Eric Burdon im Tempodrom: Des schweren Vogels Last

Mit dem nahen Karriereende war der inzwischen 78-jährige Eric Burdon in seiner Karriere als Bluessänger schon oft konfrontiert. 1971, als er nach den Jahren in der ersten Rockliga mit den Animals nach ganz neuen musikalischen Wegen suchte und diese mit einer Funkband namens War auch gefunden hatte, erlitt Burdon während einer Tournee einen Asthma-Anfall und musste aussteigen. Natürlich kam er bald wieder, aber als er in den späten 70er-Jahren sogar mit Udo Lindenberg tourte, war das für echte Fans des Burdon-Blues nur ein weiterer Rückschlag. Wenn man sich heute anhört, wie Burdon und Lindenberg „Verdammt, wir müssen raus aus dem Dreck“ intonieren, dann wird auf berührende Weise deutlich, was es heißt, nichts als die eigene Stimme zum Medium seines Ausdrucksvermögens gemacht zu haben. Während Lindenberg hilflos quäkt, macht Eric Burdon mit jedem Ton klar, dass es darum geht, um sein Leben zu singen.

Gravitätische Werkschau

Diesmal steht ganz ausdrücklich „Abschiedstour“ auf dem Ticket, und kurz nach 20 Uhr betritt Eric Burdon mit jungen Musikern, die sich der historischen Einfachheit halber Animals nennen, die Bühne des gut gefüllten Tempodroms. Eine Referenz an Burdons ruhmreiche Formation aus den frühen 60er-Jahren, die später noch einmal als New Animals reüssierten. Eric Burdon kommt als letzter, mit Sonnenbrille, weißem Knitterjackett und bedächtigem Schritt. Als die sechsköpfige, mit zwei Bläsern verstärkte Band loslegt, tänzelt er ein wenig, aber die Jugendlichkeit, die er sich optisch bewahrt hat, passt nicht zum Gleichgewichtsbedürfnis des schweren Körpers.

Aber Eric Burdon ist ja auch zum Singen gekommen, und Gravität ist letztlich auch das Thema dieser Werkschau. Das zweite Stück des Abends hört auf den Namen „Mama Told Me Not To Come“, ein Stück das Randy Newman für Burdons erstes Soloalbum im Jahre 1966 geschrieben hat und das später noch oft gecovert wurde, etwa von Three Dog Night und Tom Jones. Aber wenn man so anfängt, dann ist man gleich mitten drin in einer schlimm-unendlichen Erzählung von Verweisen und Querbezügen. „Don’t Let Me Be Misunderstood“, das zu den unvermeidlichen Klassikern der kaum inszenierten Show gehört, gibt es eben nicht nur von Burdon, sondern auch in einer sehr gut tanzbaren Disco-Version mit Flamenco-Anteilen einer Band namens Santa Esmeralda. Those where the days.

Und natürlich weht der schwere Wind der Rockgeschichte heran, wenn Burdon hierbei zu einer Altersversion ansetzt, die die treibende Dringlichkeit früherer Tage nicht erreicht. Seine Stimme kommt nicht mehr dahin, wo sie einmal war, aber sie entführt in eine Vergangenheit, in der der raue Sound ganz auf Verausgabung angelegt war. Eric Burdon sah schon als junger Mann nach zu vielen schlaflosen Nächten aus, etwas aufgedunsen und doch in der Lage, jeden Raum mit seiner Zelebration des weißen Blues auszufüllen.

Schuld sind die Frauen

Nach gut 50 Jahren ehrfürchtiger Anteilnahme an einem Song wie „House of The Risin’ Sun“, das natürlich nicht ausgelassen wurde, ist es aber an der Zeit, einmal sagen, dass es ein etwas wehleidiges Männerlied ist, das alle Welt, insbesondere die eigene Familie, dafür verantwortlich macht, dass eine verlorene Seele in den Alkohol und in die Spielsucht abgeglitten ist.

Im Blues sind oft die Frauen Schuld, zum Beispiel in Leadbellys „In The Pines“, das wir heute am besten aus der Unplugged-Version von Nirvana kurz vor dem Tod von Kurt Cobain kennen. Es war in dem knappen Set von Eric Burdon und seiner Band das stärkste Stück des Abends, obwohl Burdon-Hits wie „Spill The Wine“ und „When I Was Young“ die gediegene Rock-Klassizität unter Beweis stellten.

Nach gut einer Stunde war Schluss, das heißt: Burdon und seine Crew leiteten die Landephase ein, die sich dann aber noch eine Weile mit langen Bluesvariationen hinzog. Eric Burdon ist ein schwerer Vogel, der seine Würde mit gleitenden Flugbewegungen zu wahren sucht, wie er sie auf der Bühne gleich mehrfach simulierte. „We Got To Get Out Of This Place“ – was sonst – war dann zusammen mit „Hold On, I’m Comin’“ der Rausschmeißer. Gehen und Kommen, ein altes Lied.

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