht auf chinesische „Empfindsamkeiten“ genommen: Wer mit oder in der Volksrepublik Geschäfte machen will, heute oder auch übermorgen, erwähnt besser nicht die drei großen T – Tibet, Taiwan und Tiannamen; hinzu kommen Reizthemen wie Chinas immer ausgefeiltere Überwachungstechniken oder die Unterdrückung der Uiguren im Westen des Landes. Im Hollywood-Kino (oder in Streaming-Produktionen) findet man nichts davon.

Freiwillige Selbstkontrolle der etwas anderen Art

Dazu braucht es keine Anweisungen des chinesischen ZK. Der Apparat der Partei und der Staatspräsident setzen auf die wirtschaftlichen Begehrlichkeiten des Westens und, nicht ohne Ironie für ein Land mit kommunistischem Selbstverständnis, die Macht des Geldes. Mit dem rasanten Anwachsen einer chinesischen Mittelschicht und einem massivem Ausbau der Kino-Infrastruktur (inklusive eines chinesischen Großbild-Systems ähnlich von IMAX) ist das Land für Hollywood schon lange ein lukrativer Absatzmarkt.

Doch China hält den Zugang zu den heimischen Leinwänden unter strenger Kontrolle: Nach langem Ringen dürfen derzeit pro Jahr gerade einmal 34 US-Filme ins Land, 14 davon müssen laut Vorgabe in 3D beziehungsweise im IMAX-Format sein. Ein Nadelöhr mit strenger Einlasskontrolle. Studios, Produktionsfirmen und Filmschaffende tun einiges dafür, dabei zu sein.

Seltsam überflüssige Figuren:  Tilda Swinton als Mystikerin

Deshalb wird in US-Blockbustern gern ein Schlenker in die Volksrepublik gemacht oder man lässt stets hoch kompetente, erzählerisch aber oft seltsam überflüssig wirkende chinesische Figuren auftreten. Das sind – wie die gefälligeren Aufnäher auf der Piloten-Jacke von Tom Cruise – nur einige von Hollywoods gängigen Anbiederungsversuchen an Peking.

Und man hat in der amerikanischen Filmbranche auch schon die Schere im Kopf, um nicht unangenehm aufzufallen: Die reaktionäre Farce „Red Dawn“ wurde kurz vor Start umfassend digital nachgearbeitet, um aus den chinesischen Invasoren der USA nordkoreanische Truppen zu machen; in „Doctor Strange“ wurde aus dem tibetanischen Lehrmeister der Comic-Vorlage eine keltische, von Tilda Swinton gespielte Mystikerin. Freiwillige Selbstkontrolle der etwas anderen Art.

Rekordhalter „Avengers: Endgame“ 

Denn wer reinkommt, ist drin im chinesischen Markt. Und der ist heute überlebenswichtig geworden für das von Streaming-Diensten bedrängte klassische Hollywood: Der in den USA erwirtschaftete Umsatzanteil der großen Unterhaltungsfilme sinkt immer weiter. Im internationalen Geschäft ist China spielentscheidend geworden. Von den unvorstellabren 2,7 Milliarden Dollar, die der aktuelle Rekordhalter „Avengers: Endgame“ weltweit erwirtschaftet hat, kamen allein aus China über 610 Millionen, auch Flops wie „Godzilla – King of Monsters“ oder „Bumblebee“ finden in der Volksrepublik ein Publikum und ein paar hundert Millionen Umsatz.

Und so bestimmt China nicht nur für den eigenen Markt, was wie gezeigt wird und was nicht: Solange da mit seltsam konturlosen Spektakeln und buntem Eskapismus großes Geld zu holen ist, gibt es auch in Baltimore, Bogota oder Berlin nichts anderes zu sehen.

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