Filmfestspiele: Warum der Berliner Medienausschuss nach Cannes fährt

Europa ist in Berlin ja Kultursache. Klaus Lederer ist Senator für Kultur und Europa, und der Ausschuss des Abgeordnetenhauses für Europa- und Bundesangelegenheiten ist gleichzeitig für Medien zuständig. Dabei gibt es umgekehrt gar keine europäische Kulturpolitik. Aber so etwas wie europäische Identität kann vermutlich wirklich nur durch kulturellen Austausch wachsen: durch Kennenlernen einer Ausdrucksvielfalt, die immer auch gemeinsame Ursprünge und gegenseitige Einflüsse offenbart.

Der kulturelle Bereich, in dem „Europa“ künstlerisch und wirtschaftlich die vielleicht größte Rolle spielt, ist der des Films. Und mit den USA gibt es auch einen gemeinsamen Fresskonkurrenten. „Der europäische Film macht sieben Prozent seines Umsatzes außerhalb seines Marktes, der amerikanische, glaube ich, siebzig“, sagt der Grünenpolitiker Notker Schweikhardt, der im Abgeordnetenhaus Mitglied sowohl des Kulturausschusses als auch des Europa- und Medienausschusses ist und ein Initiativprogramm für eine „Neue Filmförderpolitik“ verfasst hat.

In seinem Containerbüro, das er an der Schöneberger Grunewaldstraße auf einer gemieteten Brache platziert hat, auf der die Anwohner Tomaten ziehen dürfen und es im Sommer selbstgemachtes Freiluftkino gibt, erklärt er die Problemlage.

Immer mehr Filmschaffende in Deutschland leben unter prekären Umständen

Erstens: Der amerikanische Film gewinnt (Netflix!) immer mehr Einfluss auf den europäischen Markt. Zweitens: Der europäische Film schwächt sich durch a) teilweise politische Einflussnahme auf die Produktion in Ländern wie Ungarn und Polen und b) die Förderung des Immergleichen durch Jurys beispielsweise in Deutschland. Drittens: Im Ergebnis leben auch in Deutschland immer mehr Filmschaffende unter prekären Umständen.

Die Antwort auf all das heißt für den 1960 in Frankfurt am Main geborenen Bühnen-, Kostüm- und Szenenbildner: Europa. Alias Vielfalt. Je breiter das Angebot in Europa, desto krisensicherer hier der Markt und desto identitätsstiftender der Film in den Regionen, was wiederum das Ganze zu stabilisieren hilft. Eine Win-Win-Situation, am Ende auch für die Produzenten, aber wie stellt man sie her?

Als Politiker nach außen hin zunächst symbolisch: Der Medienausschuss des Abgeordnetenhauses wird Mitte Mai zu den Filmfestspielen nach Cannes fahren und dort mit vielen anderen Landes- und Ländervertretern ein Europäisches Filmmanifest unterzeichnen, das deutlich machen soll, „dass wir als Politik hinter der von uns völlig unabhängigen nationalen und regionalen Filmförderung stehen“.

Warum nicht einen Teil des Fördergeldes juryunabhängig einfach verlosen?

Und nach innen könnten, so Schweikhardt, veränderte Förderstrukturen die Existenz der Filmschaffenden und damit die Vielfalt des Schaffens sichern helfen. Genossenschaftlich organisierte Verwertungspools etwa. Oder die Förderung von Filmprojekten im Losverfahren. Warum nicht einen bestimmten Prozentsatz des Fördervolumens (beim Medienboard Berlin-Brandenburg 2017 knapp 26 Millionen Euro) nach einer „Plausibilitätsprüfung“ unabhängig von Jurygeschmäckern und entsprechenden kreativen Scheren im Kopf bei den Machern und Macherinnen einsetzen?

Das Grünen-Papier schlägt einen zweijährigen Versuch vor, wogegen eigentlich niemand etwas haben kann, der es mit der Freiheit der Kunst ernst meint. Die Krise der Repräsentation in Europa – in Form dieser kleinen Förderschraubendrehung könnte sie am Ende womöglich europaweit produktiv werden.