Felix Kummer im Interview: „Nazis sind so wahnsinnig unsexy“

Fast hätte Felix Kummer tun müssen, was eigentlich undenkbar schien: Falls die AfD in Sachsen zur stärksten Partei aufsteigen würde, so hatte der Musiker angekündigt, wolle er seine Heimatstadt Chemnitz verlassen und mit seinem eisernen, schon im ersten Hit seiner Band Kraftklub formulierten Grundsatz brechen, der da lautete: „Ich will nicht nach Berlin.“

Zwar seien 27 Prozent für die Rechten noch immer schwer zu ertragen. Aber natürlich bleibt er. Nicht zuletzt aus Solidarität mit allen anderen, den „vielen tollen Menschen“, insbesondere natürlich in Chemnitz. Dort und nur dort wird am 11. Oktober auch sein erstes Soloalbum „Kiox“ erscheinen – und man wird es ausschließlich am kommenden Wochenende in einem eigens dafür eingerichteten Plattenladen kaufen können.

Herr Kummer, brauchen Sie mal Urlaub vom Kraftklub?

Nein, aber es hatten sich einfach paar Texte angesammelt, die mir ein Stück zu persönlich waren. Und die Band besteht ja aus fünf Leuten, es wäre mir komisch vorgekommen zu sagen: „Leute, lasst uns mal zehn Songs machen, die alle von meinem Seelenleben handeln.“

Wie haben Ihre Bandkollegen reagiert, als Sie ihnen von den Plänen dazu erzählt haben?

Ich habe angefangen mit: „Hey, wir müssen mal reden.“ Da dachten alle, dass ich Vater werde und eine Babypause machen will. „Fast“, hab ich gesagt. Aber die haben sich trotzdem für mich gefreut. Ist ja quasi wie ein Baby, so eine Platte.

Es wird sie allerdings nicht regulär im Handel geben. Warum das?

Mir kam es einfach unzeitgemäß vor, im Jahr 2019 noch Plastikschrott zu produzieren und in den Elektronikfachmarkt zu stellen. In der Hoffnung, dass jemand beim Kauf einer Waschmaschine auf dem Weg nach draußen meine CD mitnimmt.

Aber Ihr Album ist doch auf CD und auf Vinyl erhältlich.

Ja, aber es ist nur auf zwei Wegen zu bekommen: Man kann beides bestellen oder im Zeitraum zwischen dem 11. und 13. Oktober in einem extra dafür eingerichteten Laden in Chemnitz erwerben. Der Laden ist dem ehemaligen Plattengeschäft meines Vaters nachempfunden. Der hieß auch Kiox. Das war der Ort, an dem ich zum ersten Mal mit Musik in Berührung kam. Meine Sozialisierung mit Musik war stets haptisch. Ich will Musik anfassen können. Daher gibt es meine Platte auch auf CD und blauem Vinyl. Ein Album ausschließlich zum Streamen hätte ich blöd gefunden.

Wann hat Ihr Vater Kiox eröffnet?

In den Wirren der Nachwendezeit, als er nicht so recht wusste, was er machen sollte. Er hatte den Laden zusammen mit einem Kumpel, der Secondhand-Kleidung verkauft hat. Kiox war so eine Art Independent-Kaufhaus.

Das Independent-Kaufhaus des Ostens sozusagen.

Genau! Das war in einer alten Fabrik. Im Erdgeschoss gab es neue Jeans und HipHop-Klamotten, in der ersten Etage Secondhand und oben das CD- und Vinyl-Segment meines Vaters. Da bin ich aufgewachsen. Mein kleiner Bruder und ich sind da die ganze Zeit rumgeflitzt. Heute sind da Loftwohnungen drin. Die Gentrifizierung macht halt auch vor Chemnitz nicht halt.

Wie alt waren Sie damals?

Den Laden gab es, bis ich sieben, acht Jahre alt war. Die Mitarbeiter haben immer auf uns aufgepasst. Einer davon war übrigens der Rapper Trettmann, der später auch unser Babysitter war. Der kennt uns schon als kleine Rotzlöffel, die nur Stress gemacht haben.

Erzählen Sie weiter von dem Laden.

