Gob Squads Brexit-Show im HAU: Zu früh für ein Abschiedsmahl

Vielleicht war es voreilig, die britische Regierung beim Wort zu nehmen und den 29. März als großes Brexit-Theater auch auf dem Theater festzulegen. Andererseits, warum sollte man Politiker nicht mal beim Wort nehmen, auch wenn wir im Fall der britischen Spezies in letzter Zeit durchaus neue Dimensionen dazugelernt haben. Eins ist klar: Brexit ist keineswegs gleich Brexit, und die „Noes“ und „Ayes“ in den seltsamen Abstimmungsprozessionen über die immer gleichen Fragen scheinen auch keineswegs die immer gleichen „Noes“ und „Ayes“ zu sein.

So ist am Freitag das Schicksalsdatum selbst quasi über Nacht zu einem ganz normalen Wochenende geworden. Was bedeutet, dass wir am Abend zwar noch mit einigem Erwartungskribbeln ins altehrwürdige HAU, dem nunmehrigen „House“ marschierten, wo die Performer des britisch-deutschen Theaterkollektivs Gob Squad dem anberaumten Brexit dramatisch-parlamentarisch entgegen fieberten. Dann aber ließen sie in einer sechsstündigen Kochshow mit Tanzeinlagen den Brexit in sieben mehr oder weniger katastrophisch zubereiteten Nationalgerichten einfach verdampfen. Am Sonnabend schien die Sonne dann freundlicher denn je, und alles war wie zuvor: Die einst so hoffnungsfroh geschmiedete EU war nicht reduziert, und die Zeitungen verkündeten, dass bis zum 12. April alles wieder offen sei.

Das Wort zum Brexit-Durcheinander: Reset!

„Reset!“ lautet das englische Wort und fiel in dem locker improvisierten, auch seichten Sieben-Gänge-Kabarett im entstuhlten HAU 1 gleich dutzende Male: als Kommando des auch hier zentralen Zeremonienmeisters „Mister Speaker“, der vom Rang aus das Identität stiften wollende Kochspektakel auf der Bühne ordnete. Es war aber auch der Sehnsuchtsruf der Performerin Berit Stumpf, der kurz vor Mitternacht erklang, nachdem ihre hessische „grüne Soße“ durch die Unkenntnis der britischen Hilfsköche in einer Pampe endete. Verzweiflung klang aus ihrem „Reset!“ und jenes tief innere, sehr menschliche Pathos, dem Gob Squad seit 25 Jahren in ihren bunt verpackten „Real-Life“-Perfomances nachspüren. Wahre Gefühlsmomente sind ihnen immer wichtiger als diskursive Konstrukte, und so bilden auch hier die vielen Popzitate und aufgewärmten deutsch-britischen Klischees, die sie sich gegenseitig an die Kochmützen werfen, nur die Fassade für das unberührt Menschliche darunter.

Und Berit Stumpf blättert das noch ein bisschen weiter auf, indem sie ihr historisch-praktisches Fantasiekostüm, das sie (wie die ihrer Kollegen) irgendwo zwischen Muppetshow und Shakespeare verortet, ablegt. Dann steht sie nackt da und wünscht sich dorthin zurück, wo noch kein Gerücht, keine Falschheit ihre britisch-deutsche Liebe je trübte. Zu spät. Längst rührt jeder seinen eigenen Brei, sabotiert die Rezepte des anderen. Eine traurig groteske Manscherei – wie der Brexit selbst.