Fleetwood Mac in der Waldbühne: Kinder des Olymp

Die Show von Fleetwood Mac in der Waldbühne wurde mit einem Spezialeffekt eröffnet, auf den man gern verzichtet hätte. „Thunder only happens when it’s raining“ singt Stevie Nicks in „Dreams“. Donnerregen bildete das meteorologische Rahmenprogramm zum Auftritt der – hier passt der Superlativ einmal – legendären Band, die am Donnerstag (!) in Berlin das erste von nur drei Europakonzerten gegeben hat.

Der Regenradar war rundum die meistbesuchte Seite im Netz, geholfen hat das Bangen nichts. Und ziemlich kühl wurde es auch. Freiluftkonzerte bei solchem Wetter sind Mist, um es mit Franz Müntefering zu sagen. Unter der Kapuze klingt die Musik wie durch Zeltwände, also runter damit.

40 Millionen verkaufte Platten

Der Abend beginnt Punkt acht mit den Trommelschlägen von Mick Fleetwood, Gründungsmitglied und seit 1967 dabei. Zu dieser Zeit kam auch der Bassist John McVie hinzu und seit einem halben Jahrhundert bilden die beiden älteren Herren, die heute mit ihren grauen Bärten wie Zwillinge wirken, das musikalische Rückgrat dieser Band, deren Entwicklung vom puren englischen Blues zum flamboyanten Globalpop die wohl spektakulärste Transformationen der Rockgeschichte überhaupt darstellt.

Los geht’s mit „The Chain“, einem Hit vom Überalbum „Rumours“ mit dem 1977 der Wahnsinn begann. Vierzig Millionen verkaufte Platten. Es gibt an diesem Abend praktisch nur Hits, das war ja auch eine Dekade lang der Sinn von Fleetwood Mac, die Produktion von Hits. Bei „Little Lies“ singt Christine McVie die erste Stimme, früher mal mit dem Bassmann verheiratet. Es dauert ein bisschen, ehe der Groove passt. Aber das ist ja tröstlich, wenn bei so einer Band, die Automatismen nicht von Beginn an funktionieren.

Richtig vollzählig waren Fleetwood Mac nie

Mit „Second Hand News“ ist bald ein neuralgischer Punkt erreicht. Den Part des stilprägenden Instrumentalisten und Songschreibers Lindsey Buckingham übernimmt Neil Finn von der neuseeländischen Band Crowded House. Er ist gemeinsam mit Mike Campbell von den Heartbreakers erst vor gut einem Jahr zu Fleetwood Mac gestoßen, als Buckingham gefeuert wurde. Jetzt teilen sie sich dessen Rolle, wobei Campbell als alles könnender Gitarrist besser wegkommt.

Er verleiht dem Sound eine etwas rauere Note und legt einen insgesamt lässigen Auftritt hin. Finn hingegen wirkt die ganze Zeit übermotiviert und kann die hohe Stimmlage seines Vorgängers natürlich nicht erreichen. Aber irgendwann gewöhnt man sich dran. Richtig vollzählig sind Fleetwood Mac ja so gut wie nie gewesen. Immer war gerade irgendeiner aus irgendeinem Grund beleidigt.

Der verschwundene Lindsey Buckingham

Oft steckten Affären dahinter. In fünfzig Jahren Fleetwood Mac gab es so viele amouröse Verwicklungen wie in hundert Folgen „Verbotene Liebe“. Der Name des in Ungnade gefallenen Lindsey Buckingham, dem sie immerhin etliche Hits verdanken, wird nicht mal erwähnt. Die Songs des wesentlich von ihm geschrieben Albums „Tusk“ fehlen im Programm. Er wurde aus dem Bild retuschiert wie zu Stalins Zeiten.

Allein seine jüngste Verbannung bietet den Stoff für eine komplette Seifenoper. Als der smarte Amerikaner in den Siebzigerjahren gemeinsam mit seiner ebenso hübschen wie talentierten Freundin Stevie Nicks als musizierendes Duo zu der englischen Bluesband stieß, begann einerseits der Aufstieg von Fleetwood Mac und anderseits das Ende aller Beziehungen.

Operation am gebrochenen Herz

Die Platte „Rumours“ gilt als ein Dokument dieser privaten Verwerfungen, „You can go your own way“, du kannst bleiben, wo du willst. Es ist wie in Marcel Carnés Film „Kinder des Olymp“, wo eine Frau am Pariser Theater vier Männer um den Verstand bringt. Bei Fleetwood Mac besorgte das Stevie Nicks und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur dass die Kinder inzwischen über siebzig sind. Stevie Nicks wollte nicht mehr mit Lindsey Buckingham auf der Bühne stehen, weil dieser angeblich despektierlich gegrinst habe, als sie auf einer Benefizveranstaltung eine Rede gehalten hat.

Buckingham durfte nicht mit auf Tournee, es brach ihm das Herz, wie man sagen kann, da er kurz darauf am offenen Herzen operiert werden musste. Kürzlich war ein Video zu sehen, auf dem er zum ersten Mal seit dem wieder öffentlich Gitarre spielt. Er begleitet seine Tochter, die bei ihrem Abschlussball „Landslide“ singt – ein Lied von Stevie Nicks.

Eine magische schwarze Frau

Beim Berliner Konzert zählt dieser Song zu den Höhepunkten, gerade weil er in seiner Schlichtheit aus dem Rahmen fällt. Und spätestens hier zeigt sich, dass Stevie Nicks nichts von ihrer immer auch etwas kapriziösen Präsenz eingebüßt hat. Für die weiße weibliche Popmusik einer ganzen Generation war sie ein Role Model, eine solide Performerin ist sie geblieben. Das zeigt sie auf besondere Weise auch bei „Black Magic Woman“, einem Stück des Bandgründers Peter Green, der wiederum aus ganz anderen Gründen an Fleetwood Mac irregeworden ist. Er hatte es mit den Drogen übertrieben. Zuletzt war er manchmal noch als Solist bei Bluessessions zu hören.

Bei „Black Magic Woman“ klingen Fleetwood Mac zum ersten Mal an diesem Abend nicht wie eine Hit-Maschine, sondern wie eine Rockband, was wesentlich Mike Campbell und eben Stevie Nicks zu danken ist, die in ihrem schwarzen Kaftan und mit all diesen Tüchern, Schnüren und Kordeln selbst wie eine magische schwarze Frau erscheint.

Wieder mal geht eine Zeit zu Ende 

Im Mittelteil, ausgerechnet, als der Regen stärker wird, droht das Konzert tatsächlich einmal abzusaufen. Ein Schlagzeugsolo von Mick Fleetwood braucht kein Mensch, schon gar nicht, wenn es mit bizarrer Publikumsanimation einhergeht. Und auch Neil Finns persönlicher Hit „Down Dream It’s Over“ wirkt hier etwas deplatziert, obwohl es ein schönes Lied ist.

Sehr viel stimmiger ist da zur Zugabe mit „Free Fallin’“ die Erinnerung an den verstorbenen Tom Petty, zu dem Stevie Nicks seit ihren jungen Jahren eine innige künstlerische Beziehung gehabt hat. Als zum Schluss für ein paar Sekunden die Bühne dunkel wird und ein sehr schönes Porträt von Tom Petty auf der Videowand erscheint, ist das wohl der bewegendste Moment des Abends. Auch mit dem Konzert von Fleetwood Mac in der Waldbühne ging mal wieder eine Zeit zu Ende, die schon lange vorbei ist.