Goldener Löwe für den „Joker“: Filmfestspiele von Venedig zwischen Kunst und Geschäft

In Italien liebt man festliche Reden, nur die Löwen der Filmfestspiele werden ohne viele Worte überreicht. Jurybegründungen gibt es nicht, das verbindet sie mit den Oscars, als deren erste Vorboten sie inzwischen gelten, zumindest was die amerikanischen Gewinner betrifft: 2017 triumphierte hier „The Shape of Water“, 2018 „Roma“ und nun also „Joker“, ein derart starker und emotional dichter Genrefilm, wie er auch Hollywood nicht jedes Jahr gelingt.

Es ist unmöglich, während der zwei Stunden Laufzeit nicht gefesselt zu sein von Joaquin Phoenix’ tragischem Titelhelden, einem armseligen Clown, bei dem sich aufgestautes Leid schließlich in orgiastischer Aggression entlädt.

Filmfestspiele von Venedig 2019: Der Regisseur Todd Philipps (r.) und sein Hauptdarsteller Joaquin Phoenix (l).

Filmfestspiele von Venedig 2019: Der Regisseur Todd Philipps (r.) und sein Hauptdarsteller Joaquin Phoenix (l). 

Foto:

AFP/Alberto Pizzoli

Zwei Filme Martin Scorseses bestimmen Stil, Inhalt und Konzeption, „Taxi Driver“ und „King of Comedy“; Nebendarsteller Robert De Niro adelt die retrospektive Unternehmung mit seiner Mitwirkung.

Aber kommt genug Originalität dazu für einen solchen Preis? Oder überhaupt für die Aufnahme in einen Wettbewerb für Filmkunst? Der Regisseur Todd Phillips (52) ist vor allem bekannt für seine drei „Hangover“-Filme, dies ist sein erster Spielfilm, der keine Komödie ist.

Filmfestspiele von Venedig: Auch Netflix und Amazon werden hofiert 

Sicher hätte er sich selbst nicht träumen lassen, einmal mit dem ältesten der renommierten Festivalpreise auf einer Bühne zu stehen; überreicht von Jury-Präsidentin Lucrecia Martel, die für ihre viel bedeutenderen Filme nie etwas Vergleichbares gewonnen hat. 

Einen Preis verdient hätte fraglos der Hauptdarsteller Joaquin Phoenix, der hinter dem Italiener Luca Marinelli das Nachsehen hatte, der für seine weit weniger fordernde Rolle in „Martin Eden“ ausgezeichnet wurde. Dass Phoenix trotzdem die Größe hatte, mit Phillips zurück zum Festival zu reisen, sorgte für tumultartige Szenen nach der Preisvergabe: Die Fotografen wollten einfach lieber ihn mit dem Löwen ablichten.

Bewunderung verdient fraglos Hollywoods Marketing-Strategie. Seit Tim Burtons erstem „Batman“ und noch mehr seit „Batmans Rückkehr“ stand diese eine Comicfigur immer wieder für eine andere Auffassung des Blockbuster-Prinzips. Das Warner-Brothers-Studio versteht sich ein wenig wie die Bayreuther Festspiele, bei denen ab und zu auch einmal ein Christoph Schlingensief den „Ring“ aufmischen durfte. 

Nichts dagegen, wenn Venedig seine Rolle von der umgekehrten Seite sieht und als Gralshüter der Filmkunst auch die Streaming-Platzhirsche Netflix und Amazon hofiert – solange die Qualität stimmt. Doch es ist eine heikle Balance, die natürlich auch bei der Kunstbiennale eine Rolle spielt, wo unbekannte Künstler ohne Marktpräsenz kaum noch eine Chance haben. In diesem Jahr jedenfalls waren beim Filmfestival trotz insgesamt hohen Niveaus künstlerisch radikale Produktionen in der Minderheit.

Auch Roman Polansksis Thriller über die Dreyfus-Affäre, „J’accuse!“, war kaum ein innovativer Film, aber wenigstens kein Retro-Phänomen wie „Joker“.

Polanski, nun mit dem zweiten Preis, dem „Grand Jury Prize“, geehrt, schuldet künstlerisch niemandem etwas, er arbeitet eben noch mit 88 Jahren auf dem Niveau seiner eigenen Klassiker „Chinatown“ und „Der Pianist“. Seine Ehefrau seit dreißig Jahren, Schauspielerin Emmanuelle Seigner, vertrat ihn bei der Preisverleihung.

Das immer wieder überraschende Kartenspiel namens Filmfestival in Venedig

Viel war darüber diskutiert worden, ob ein Mann, der Italien meidet, weil er fürchten muss, wegen eines schweren Sexualdelikts verhaftet und in die USA abgeschoben zu werden, überhaupt die Ehre einer Festivalteilnahme verdient. Doch wer mitmachen darf, der muss natürlich auch gewinnen dürfen.

Auch der Regisseur des innovativsten Films im Wettbewerb, der Hongkong-Chinese Yonfan, für seinen Animationsfilm „No.7 Cherry Lane“ für das beste Drehbuch geehrt, entfachte noch eine politische Kontroverse. Seine Preisrede nutzte er für ein Plädoyer für die Freiheit Hongkongs – wandte sich dabei aber vor allem gegen die Demonstranten: „Eine Kraft, deren Herkunft wir nicht kennen, stellte im Namen der Menschenrechte Hongkong auf den Kopf.

Und jetzt haben wir sogar die Freiheit verloren, auf die Straße zu gehen.“ Aber auch diese Sicht der Dinge muss bei einem internationalen Festival natürlich eine Stimme haben dürfen.

Ohnehin hat Politik einen schweren Stand bei diesem Festival. Nur einen dezidiert politischen Film hatte der Wettbewerb zu bieten, „Gloria Mundi“ von dem französischen Autorenfilmer Robert Guédiguian. Das Sozialdrama führt in die proletarische Unterschicht von Marseille, wo ein junges Paar nach der Geburt eines Babys ums Überleben kämpft. Dabei erweist sich der Großvater, ein ehemaliger Häftling, als guter Geist.

Ein außergewöhnlich ausgefeilter Naturalismus im Spiel kontrastiert wie so oft bei diesem Filmemacher mit einer artifiziellen Form und opernhaften, melodramatischen Zuspitzungen. Mit dem Preis für die Darstellerin der komplexen Mutterrolle, der französischen Schauspielerin Ariane Ascaride, gelang es der Jury, tatsächlich das Beste an diesem Film zu benennen – anders als bei ihrem Hauptpreis für den „Joker“ in diesem merkwürdigen, aber immer wieder überraschenden Kartenspiel namens Filmfestival Venedig.

%d Bloggern gefällt das: