Führungskrise an der Parkaue: Das ganze Theatersystem ist anfällig für Machtmissbrauch

Berlin –

An diesen Zahlen kommt keiner vorbei: 55 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des deutschsprachigen Theaterbetriebs geben an, an ihrem Arbeitsplatz unmittelbaren Machtmissbrauch erfahren zu haben. Mehr als die Hälfte. Der Anteil bei Frauen liegt bei knapp 60 Prozent. In der Gruppe der künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steigt der Wert sogar auf 67 Prozent. Das geht von psychischer und verbaler bis hin zu sexueller Gewalt; es ist von Beschämungen die Rede, von Mobbing, Diskriminierung, Rassismus und von Drohungen. Nicht einmal zehn Prozent der Befragten gaben explizit an, mit Machtmissbrauch gar nicht in Berührung gekommen zu sein.

Unterdrückung im Arbeitsalltag

Eine repräsentative Umfrage des Professors für Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt am Main, Thomas Schmidt, und seinen Studierenden („Macht und Struktur im Theater“, Verlag Springer VS) hat den erschreckend unterdrückten Alltag, den auch das Ensemble-Netzwerk seit seiner Gründung 2015 beklagt, belastbar beziffert.

Das Buch ist eine profunde Kritik an dem gängigen Leitungsmodell mit dem allmächtigen Intendanten. Diesem Modell liegt der Gedanke zugrunde, dass ein Intendant sich nur dann künstlerisch frei entfalten kann, wenn er auch frei entscheiden kann, mit wem er zusammenarbeitet – und wen er entlässt.

Dafür gibt es den so genannten „Normalvertrag (NV) Bühne“, mit dem die meisten künstlerischen Mitarbeiter an die Theater in öffentlicher Trägerschaft gebunden werden und der alljährlich aus „künstlerischen“ Gründen beendet werden darf. Wobei „künstlerische“ Gründe nicht nachprüfbar und also nicht anfechtbar sind. Und dass sie auch nicht anfechtbar sein sollen, weil sonst – siehe oben – die künstlerische Entfaltungsmöglichkeit des Intendanten eingeschränkt wäre.

Damit haben wir das Grunddilemma des Theaterbetriebs, dass sich dort der jeweils von der Politik installierte Machthaber als Einzelner im Namen der Kunstfreiheit auf Kosten anderer verwirklichen darf und ja auch muss, denn die künstlerische Signatur bestimmt den Marktwert. Das ist demokratisch installierter Feudalismus, und der wird, siehe diese Studie, offenbar durchaus als solcher ausgelebt. Das mag unter Umständen gar nicht aus bösem Willen geschehen, wie das folgende seltene, weil öffentlich gewordene Beispiel von Ohnmachtserfahrung im Theater zeigt, sondern womöglich auch aus der Überforderung heraus, die eine solche Struktur für Intendanten wohl zuverlässig mit sich bringt.

Rassismus an der Parkaue

In Berlin wurde am 4. September das Ende des Vertrags von Kay Wuschek als Intendant des Theaters an der Parkaue bekannt geben. Als Grund nennt die Pressemitteilung „gesundheitliche Gründe“.  Wuschek ist seit jenem Tag für uns nicht zu erreichen. Sorgen machen müsse man sich um ihn aber nicht, wurde hinter vorgehaltener Hand immer wieder beteuert.

Die Nachricht mit der Vertragsauflösung kam nicht aus heiterem Himmel, war das Haus doch im Sommer wegen eines rassistischen Vorfalls ins Gerede gekommen. Es bietet sich an, diesen Vorfall als Symptom für den Gesundheitszustand und die Krankheitsanfälligkeit des Theatersystems im Ganzen zu betrachten und zu ergründen. Die Akteure sind in erster Linie die 1982 in Paris geborene und in Berlin aufgewachsene Schauspielerin Maya Alban-Zapata, der 1965 in Karl-Marx-Stadt geborene Regisseur und Oberspielleiter des Theaters an der Parkaue von 2016 bis 2019, Volker Metzler, und der Parkaue-Intendant Kay Wuschek − in zweiter Linie die Kulturverwaltung.

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Das einstige Theater der Freundschaft erstrahlte mit Wuscheks Amtsbeginn in neuem Licht.

