Erik Schmitts Debütfilm: „Cleo“ taucht in die Vergangenheit Berlins ein

Was gibt es eigentlich zu sehen in Berlin? Nun gut, den Fernsehturm kennt jeder, das Brandenburger Tor ist auch nicht schlecht, allerdings – pardon – auch kein Arc de Triomphe. Wann immer Touristen nach gewissen Orten fragen, gibt es die nicht mehr, und meist ist das auch gut so. Man spricht dann von der Geschichte, die sich hier eben anders zeige, und bei romantischer Stimmung vielleicht von der Seele, die sich freilich nur Einheimischen erschließt, jedenfalls nicht in ein paar Tagen. „Cleo“ handelt ganz entschieden von dieser Seele, sie ist sogar die Hauptfigur des Films.

Erik Schmitt nimmt Berlin auseinander

Die Berliner Seele ist eine rothaarige, sehr traurige junge Frau mit einem Hang zur Nostalgie. Als Reiseleiterin allerdings, das ist ihr Beruf, ist Cleo eine glatte Niete, gilt ihre einzige Sehnsucht doch eben jenen in der Geschichte versunkenen Orten, die sie eigentlich nur für sich haben will.

Wie bekommt man hier die Biege zu einem lebensbejahenden, fröhlichem und manchmal fast niedlichem Film? Es fängt ja alles schon schrecklich an: Ausgerechnet während des Mauerfalls, ein freudiges Ereignis für viele, stirbt ihre Mutter – bei Cleos Geburt. Seitdem ist ihr Herz eingemauert, kein Wunder.

Wenn Erik Schmitt nicht mehr weiterweiß, knüllt er seinen Film einfach zusammen und fängt neu an. Er nimmt die Stadt auseinander, schnipselt sie für seine Zwecke zurecht und legt sie seiner Heldin zu Füßen. Plötzlich sind da überall Pfeile. Die führen Cleo zu einer Schatzkarte und damit auf eine Schnitzeljagd, an deren Ende eine Uhr liegen soll, die Uhr der Brüder Sass, mit der sich die Zeit zurückdrehen lässt. Davon hat sie schon als Kind gehört, von ihren unsichtbaren Freunden Albert Einstein und Heinrich Schliemann. Die sind genauso animiert wie vieles andere, als putzige Geistergestalten, die ihr auch weiterhin den Weg weisen. Wobei es gar nicht so sehr um die Zeitreise an sich geht, sondern darum, ihre Verlorenheit zu überwinden, vielleicht sogar die Liebe zu finden, das bange Herz wieder auszumauern.

Fantastische Reise in den Bauch Berlins

Und so beginnt eine fantastische Reise in den Bauch der Stadt. In einer unterirdischen Schatzsucherkneipe trifft Cleo auf Kampfgefährten, bestaunt die lasziven Tänze der Anita Berber, und gräbt sich von da aus immer tiefer in die Vergangenheit. Unterwegs bekommt die Schatzkarte ein Echtheitszertifikat, das ist ungeheuer wichtig. Am Ende irgendeines anderen Tunnels findet sie tatsächlich die Brüder Fritz und Erich Sass, die berühmten Panzerknacker der Zwanzigerjahre, die hier noch immer graben und darum flehen, dass man ihre Geschichte erzählt. Glaubt man dem Film, findet sich ihr bis heute nicht gehobener Schatz auf dem Gelände einer Wehrtechnischen Universität aus der NS-Zeit, auf deren Trümmern später der Teufelsberg errichtet wurde. Eine Ruine unter einer anderen – das ist wirklich sehr Berlin, ob das nun alles stimmt oder nicht.

Schmitts Suche nach dem Genius Loci begann mit drei mehrfach preisgekrönten Kurzfilmen, die alle wesentlichen Elemente von „Cleo“ bereits enthalten. Liebevoll animierte Sequenzen aus Stop-motion- und Legetrick sind seine Methode, einen Ort und seine Menschen zu begreifen, ihre Seele zu erfassen. Da fährt die Hauptdarstellerin Marleen Lohse mitsamt Schlafzimmer durch die Stadt wie in einer U-Bahn und bringt die Häuser mit dem Finger zum Rotieren, wie es ihr passt. Natürlich erinnert vieles in diesem Film, der auf der Berlinale in der Kindersektion Generation Kplus gezeigt wurde, an die Bastelwelten eines Michel Gondry („Science of Sleep“) und die Pariser Melancholikerin aus Jean-Pierre Jeunets „Die fabelhafte Welt der Amélie“ bekommt hier so etwas wie eine Cousine. Aber haben die etwa ein Echtheitszertifikat?

Nein, es sollte sogar noch viel mehr solcher Filme geben, die die großartigen Möglichkeiten des Mediums nutzen und je mehr das von Hand geschieht wie hier, umso besser. Den provisorischen Charakter der Stadt und ihr behändes Schwanken zwischen Tradition und Moderne hat Schmitt, gebürtiger Münsteraner, jedenfalls gut getroffen. Es gibt viel zu sehen in diesem originellen Berlin-Märchen, fast so viel wie in der Wirklichkeit.

Cleo Deutschland 2019. Regie: Erik Schmitt, Drehbuch: Stefanie Ren, Erik Schmitt, Darsteller: Marleen Lohse, Jeremy Mockridge, Fabian Busch, Jean Pütz u.a.; 99 Min., Farbe. FSK ab 6 Jahre.

Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

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