Gut betreut ist halb gegründet

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Potsdam. Irene Wewer und Jenny Gartemann stehen auf eigenen Füßen. Irene Wewer hat nach ihrer Scheidung die Dienstleisterin in sich erkannt und daraus die Idee entwickelt, die Übernahme kleinerer Handwerksarbeiten im Haushalt anzubieten. “Genau das, wozu kein Handwerksbetrieb Zeit hat”, sagt die 45-jährige Mutter von drei Kindern. Mehr als 20 Jahre war sie zuvor als Raumausstatterin an unterschiedlichen Orten angestellt beschäftigt. Nach ihrer Scheidung war die Vollzeitbeschäftigung jedoch zu wenig familienfreundlich – ihr jüngstes Kind ist gerade 15 Jahre alt.

Gleichzeitig sah sie, dass in vielen Haushalten handwerklich geschickte Helfer fehlen, aber ausreichend Kaufkraft vorhanden ist, um professionelle Unterstützung zu bezahlen. Daraus hat Irene Wewer eine Geschäftsidee entwickelt. Mit der ist sie zum Lotsendienst der Wirtschaftsförderung gegangen und hat sich beraten lassen, denn der Schritt in die Selbstständigkeit ist auch für Berufserfahrene nicht einfach.

In Brandenburg gibt es rund 20 solcher Lotsendienste, die über das Arbeitsministerium durch EU-Mittel gefördert werden. Den Potsdamer Dienst gibt es seit 2001, seit vier Jahren ist er an den Bereich Wirtschaftsförderung angeschlossen. Geleitet wird er von Ralf Krüger. Am Anfang steht ein sogenanntes “Development Center”, in dem die zukünftigen Gründer Feedback und Vorschläge für ihre Vorhaben erhalten. Manche merken schon in dieser ersten Phase, dass sie noch nicht bereit sind für eine Selbstständigkeit, sagt Irene Wewer. Sie hingegen hat weitergemacht und sich im nächsten Schritt gezielt einen bodenständig-soliden Coach in Brandenburg an der Havel gesucht, um ihre Idee schließlich in die Tat umzusetzen.

Als “HammerFrau” ist sie nun mit dem Fahrrad in Potsdam unterwegs und arbeitet in erster Linie für Frauen. Dabei punktet sie mit Lösungsorientierung und Unkompliziertheit, das schätzen die Kundinnen, die oft keine Lust auf klassische “Handwerkersprüche” haben. Nebenbei ist Irene Wewer aber noch immer in Teilzeit bei einem Berliner Einrichtungshaus beschäftigt – um die Fixkosten jeden Monat sicher abzudecken, sagt sie.

Ohne solide Grundlagen kein Erfolg

Jenny Gartemann ist den Schritt in die Selbstständigkeit erst in diesem Jahr gegangen. Die 31-Jährige kann auf zwölf Jahre Berufserfahrung in einem exklusiven Möbelhaus zurückblicken, in dem sie zunächst ihre Ausbildung absolviert hat und später bis zur Filialleiterin aufgestiegen ist. Von der IHK bekam sie zudem ein Stipendium für ein Bachelorstudium der Betriebswirtschaft. Vor sechs Wochen hat die engagierte Geschäftsfrau ihr eigenes Einrichtungsstudio “Raumspot” in der Hegelallee eröffnet. Um die Kosten in der Anfangsphase so gering wie möglich zu halten, teilt sie sich die Räume mit einer Künstlerin, die im Erdgeschoss eine Galerie leitet.

Denn im Gegensatz zu Irene Wewer musste Jenny Gartemann viel Geld in die Ausstattung ihres Ladens investieren, schließlich verkauft sie teure Designermöbel. Zudem plant sie, Mitarbeiter für Marketing und Verkauf sowie für die Umsetzung ihrer raumplanerischen Ideen einzustellen, mindestens ein Job soll noch in diesem Jahr besetzt werden. Ideen habe sie viele, allerdings nur in der Theorie. Für die Realisierung engagiert sie Handwerker, mit denen sie bereits in ihrer Angestelltenzeit zusammen gearbeitet hat.

Ähnlich ist das auch bei Irene Wewer: Auch sie greift gern auf Kolleginnen zurück, die bestimmte Gewerke besser beherrschen als sie selbst. Im Gegensatz zur “HammerFrau” und Mutter Irene Wewer, verzichtet Jenny Gartemann zunächst ganz bewusst auf Familie. Für sie stehen in den kommenden Jahren Karriere und beruflicher Erfolg im Vordergrund. Damit realisiert sie einen Wunsch, den sie schon mit 18 Jahren hatte.

Rund 50 Gründungsinteressierte nehmen pro Jahr an den Beratungsangeboten des Lotsendienstes teil, fast 80 Prozent davon sind Frauen. Sie können aus einem breiten Angebot von Coachings wählen, für das 21 Experten zur Verfügung stehen. Die Einzelcoachings sind dabei genau auf den individuellen Bedarf zugeschnitten. Mittlerweile ist die Selbstständigkeit nur noch für etwa ein Drittel der Teilnehmer ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, sagt Ralf Krüger. Alle anderen wollen einfach ihre Ideen umsetzen und am Markt Erfolg haben. Und Wirtschaftsförderer Stefan Frerichs fügt hinzu, dass die Gründungen für Potsdam äußerst gewinnbringend seien – schließlich stärken erfolgreiche Unternehmen auch den Haushalt der Landeshauptstadt. sg