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imago/Martin Müller

Im März 2018 liefen vier Wochen die Proben zu dem Stück „In 80 Tagen um die Welt“ mit der als Gast engagierten schwarzen Schauspielerin Maya Alban-Zapata als einziger Frau im Ensemble. In der Inszenierung, die inzwischen abgesetzt ist, sollte es auch um Rassismus und Kolonialismus gehen, Themen, die Alban-Zapata in besonderer Weise umtreiben. Schon bei ihrer ersten Arbeit an der Parkaue, der Übernahme einer Rolle in „Die kleine Hexe“ im Oktober 2016, hatte sie darum gekämpft, dass das N-Wort nicht mehr verwendet wird, so wie es auch der Verlag des Otfried-Preußler-Klassikers inzwischen handhabt.

Wenn man heute mit den beiden einst befreundeten Künstlern telefoniert, lässt sich der Konflikt vielleicht so zusammenfassen: Volker Metzler, der die Proben zu „80 Tage“ leitete, mochte auf eine kritisch-reflektierte Verwendung des Wortes innerhalb des Stückes nicht verzichten, was Alban-Zapata ohnehin schon viel abverlangte. Darüber hinaus sei es aber, wie Alban-Zapata erzählt, zu Scherzen und Aussagen gekommen, die sie nicht anders als rassistisch verstehen konnte und persönlich nehmen musste.

Wie kann man sich wehren?

Metzler bestreitet, das N.-Wort jemals an die Schauspielerin als Privatperson adressiert zu haben. Er fährt am Telefon ein beeindruckendes psychoanalytisches Argumentarium auf, um einmal mehr zu erklären, dass Alban-Zapata eigentlich keinen Grund haben dürfte, verletzt zu sein. Die Aussagen, die sie wiederum protokollierte, sind allerdings haarsträubend: Der Regisseur habe sie − das N-Wort aussprechend − mit „Das könnta doch, ihr N.!“ gebeten, etwas zu singen. Er habe, als er die kranke Schauspielerin anrief, gesagt, dass sie eine Stimme „wie ein N. im Stimmbruch“ habe. Die Dramaturgin Almut Pape hat gegenüber der taz, die zuerst über die Vorfälle berichtete, geäußert, dass zum Beispiel Bananen-Witze gemacht worden seien und Stammtischatmosphäre geherrscht habe. Dass Alban-Zapata „direkt mit dem N-Wort bezeichnet wurde, habe ich einmal im Rahmen der Proben für eine Szene miterlebt“, so Pape.

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Die Schauspielerin Maya Alban-Zapata

Foto:

imago/Scherf

Als Alban-Zapata ihn um ein klärendes Gespräch im Beisein des Personalrats und der Dramaturgin bat, lud Metzler die anderen beteiligten Schauspieler hinzu – für ihn ein Zeichen, dass man das Problem in der ganzen Gruppe klären müsse. Für Alban-Zapata aber entstand eine Tribunal-Situation, die eskalierte. Sie verließ das Theater, kündigte die Zusammenarbeit für diese Theaterproduktion, schlug damit einen in Aussicht gestellten Vertrag als Ensemblemitglied in den Wind.

Als sie drei Wochen später mit einem Anwalt wieder im Theater erschien, ihre Lage im Beisein von Intendant Kay Wuschek schilderte, dem sie während ihrer Arbeit am Theater kaum begegnet war, schwieg dieser. Aber er handelte auch. Nach ihrer Beschwerde bei der Theaterleitung wurden die Beteiligten um Stellungnahmen gebeten.

Die Untersuchung ergab, dass Volker Metzler nicht nur seiner Verantwortung als Probenleiter nicht gerecht worden sei und rassistische Diskriminierungen zugelassen, sondern dass er die Schauspielerin auch selbst rassistisch diskriminiert habe. Bis heute ist er sich dessen nicht bewusst. Er wurde im August 2018 abgemahnt. Außerdem wurden Sensibilisierungsworkshops für die Belegschaft veranstaltet. War nun alles gut?

Die Behörde handelt

Am 9. Oktober 2018 wurde bekannt, dass Kay Wuscheks Intendantenvertrag bis 2025 verlängert werden soll. Am nächsten Tag stiefelte Maya Alban-Zapata zur Kulturverwaltung und berichtete der Fachaufsicht von den Vorfällen, die sich für sie eben noch nicht erledigt hatten. Am 12. Oktober verschickte Klaus Lederer einen Brief mit der Überschrift „Machtmissbrauch an Kultureinrichtungen verhindern“ an alle institutionell geförderten Kultureinrichtungen.

