„Glaube, Liebe, Hoffnung“ in den Kammerspielen: Horváths Totentanz als Traumritual

Ein Sammelsurium aus Artefakten, Zeichen und Requisiten ist ins schummrige Bühnendunkel der Kammerspiele gewürfelt: eine Straßenlaterne, ein Bett, ein Überkopf-Christus, ein paar Totenkopfengel, eine Papiertaubenunruh.

Links geht es zum Wohlfahrtsamt, rechts zum Anatomischen Institut − man weiß also, dass Ödön von Horváths Rezessionspassionsspiel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ auf dem Programm steht, die Geschichte von der arbeitslosen Elisabeth, die den Präparatoren ihre Leiche verkaufen will, um mit dem Vorschuss einen Gewerbeschein zu finanzieren. Kurz flackert mit dem Schutzpolizisten Alfons die Vision häuslichen Glücks auf, das aber schnell zerstiebt, auf dass Elisabeth ins Wasser geht.

Gefangen und orientierungslos

Wie oft schon haben wir sie betrauert, wie oft schon sind wir über die Fadenscheinigkeit und Herzlosigkeit unserer eigenen Existenz erschrocken, und wie oft haben wir uns getröstet mit dem schnellen Gedanken, dass solche Nöte heute schon irgendwie gemildert werden.

An diesem Abend, für den Jürgen Kruse als „Ko-Regisseur“ offenbar nur halbverantwortlich zeichnen und den Spielern die inszenatorische Hauptleistung zugeordnet wissen möchte − scheinen auch die Figuren traumverloren auf die Spielfläche geworfen worden zu sein, kasperltheaterhaft verkleidet, gefangen und orientierungslos. Sie wissen nicht, was sie spielen, sie wissen nicht, was sie sagen, aber sie sprechen tapfer, Silbe für Silbe, als müssten sie für jede einzelne ihre ganze Kraft aufwenden.

Zerbröselnder Inhalt

Pausen hacken in den Fluss der Sprache, falsche Betonungen und Wortverdreher lassen Sprechen und Bedeutung auseinanderfallen − als hätte sich das Sozialdrama in ein Ritual verwandelt, das an den Rändern langsam ausfranst. Die über die Jahre abgenutzte, ausgetrocknete und zerbröselnde inhaltliche Substanz wird allein noch von der Form gehalten. Dass die von den Umständen gehetzten und niedergedrückten Figuren einander Gemeinplätze um die Ohren hauen, ist durchaus bei Horváth so angelegt. An diesem Abend wird das nun noch eine Windung weiter geschraubt.

Bei Kruse tun die Figuren einander der Form halber Dinge zuleide, immer mit einem verzweifelten, verlegenen, um Entschuldigung bittenden Lächeln ins Publikum − weil sie sich über sich selbst wundern und sich von sich selbst distanzieren möchten − sogar in den kleinen Glücksmomenten zwischen Elisabeth (Linda Pöppel) und Alfons (Manuel Harder). Schon in der Umarmung scheint den beiden zu entfallen, wie sie einander auf einmal so nah gekommen sind, wozu das gut sein soll und was Schlimmes als nächstes kommt.

Beglaubigter Schmerz

Teuflischen Frohsinn verbreiten Jürgen Huth und Bernd Stempel, sie folgen dem Martyrium Elisabeths mit lustvollem, auf zweierlei Weise beruflich begründetem Interesse: als Präparatoren und als Schauspielerkollegen. Ansonsten stehen schwarze und weiße Engel tatenlos herum, die Bilder werden von trostflackernden Popsong-Echos vergangener Jahrzehnte getrennt.

Der Schmerz verschiebt sich von der gemachten sozialen Ungerechtigkeit, gegen die man vielleicht etwas unternehmen könnte, zu einem existenziellen Problem mit der entsprechend dröhnenden Ohnmacht. Es schwächt und ermüdet einen auch so schon, wenn im Dunkeln langsam und verfremdet gesprochen wird. Aber die Seltsamkeit dieser Rituale, vor allem der dann seelisch doch ganz ausgefüllte und beglaubigte Schmerz im Spiel des Ensembles, wirkt farbig, klebrig und schwer nach. Wie ein böser Traum.

Vorstellungstermine: 31. Okt., 2., 17. Nov., 19.30 Uhr; 26. Nov., 20 Uhr, Kartentelefon: 28441225 oder deutschestheater.de

%d Bloggern gefällt das: