Grönemeyer in der Waldbühne Berlin: Hier pocht das Herz der Demokratie

Berlin –

Der Duden erklärt „Tumult“ als einen Auflauf lärmender und aufgeregter Menschen. „Tumult“ ist Herbert Grönemeyers Tour überschrieben wie sein im November des vergangenen Jahres veröffentlichte Album. Nach einer ersten Runde im Frühjahr in großen Sälen, wird sie seit Ende August open air fortgesetzt.

Das Publikum beim Grönemeyer-Konzert in der Waldbühne Berlin am Dienstagabend formiert sich ohne Gedrängel in den 22.000 Menschen Platz bietenden Reihen und tanzt rücksichtsvoll im Stehplatzrund. Es agiert nicht lärmend oder aufgeregt, sondern rhythmusbewusst singend, klatschend oder armeschwenkend, getragen von ähnlichen Interessen, erfreut über einen 63 Jahre alten Herrn in schwarzem Anzug und weißen Turnschuhen.

Herbert Grönemeyer in der Waldbühne Berlin: „Es hat genau die richtige Kühle“

Offizieller Beginn war 19.30 Uhr, Herbert Grönemeyer kommt pünktlich nach der Tagesschau (für alle Fernsehverweigerer: 20.15 Uhr) mit einem Song von der neuen Platte. Passend temperiert singt er: „Es hat genau die richtige Kühle“ und: „ein lauer Sommer, der durch mich fährt“. Den Titel „Sekundenglück“ wird er am Ende, nach drei Zugabenblöcken noch einmal aufgreifen und sagen: „Das ist schon ein Stundenglück“.

Grönemeyer hat offenbar nach seinen frühen Erfolgen Mitte der 80er-Jahre und nach seiner Neuerfindung mit „Mensch“ Anfang des Jahrtausends wiederum an Popularität gewonnen.
Den ganzen Abend über wechseln zwar die Rhythmen, wechselt die von der Bühne aus angestoßene Stimmung zwischen dynamisch und melancholisch, doch bleibt das Publikum gleichermaßen gut gelaunt.

Grönemeyer-Konzert in der Waldbühne Berlin: „Keinen Millimeter nach rechts“ 

Nie hat man den Eindruck, dass Grönemeyer einen alten Song wie „Vollmond“ oder „Alkohol“ anstimmen muss, um das Interesse aufzufrischen, der Abend folgt einfach einer Dramaturgie des Auf und Ab. Dabei ist es kaum nötig, den Berliner Kneipenchor, der das Lied „Fall der Fälle“ für die Plattenaufnahmen begleitet hat, auf die Bühne zu holen. Zeilen wie „Keinen Millimeter nach rechts“ singt das Waldbühnenrund so selbstverständlich mit, dass Wahlforscher für die nächste Sonntagsfrage ins Staunen kommen müssten. Hier scheint das Herz der Demokratie zu pochen. 

Herbert Grönemeyer positioniert sich als ein politischer Künstler, am Anfang dieses Abends sagt er, es gehe um Haltung und dass man wachsam sein müsse gegenüber Rassismus. Und als er singt, „wehre dich, wenn es nach 33 riecht“ („Neuland“ vom Album „Mensch“), hält er kurz zwei Finger quer über die Oberlippe. Für den orientalisch untermalten Song „Doppelherz / İki Gönlüm“ begleitet ihn der Kreuzberger Rapper BRKN. „In jedem schlägt ein Doppelherz/ Einmal hier und dann da zu Hause“, heißt es da, die Unterschiede im Gemeinsamen betonend.

Grönemeyer begeistert auch Skeptiker

Oft und mit wechselnder Wortwahl bedankt sich Herbert Grönemeyer bei seinem Publikum. Und völlig zu recht bei seinen Mitstreitern, denn die Gitarren-, Bass-, Saxophon- und Schlagzeugsoli prägen den Abend mit. Wer immer zuvor Grönemeyer skeptisch gegenübergestanden haben mag, den dürfte am Ende dessen Begeisterung wenigstens gerührt haben. „Es war ein unfassbar liebevoller und herzlicher Abend.“ In den Zugaben baut er einen neuen Bogen vom lyrischen „Ein Stück vom Himmel“ über die Fußball-Hymne „Zeit, dass sich was dreht“ bis zum zukunftsweisenden „Kinder an die Macht“.

Die Duden-Definition von „Tumult“ ist schon etwas älter. Älter jedenfalls als das Publikum des ersten der beiden Waldbühnen-Abende – und das war augenscheinlich in der Mehrheit mindestens über 40 Jahre alt. Und nach 23 Uhr, als die Bühnenlichter aus sind und ganz langsam, auf jeden Fall nicht tumultartig, sich die Leute Richtung Ausgang bewegen, als aus den Lautsprechern „Papaoutai“ des Belgiers Stromae klingt, da kommt Herbert Grönemeyer noch einmal hinter den schwarzen Stoffbahnen hervor. Er tanzt, wedelt mit einer Decke. Es muss ihm wirklich Spaß gemacht haben.

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