Filmförderung als Mittel: Es geht nicht um die AfD, sondern um die Rettung der Kunst

Als der Aufsichtsrat der Hessen-Film am Mittwoch unter dem Vorsitz der grünen Kunstministerin Angela Dorn beschloss, sich vom Chef dieser Filmförderanstalt, Hans Joachim Mendig, zu trennen, hatte ein Rechtspopulist bereits seine Ernte eingefahren. Unter dem Titel „Trefft euch nicht privat mit AfDlern“ sah sich Jörg Meuthen auf seiner Facebook-Seite schon am Morgen zu einer Äußerung „gezwungen“.

Der Bundessprecher der Partei hatte am 24. Juli ein Foto auf Instagram gepostet, das ihn mit Mendig und dem mit ihm befreundeten PR-Berater Moritz Hunzinger zeigte. Nun beklagte er das „Kesseltreiben“ der „linksgrünen Kulturszene gegen einen völlig unbescholtenen Menschen“, das seinen „bürgerlichen Tod vorangetrieben“ habe – und das alles wegen eines „rein privaten“ Mittagessens in einem Frankfurter Restaurant.

550 Filmschaffende beschwerten sich über Hans Joachim Mendig

550 Filmschaffende hatten dieses Treffen in einer Erklärung verurteilt. Mendig, so die Unterzeichner, habe „mit seinem Verhalten den Ruf der Hessen Film, der durch seine autoritäre Amtsführung bereits vorher belastet war, weiter schwer beschädigt“. Man kann darüber streiten, ob das Treffen mit Meuthen allein schon Grund genug gewesen wäre, Mendigs Rücktritt zu fordern. Der eigentliche Skandal lag in dessen aktiver Propagandahilfe, die er mit seinem Lächeln auf Meuthens Social- Media-Account aktiv geleistet hatte.

Meuthen bestätigte in seinem Post fast beiläufig, dass er bei Mendig vorab das Einverständnis zu dieser Veröffentlichung eingeholt habe. Damit darf man Mendig nun als aktiven AfD-Unterstützer bezeichnen. Wobei dieser bei vielen Mitarbeitern der hessischen Filmförderung schon vorher so unbeliebt war, dass von einem zerrütteten Verhältnis die Rede war.

Von Anfang an passte der ehemalige HR-Redakteur für „Drei Damen vom Grill“ nicht auf seinen Posten als Leiter einer Institution der Kunstförderung. Aber genau das war auch die Idee gewesen, als der damalige hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein ihn 2016 zum Geschäftsführer der neuen Hessen-Film und Medien GmbH machte: Der konservative CDU-Politiker wollte der bis dahin kulturell ausgerichteten Filmförderung einen neoliberalen Deckel aufsetzen.

„Zur Vereinfachung des Fördersystems“ wurde der 1985 zur Förderung des „kulturellen, kritischen und kontroversen Films“ gegründete Verein mit der auf dem kommerziellen Film ausgerichteten HessenInvestFilm fusioniert. Vom Wert des „Kritischen und Kontroversen“ war danach nicht mehr die Rede, dafür von der „wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit hessischer Filmschaffender“.

Pseudo-wirtschaftliche Kulturpolitik, die reaktionären Interessen zuarbeitet

Einfacher ist die Förderung seither nicht geworden, jedenfalls nicht für Künstler. Der Niedergang der kulturellen Filmförderung in Hessen ist ein Musterbeispiel für pseudo-wirtschaftliche ausgerichtete Kulturpolitik, die weniger Künstler als Produzenten im Blick hat. Auf der Webseite rühmt sich die Hessen-Film mit der Förderung der Matthias-Schweighöfer-Filme „What a Man“ und „Schlussmacher“. Dabei ist es ein Trugschluss, dass öffentliches Geld in Publikumsfilmen besser angelegt sei.

Gewinne macht in Deutschland ohnehin kaum ein Film, die Branche verdient an den Budgets, kaum später an der Kinokasse. Für die sogenannte wirtschaftliche Filmförderung ist Qualität letztlich unerheblich, künstlerische Belange spielen bei dieser Förderpraxis keine Rolle, und Publikumserfolge sind zwar willkommen, aber ebenfalls völlig unerheblich.

Künstlerische Filme haben meist kleinere Budgets, das macht sie für eine Wirtschaftsförderung weniger interessant. Und wer sich als Künstler nicht mit einer kommerziell operierenden Produktionsfirma zusammentut, scheitert oft schon an der Bürokratie oder in der Kommunikation mit den Wirtschaftsprüfern bei der Abrechnung. Doch die neoliberale Idee von Kunst als „Kulturwirtschaft“, der es nicht um Inhalte, sondern um pseudo-wirtschaftliche Produktionsprozesse geht, passt natürlich auch zur Ausrichtung der AfD. Es wird oft vergessen, dass mit dem Rechtspopulismus auch ein radikaler Wirtschaftsliberalismus im Parteiprogramm steht. Und da schließt sich der Kreis zwischen Mendig und Meuthen.

Peter Rippl, ein preisgekrönter Frankfurter Dokumentarfilmer, formuliert es so: „Meuthen, bekannt für sein Engagement gegen die grünlinks-versiffte Republik, schmiedet offensichtlich neue Allianzen. Und da die AfD einen erklärten Kulturkampf führt, fühlten sich die Filmschaffenden und Produzenten von Mendig nicht mehr vertreten. Basisdemokratisch haben sich alle deutschen Filmverbände, zum Schluss Mendigs Mitarbeiter selbst, von ihm distanziert. Da braucht man nicht über ,welche Färbung’ zu spekulieren. Zudem hat er nach meiner Meinung seine Kompetenz weit überschritten. So war er selbstverständlich in jeder Preisjury mit von der Partie, um den Kurs der Förderung neu auszurichten.“

Wie populistisch ausgerichtete Filmpolitik aussieht, konnte man im vergangenen Mai in Österreich erleben, als der für die Kultur zuständige damalige Minister Gernot Blümel den Filmbeirat demonstrativ mit kunstfernem Personal besetzte. Nach einer Woche waren 3 000 Protest-Unterschriften aus der Kulturszene eingegangen. Nun wäre es an der Zeit, nicht nur um die Neubesetzung der Leitung der hessischen Filmförderung nachzudenken, sondern um eine komplette Neuausrichtung zurück zur Kunst. Die Kunstministerin fordert: Gerade jetzt, wo Deutschland ein Kinosterben droht, braucht der künstlerische Film mehr Unterstützung als je zuvor in seiner Geschichte.

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