Die Kasse war kaputt. Daher lag immer ein Schraubenschlüssel daneben, mit der man die aufhebeln musste, wenn jemand bezahlt hat. Und ich erinnere mich an den Geruch. Damals war es ja noch selbstverständlich, dass in solchen Läden geraucht wurde. Es roch immer nach Zigaretten und Kaffee, und zwar in so einer ganz besonderen Mischung. Viele Leute, die in Chemnitz groß geworden sind, fühlen sich sofort an Kiox und die eigene Kindheit erinnert, wenn sie das heute irgendwo riechen.

Warum gibt es den Laden denn nicht mehr?

Man stellt sich das immer so romantisch vor, so wie bei Nick Hornby, aber Einzelhandel ist der totale Horror. Furchtbar stressig. Mein Vater wollte irgendwann mehr Zeit für uns Kinder haben und hat den Absprung gerade noch rechtzeitig geschafft, bevor der CD- und Vinylmarkt eingebrochen ist.

Was macht Ihr Vater jetzt?

Er ist bildender Künstler.

Gibt es Musik, die Sie in seinem Plattenladen entdeckt haben?

Ich habe eigentlich mehr Verbindung zu der Musik, die meine Mutter gehört hat: die Cardigans und das „Dummy“-Album von Portishead zum Beispiel. Das sind so die Sachen, die mich für die Popmusik gewonnen haben.

Wie war es sonst so, in Chemnitz groß zu werden?

Schön – zumindest mit der Vergangenheitsbrille betrachtet. Ich hatte eine glückliche Kindheit, tolle Freunde, ein gutes Umfeld. Außenstehende können das nie nachvollziehen und fragen sich immer: Wie muss es wohl sein, in der Nachwendezeit in einer solchen Oststadt aufzuwachsen mit krasser Arbeitslosigkeit und Neonazis. Aber als Kind bekommst du davon ja nichts mit.

Mathias Hielscher, der den Interview-Podcast „Hotel Matze“ betreibt und früher bei der Band Virginia Jetzt! spielte, erzählte einmal über seine Band: „In der Schule in Elsterwerda waren wir die einzigen fünf Jungs ohne Glatzen und Springerstiefel. So haben wir uns gefunden.“ Beim Kraftklub war das nicht so?

Matze ist etwas älter und Elsterwerda wohl noch krasser als Chemnitz. Chemnitz fühlt sich zwar immer an wie Provinz, ist aber eine Stadt mit 250.000 Einwohnern. Zu klein, als dass es da nur eine Szene gibt, in der man abhängen kann, aber doch groß genug für ein paar Alternativen. Man musste zwangsläufig miteinander klarkommen.

Und die Glatzen …

… haben großzügig jedem aufs Maul gehauen, der kein Nazi war. Alles, was nach alternativer Jugendkultur roch, war im Zweifelsfall Antifa. Es gab also eine sehr vielfältige Subkulturwelt, in der wir uns wohlgefühlt haben, und alle in dieser Welt haben als Angriffsziel für Glatzen fungiert.

Wann sind Sie das erste Mal mit Rassismus und Rechtsextremismus konfrontiert worden?

Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen, als das richtig schlimm war. Aber ich war da noch zu klein. Das waren abstrakte Gruselgeschichten. Das hat sich aber von einem Tag auf den anderen verändert, als wir angefangen haben auszugehen.

Inwiefern?

Chemnitz hatte immer eine stabile Clubszene. Die zu entdecken, war superaufregend: tanzen, laute Musik, knutschen! Aber die Gefahr, irgendwann aufs Maul zu bekommen, schwang immer mit. Es kam vor, dass plötzlich drei Golfs mit abgeklebten Nummernschildern vorm Alternativen Jugendzentrum hielten, deren Insassen rausstürmten alles zusammengeklatscht haben und dann schnell wieder weg sind, weil ja alle auf Bewährung draußen waren. Aber wir haben das damals gar nicht als sonderlich krass empfunden. Das war unsere Normalität: einerseits die glitzernde neue Welt aus Musik, Weggehen und Knutschen, auf der anderen Seite die Gefahr durch die Glatzen. Das gehörte für uns zusammen. Wir wussten gar nicht, dass es auch Leute gibt, die unbeschwert ausgehen können.

Wie häufig kamen Übergriffe vor?

Regelmäßig. Aber wirklich kassiert haben wir selten, weil wir meistens weglaufen konnten. Wie ich auf der Platte sage: „Es war nie ein Kampf. Wir sind immer nur gerannt.“

Wie haben Sie es geschafft, dem ideologischen Einfluss von rechts zu entgehen?