Das dürfe durchaus als Reaktion auf die Beschwerde der Schauspielerin verstanden werden, so die Pressestelle der Kulturverwaltung schriftlich auf die Frage der Berliner Zeitung, was sie auf Alban-Zapatas Bericht hin unternommen habe. „Darüber hinaus ist der Intendant des Theaters an der Parkaue (TAP) zu Gesprächen beim Staatssekretär für Kultur gebeten worden, um dort über seinen Umgang mit den Vorwürfen zu berichten und sein Vorgehen zu erläutern.“ 

Der Witz mit der Kochmütze 

Das operative Geschäft, so Lederer heute, liege in den Händen der Intendanz, die Behörde könne nur „Support“ geben und die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen. „Wir haben die Aussage von Frau Alban-Zapata sehr ernst genommen, und wir haben Kay Wuschek gebeten, sich darum zu kümmern. Was dieser auch tat. Es war in unseren Augen erst einmal kein Vorkommnis, das dem Intendanten anzukreiden ist.“ Die Vertragsverlängerung wurde unterschrieben.

Alban-Zapata hätte sich vielleicht damit abgefunden. Aber dann, ein Jahr nach der Kündigung, geht sie doch zur Presse. Auch aus Wut über eine von Volker Metzler über die sozialen Medien verbreitete Kurznachricht, in der er sich darüber lustig macht, dass es verletzend sein könnte, wenn Kinder als „Indianer“ zum Fasching gehen: „Sorry Leute, ich kann diesen ganzen, in Wahrheit unglaublich verlogenen Diskurs über ,das könnte jemanden verletzen’-Mist nicht mehr hören.“ Er, Metzler, sei als Kind als Koch gegangen, mit weißer Mütze, und entschuldige sich bei Tim Mälzer für das Stereotyp. Ein Scherz? Jedenfalls einer, der zeigt, dass er offenbar nichts verstanden hat.

Klima der Angst

Lange hatte Alban-Zapata überlegt, ob sie sich mit ihrer Geschichte der breiteren Öffentlichkeit aussetzen will. Ausschlaggebend für die Entscheidung dafür sei dann ein unterstützender, anonymer offener Brief von Juni 2019 aus der Parkaue-Belegschaft  an Lederer gewesen, in dem der Intendant Wuschek explizit in die Verantwortung für diesen Fall genommen und das Thema zum Führungsproblem erklärt wurde. Es war darin von einem „Klima der Angst“ im Theater an der Parkaue die Rede. Die Beispiele zeichneten ein verheerendes Bild und deckten sich mit den Erinnerungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit denen die Berliner Zeitung sprach und die auch anonym bleiben wollen. Er sei führungsmüde, Konflikten zunehmend ausgewichen, habe Kollegen gegeneinander ausgespielt, vor versammelter Mannschaft angeschrien und verantwortlich gemacht, wenn Dinge nicht funktionieren.

Pure Existenzangst habe sie gehabt, nachdem sie mit der Zeitung gesprochen hatte, erzählt Alban-Zapata am Telefon. Es gebe Kollegen, die sie nun nicht mehr grüßten.  Aber sie erfahre auch viel Unterstützung und habe jede Menge neuer Projekte zu laufen. Ihr Gang an die Öffentlichkeit wirkte. Der Vertrag mit Metzler wurde im Juni 2019 „in beiderseitigem Einverständnis“ aufgelöst, die Inszenierung „In 80 Tagen um die Welt“ abgesetzt. Und das Haus bekannte sich öffentlich zu Alban-Zapata: „Wir sind, über ein Jahr nachdem die rassistische Diskriminierung von Maya Alban-Zapata stattgefunden hat, immer noch tief betroffen darüber, dass so etwas an unserem Haus möglich war.“ So hieß es in einer Stellungnahme im Juli. Der Intendant war zu dem Zeitpunkt nicht im Hause, aber der Inhalt sei mit ihm abgestimmt worden, so der Pressechef Julius Dürrwald.

