Film „Face it“: Wie verändert Gesichtserkennung das Leben?

Wenn Maschinen anfangen, sich menschliche Gesichter zu merken und diese wiederzuerkennen, dann beginnt Technologie sich in ein Feld einzumischen, das bisher die Domäne von Kunst und Kultur war. Das ist die Ausgangslage für den Regisseur Gerd Conradt in seinem Film „Face it! Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus“, der jetzt in die Kinos kommt. Um dieses Phänomen zu untersuchen, spricht der Regisseur mit Künstlern, Wissenschaftlern und Aktivisten. Er will herausfinden: Wem gehört unser Gesicht, wenn die Daten auf dem Server einer Softwarefirma liegen?

Conradt selbst hat sich als Regisseur mit dem Medium Video von dessen Anfängen an beschäftigt. Nachdem er 1969 wegen seiner politischen Aktivität zusammen mit 17 anderen Studenten des ersten Jahrgangs von der Deutschen Film- und FernsehHochschule verwiesen wurde, wand er sich der damals noch ganz neuen Videotechnologie zu.

Sein Film „Über Holger Meins“ (mit Hartmut Jahn) von 1982 gilt als Klassiker der Videobewegung der 80er-Jahre, und auch „Der Videopionier“ (1984) stellte als Nachfolgeprojekt das politisch-aktivistische Potenzial des neuen Mediums in den Mittelpunkt.

Mit „Videobriefen“ zwischen Ost- und West-Deutschland oder Videoinstallationen erkundete er die Möglichkeiten des Mediums weiter. Zuletzt veröffentlichte er unter dem Titel „Grossbreitenbach 100%“ kurze Online-Videos, die er in der thüringischen Kleinstadt, in der er seine Jugend verbracht hatte, drehte und bei YouTube veröffentlichte.

Gesichtserkennung: Dorothee Bär kann bedenken gegen Überwachung nachvollziehen 

In seinem aktuellen Film nähert er sich dem menschlichen Antlitz und seinem Ausdrucksvermögen auf vielen Wegen: Junge Leute grimassieren vor der Kamera, dann sieht man sie in assoziativ montierten Sequenzen, wie ein Blinder eine Kopie der Nofretete-Büste aus dem Berliner Neuen Museum abtastet, um ihr Gesicht zu „betrachten“, und Datenschutz-Aktivisten, die sich asymmetrische Muster aufs Gesicht geschminkt haben, um biometrische Überwachung zu verhindern.

Conradt bemüht sich, in dem Film eine faire Haltung ohne Alarmismus zu dem Phänomen der Gesichtserkennung anzunehmen. So versteht er sich überraschend gut mit Internet-Staatsministerin Dorothee Bär, die zwar Bedenken gegen Überwachung nachvollziehen kann, aber diejenigen, die im Alltag ihre Gesicht nicht zeigen wollen, mit Bankräubern unter der Strumpfmaske vergleicht.

Überhaupt lässt der Filmemacher seine Gesprächspartner sehr ausführlich zu Wort kommen, nachdem er sie mit Videoclips zum Thema auf dem Laptop konfrontiert hat. Nicht bei allen Gesprächen ist der Erkenntniswert gleich hoch. Besonders Holger Kunzmann, ein Fachmann für technische Gesichtserkennung, hat wesentlich mehr „screen time“ als interessante Dinge zu sagen.

Nur kurz kommt dagegen das „Social Credit“-System vor, mit dem China seine Bevölkerung mit biometrischen Methoden bespitzelt; gar nicht erwähnt wird, wie Internet-Unternehmen private Porträtfotos von Facebook oder Flickr nutzen, um ihre Künstliche Intelligenz zu trainieren. Keinesfalls sollte man, wie es im Film der Künstler Julius von Bismarck tut, davon ausgehen, dass uns die biometrische Gesichtsanalyse im öffentlichen Raum zwangsläufig bevorsteht.

Wird biometrische Gesichtserkennung zum Normalzustand? 

Bahn und Polizei versuchten zwar, ihr Experiment am Bahnhof Südkreuz von 2017 als Erfolg darzustellen: In einer Pressemitteilung betonte das Innenministerium die Trefferrate von mehr als 80 Prozent, die als gut gewertet wurde.

Gesichtserkennung. Was sind markante Punkte im Gesicht? Auch bei Nofretete lässt sich das feststellen.

Gesichtserkennung. Was sind markante Punkte im Gesicht? Auch bei Nofretete lässt sich das feststellen.

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Pr, privat

Aber wie der Chaos Computer Club herausfand, basierten die Zahlen auf dem kombinierten Einsatz von drei verschiedenen Systemen. Für einen regelmäßigen Einsatz eines solchen Systems gäbe es in Deutschland auch keine rechtliche Grundlage, wie der Deutsche Anwaltsverein damals feststellte.

Eine permanente biometrische Identifikation durch Software im öffentlichen Raum sei eine bisher ungekannte Einschränkung der Freiheit, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei.

Wegen derartiger Bedenken hat San Francisco im Juni nicht nur den Einsatz von Gesichtserkennungsverfahren im öffentlichen Raum verboten, sondern auch die Anschaffung von anderen Überwachungstechnologien stark reglementiert. Dass die biometrische Gesichtserkennung jenseits von Diktaturen wie China zum Normalzustand wird, ist also noch keineswegs ausgemachte Sache.

Rechtzeitig zum Start des Films beginnen Bahn und Polizei übrigens mit einer neuen Versuchsreihe am Berliner Südkreuz. Nun soll dort bis Ende 2019 untersucht werden, wie Überwachungskameras problematische Szenarien automatisch erfassen können, um schneller reagieren zu können. Dazu gehören abgestellte Gegenstände.