Das war nicht so schwer. Besonders anziehend wirkte die Naziszene nicht. Das ist einfach so wahnsinnig unsexy: eine unangenehme Männerwelt, so streng und spaßbefreit. Und dann ist Rechtsrock auch noch so eine Kackmusik! Unser Bassist Steffen, der Skater war, erzählt gerne die Geschichte, dass der beste Ort zum Skaten auf dem Weg zum Fußballstadion lag – bei Schlusspfiff musste man aber schauen, dass man weg war, denn dann kamen die Hools, um die Boards kaputtzukloppen. Das beschreibt ganz gut, warum mich diese Faschos bis heute so abturnen: Alles, was schön ist und Spaß macht, wollen die kaputtmachen.

Was haben Sie stattdessen für sich entdeckt?

HipHop, Britpop und dann die Indiewelle: The Strokes, The Hives, Arctic Monkeys – das war eine Offenbarung. Und sah so viel cooler aus als der Fascho-Lifestyle.

Warum leben Sie trotzdem immer noch in Chemnitz?

Viele Leute sind weggezogen, und ich kann wirklich jeden einzelnen davon verstehen. Aber für uns überwogen immer die Vorteile: Man kann hier billig wohnen und sich einen Proberaum leisten. Versuchen Sie mal, einen Proberaum in Berlin zu bekommen.

Also hatten Sie nie den Gedanken wegzuziehen?

Doch, der kommt mir alle zwei Wochen seit ich 19 bin. Das geht in Chemnitz jedem so. Die Leute beäugen sich gegenseitig und fragen: „Was stimmt nicht mit dir, dass du in Chemnitz wohnst und hierbleibst?“ Ich komm mir manchmal selber doof vor, immer von den negativen Seiten der Stadt zu erzählen. Aber wenn ich mich hier nicht wohlfühlen würde, dann würde ich hier nicht wohnen.

Sehen Sie sich selbst als Repräsentanten der Stadt?

Sagen wir so: Chemnitzer tragen immer einen Minderwertigkeitskomplex mit sich herum, gemischt mit einem trotzigen Lokalpatriotismus. Keiner hier würde je ernsthaft und unironisch sagen: „Es ist geil, aus Chemnitz zu sein!“ Das mag ich. Gleichzeitig will ich aber nicht als Winke-Otto meiner Stadt fungieren, auch wenn ich mich als Chemnitzer teilweise seltsam dargestellt fühle.

Inwiefern?

Wenn Menschen in Talkshows über Chemnitz reden, wird die Stadt teilweise so dargestellt, als ob da nur Orks wohnen – und das stimmt einfach nicht. Andererseits ist es mir wichtig zu sagen, dass die rechtsradikalen Ausschreitungen auf dem Stadtfest letztes Jahr nicht aus dem Nichts kamen. Chemnitz hat ein krasses Problem mit Rechtsradikalen. Ich habe keine Ahnung, wie man das löst, aber ich weiß, wie man es nicht löst – nämlich indem man sagt, dass es das nicht gibt. Das hat man dreißig Jahre lang gemacht.

Als Antwort auf die Ausschreitungen haben Sie damals unter dem Motto #Wirsindmehr ein kostenloses Konzert organisiert, zu dem dann 65.000 Menschen kamen. Wie kam es dazu?

Wir waren mittendrin in der ganzen Scheiße. Wie spielten an dem Abend, als es diesen Zwischenfall gab mit dem Toten. Wir erfuhren das am nächsten Tag aus den Nachrichten, aber da war der Mob schon voll zugange.

Das war ein Schock. Und plötzlich schaute die ganze Welt nach Chemnitz. Das war total surreal. Die Stadt war im Ausnahmezustand. Und weil wir Musiker sind, ist das Erste, was uns einfiel, ein Konzert zu organisieren. Ich habe einfach die berühmtesten Leute in meinem Telefonbuch angerufen und gefragt, ob sie nicht spielen wollen.

Felix Kummer mit Kraftklub bei Lollapalooza in Berlin.

Felix Kummer mit Kraftklub bei Lollapalooza in Berlin. 

Foto:

Votos – Roland Owsnitzki

Die Toten Hosen, Casper, Marteria, K.I.Z …

Ja klar, wir haben das auch deshalb gemacht, weil wir selbst uns ein bisschen alleine gefühlt haben. Wissen Sie, das ist ja das Gefühl, das einen dann doch immer wieder umschleicht in Chemnitz, und in so einer Situation umso mehr: dass man alleine ist, dass die anderen mehr sind. Aber das sind sie nicht. So eine Aktion, so ein Signal hätte ich mir als Jugendlicher ganz oft gewünscht.