Ein gutes Team 

Der öffentlich gewordene Vorfall löste zusammen mit dem offenen Brief und internen Beschwerden eine Lawine aus, die nun auf den Intendanten zurollte. Der 1963 in Aschersleben, Sachsen-Anhalt geborene Kay Wuschek war lange Dramaturg und Regisseur bei den Freien Kammerspielen Magdeburg, arbeitete bei Peter Steins Jahrtausendwende-„Faust“ mit und einige Spielzeiten in Aachen. 2005 trat er mit vollem Elan den Gang in die Hauptstadt an, um das Theater an der Parkaue, dieses defizitäre Juwel des Kinder- und Jugendtheaters, das einzige Staatstheater in dieser Sparte, wieder in Gang zu bringen. Er übernahm das Haus zusammen mit der Chefdramaturgin Karola Marsch und dem Oberspielleiter Sascha Bunge.

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Der Ex-Intendant Kay Wuschek

Foto:

Sabeth Stickforth Berlin

Bunge beschreibt diesen Anfang als eine glückliche Fügung: Das Dreigespann funktionierte als ein Leitungsteam, das sich Verantwortungsbereiche aufteilte. Auf informeller, vertrauensvoller und persönlicher Ebene, die nicht nach Verträgen fragt, funktioniert so eine Machtteilung offenbar. Auf dem Papier aber trägt der Intendant die Verantwortung allein. Natürlich geht so etwas nicht ohne Konflikte, zumal Wuschek und Marsch, als sie ans Haus kamen, ein Paar waren und sich bald trennten. Es sei auch geschrien worden, aber damit könne man leben, wenn man auf Augenhöhe schreie, so Bunge.

Zu viele Baustellen

Als Bunge 2014 das Theater verließ – nicht im Groll, wie er sagt – geriet die informelle Machtkonstellation in Schieflage. Der Vertrag der neuen Oberspielleiterin Katrin Henschel wurde nach nur drei Spielzeiten nicht verlängert. Nach ihr kam Metzler. Es gab eine zunehmende Fluktuation in der Dramaturgie, der Theaterpädagogik und der Presseabteilung – Indizien für Führungskrisen. Man hätte diese Indizien wahrnehmen und ihnen nachgehen können, aber Berlin hatte andere kulturpolitische Baustellen im Blick, unter anderem die Volksbühnenkrise.

Was kann man dem Schlamassel entnehmen? Ja, es richtet Schäden an, wenn man mit Dingen an die Öffentlichkeit geht, die das Theater eigentlich intern klären muss. Und es ist − anders als in unserem speziellen Beispiel − nicht immer auszuschließen, dass jemand aus niederen Beweggründen Schaden anrichten will. Davor kann man sich als Intendant nur schützen, indem man seine Handlungen und seine Kommunikation transparent und nachprüfbar hält. Beides ist derzeit strukturell nicht vorgesehen. Dass innerbetriebliche Vertrauensstellen und Kontrollgremien wie im Fall von Maya Alban-Zapata versagen, liegt in der „Natur“ des Systems, denn Kollegen, Ensemblesprecher, Personalrat − alle sind der Gnade des allmächtigen Intendanten ausgeliefert. Das geht bis hinauf zum Geschäftsführer, der zwar wie der Intendant bei der Behörde unter Vertrag steht und laut diesem dem Intendanten ebenbürtig sein soll, aber seinen Job üblicherweise dem Intendanten zu verdanken hat.

Was tun?

Nach der Metoo-Debatte wurde die unabhängige Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt gegründet. Das ließe sich auf Machtmissbrauch im allgemeineren Sinn ausweiten. Man muss unabhängige Stellen mit Befugnissen schaffen, die helfen, die Macht des Intendanten zu kontrollieren. Wenigstens Ensemblevertreter und Vertrauensleute sollten darüber hinaus mit festeren Verträgen ausgestattet werden, sodass ihnen kein ganz so prompter Rauswurf droht, wenn sie sich für andere einsetzen. Antirassistische und antidiskriminierende Vertragsklauseln, die jetzt die neue Leitung der Parkaue aufnimmt, sind zwar kaum justiziabel, stärken aber das Problembewusstsein und schaffen Mut für die Auseinandersetzung.

Schließlich ist es lohnenswert, sich über ein Mehrdirektorensystem Gedanken zu machen, wie es der eingangs erwähnte Kommunikationstheoretiker Thomas Schmidt schon früher für Kultureinrichtungen vorgeschlagen hat und bei dem die Entscheidungshoheiten in den Bereichen Management, Produktion, Programm, Technik und Ensemble in verschiedenen Händen liegen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass alle diese Maßnahmen und Mühen die künstlerische Freiheit des Alleinintendanten beschneiden. Aber dies zugunsten der Freiheit auch der anderen. 

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