Wie haben Sie das Feedback darauf wahrgenommen?

Es gab natürlich Leute, die gefragt haben: „Glaubt ihr wirklich, dass ihr durch das Konzert nur einen einzigen Menschen zum Umdenken bewegen konntet?“ Nein, natürlich nicht. Das war auch nie der Gedanke. Wir wollten nie das große Diskursfestival auf die Beine stellen und alle am runden Tisch zusammenbringen. Wir wollten zeigen: Ihr seid nicht allein.

Haben Sie die rechtsradikalen Ausschreitungen überrascht?

Klar, das hat uns alle fertiggemacht. Aber dass so etwas früher oder später passieren wird, war mir eigentlich klar. Es wird immer so viel über die AfD in Sachsen geredet, dabei wird häufig vergessen: Das Land wurde dreißig Jahre lang von der CDU regiert, die stets betont hat, dass die große Gefahr von Links ausgeht. Das war aber vor dreißig Jahren schon genauso falsch wie heute.

Also trägt die CDU eine Mitschuld?

Definitiv. Der Feind wurde immer links gesehen und entsprechende Furcht geschürt, gleichzeitig wurden die Rechten verharmlost und lediglich als Imageproblem gesehen. Und „gelöst“ wurde das, indem man gesagt hat: „Nazis bei uns? Gibt es nicht.“

Deswegen finde ich es frech, wenn sich der Ministerpräsident plötzlich hinstellt und die Mitte der Gesellschaft in die Verantwortung nimmt, sich doch mal zu positionieren – während man sich dreißig Jahre lang darum bemüht hat, dass die Gesellschaft nach rechts rückt. Da fühle ich mich verarscht.

Das interessiert die CDU vermutlich auch erst, seitdem deren frühere Wähler ihr Kreuz bei der AfD machen.

Es wird immer behauptet, die Leute würden die AfD nur wählen, weil sie Wendeverlierer sind, sich missverstanden und von den etablierten Parteien verraten fühlen. Aber niemand kommt auf die eigentlich doch recht naheliegende Idee: dass Leute die AfD wählen, weil die sagen: „Ausländer raus!“

Sie halten AfD-Wähler für Nazis?

Mir ist klar, dass nicht jeder, der die AfD wählt, ein Nazi ist. Und ich finde es grundsätzlich auch falsch, wenn Wähler per se mit der Partei verwechselt werden. Aber mir kann keiner erzählen, dass er nicht weiß, dass diese Partei ganz massiv durchsetzt ist von Neonazis. Das kaufe ich niemandem mehr ab.

Bei Ihrem Lollapalooza-Auftritt haben Sie Ihrem jugendlichen Publikum den denkwürdigen Satz mit auf den Weg gegeben: „Nur weil eine Partei demokratisch gewählt wird, heißt das noch lange nicht, dass das Demokraten sind.“

Es wird ja immer gesagt: Eine Demokratie muss das aushalten können. 27 Prozent der Sachsen haben lediglich ihre demokratischen Rechte wahrgenommen und ihre Stimme eben der AfD gegeben. Dazu kann ich nur sagen: Die NSDAP wurde auch demokratisch gewählt.

Sie sind eine berühmte Chemnitzer Persönlichkeit. Macht Sie das weniger oder mehr zur Zielscheibe von Rechten?

Ich kriege auf jeden Fall weniger aufs Maul als früher. Liegt aber womöglich am Alter. Über die sozialen Medien bekomme ich viele Nachrichten, auch Hassnachrichten. Facebook-Kommentare lese ich aber schon gar nicht mehr.

Worum geht es Ihnen vorrangig, wenn Sie sich öffentlich gegen Rechts positionieren?

Mir ist klar, dass ich niemanden aus der AfD zum Umdenken bewegen werde. Keiner von denen wird dieses Interview lesen und denken: „Stimmt eigentlich.“ Aber wenn die durch die Straßen von Chemnitz ziehen und „Wir sind das Volk!“ schreien, dann sollen die begreifen, dass das Volk auch ich und meine Freunde sind. Damit müssen die sich arrangieren. Und: Wir sind nicht allein.

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