Einmal um die ganze Welt: Zum Tod des Sängers Karel Gott

Ein alter Mann sitzt im Fond einer dunklen Limousine, fährt durch eine sonnendurchflutete Landschaft aus Feldern, Wiesen und Wäldern, immer die gleichen Zeilen auf den Lippen: „Für immer jung, ein Leben lang für immer jung, // ich werde einfach immer alles geben. Für immer jung.“ Der alte Mann, das ist Karel Gott, die Bilder sind Sequenzen aus seinem letzten erfolgreichen Musikvideo, der Refrain ist Teil eines musikalischen Dialogs mit dem Krawallrapper Bushido über das Altwerden.

„Für immer jung“ – so oft hat Karel Gott dieses Lied in den vergangenen zwanzig Jahren gesungen, auf tschechisch, auf deutsch, zusammen mit den Machern des Hits, der deutschen Popband Alphaville, mal schneller, mal langsam im Rhythmus und Tempo. So als seien diese wenigen Zeilen seine Bilanz eines langen Lebens, sein Motto für die weit über 50 Jahre andauernde Karriere, die ihren Anfang nahm 1960 und jetzt endet mit seinem Tod.

Viele Genres, eine charakteristische Stimme 

Als der am 14. Juli 1939 im böhmischen Plzeň (Pilsen) geborene Karel Gottar, so sein richtiger Name, Ende der 1950er Jahre erste Bühnenerfahrungen sammelt, geht alles ein bißchen durcheinander. Mit der Stimme eines lyrischen Tenors, ausgebildet am Prager Konservatorium, will er eigentlich singen wie seine Vorbilder, die großen Crooner aus den USA, Frank Sinatra oder Dean Martin. Beliebt beim jugendlichen Publikum in seiner Heimat aber wird er mit dem Sound der Zeit, Rock„n„Roll und Beat, so wie er aus dem Westen kommt.

Die charakteristische Stimme bleibt über all die Jahre danach ebenso wie der ständige Wechsel in den Genres, in den Schubladen. Nicht nur in seiner tschechischen Heimat, auch in den sogenannten sozialistischen Bruderländern und schließlich im Westen Europas, demonstriert Karel Gott die ganze Bandbreite seines Könnens: stimmungsvolle Balladen, domestizierter Rock, Schlager für den schnellen Gebrauch, böhmische Folklore, Jazz Standards, Popversionen aus den Charts geklaut.

Allein 900 Titel hat er – nach eigenen Angaben – in deutsch eingesungen. Wie viele Alben von ihm erschienen sind, weiß man nicht genau, weit über 120 müssen es gewesen sein. Ebenso ungenau lässt sich die Zahl der verkauften Tonträger festmachen, Schätzungen gehen von mindestens 30 Millionen Exemplaren aus.

Karel Gott: „Ich versuchte stets, mich von allem Politischen abzuschotten“

Schon sehr früh wird Karel Gott zum musikalischen Mittler zwischen dem sozialistischen Osten und dem kapitalistischem Westen. 1967 darf er bereits in Las Vegas auftreten, angekündigt als „echter Kommunist aus dem Reich hinter dem eisernen Vorhang“, und 1968 vertritt er Österreich beim Eurovision Song Contest mit einer Komposition von Udo Jürgens. 1971 will er ganz in der Bundesrepublik bleiben, Familie und Freunde bekommen deshalb große Schwierigkeiten mit den tschechischen Behörden, der Sänger macht daraufhin einen Rückzieher und pendelt weiter zwischen den Blöcken.

Im Westen wird er als die „Goldene Stimme aus Prag“ vermarktet, in Tschechien erhält er den populären Publikumspreis „Goldene Nachtigall“ insgesamt 38 mal. Trotz seiner exponierten Position will der Künstler sich immer als einen Unpolitischen verstanden wissen: „Ich versuchte stets, auch wenn das nicht wirklich einfach war, mich von allem Politischen abzuschotten“, schreibt er in seiner 2014 erschienen Autobiographie, „und mir meine eigene Welt zu suchen, die der Melodie, der Töne, der positiven Nachrichten.“

Die kleine Biene Maja – Karel Gotts größter Erfolg

Seine Anpassung geht so weit, dass er 1977 nicht die Charta 77 unterschreibt, mit der tschechische Künstler und Intellektuelle gegen die Staatsführung protestieren. Aber er gehört zu den ersten, die die Anticharta unterschreiben, die Antwort der Parteitreuen. „Ich musste mich den Umständen in meinem Land anpassen, wenn ich nicht Berufs- oder Auftrittsverbot bekommen wollte.“

Seinen größten Erfolg in Deutschland verdankt der Alleskönner der kleinen Biene Maja, Hauptfigur in einer österreichisch-japanisch-deutschen Zeichentrickserie. Zur Interpretation der Titelmelodie kommt Karel Gott ganz nebenbei. Eigentlich wollte er einen Kaffee trinken gehen, als ihn eines Tages sein Freund, der Komponist des Liedes, Karel Svoboda, auffordert, ihn kurz ins Studio zu begleiten, um ein kleines Lied aufzunehmen. „Ich war tatsächlich nach einer halben Stunde fertig“, erinnert sich Gott 40 Jahre später. „Und dafür wurde ich bezahlt. Ich habe nicht daran gedacht, irgendeine Option in den Vertrag aufnehmen zu lassen.“ Dass ihm dadurch eine Menge Honorar entgangen sei, habe ihn nie geschmerzt. „Wenn eine Riesen-Halle mit mir ,Biene Maja„ singt, dann ist das das beste Honorar.“

Eigentlich wollte Karel Gott Maler werden

„Die Träume in mir kann kein Wind mehr verwehen, // man muss jeden Tag neue Wege gehen.“ So lautet eine weitere Zeile in Karel Gotts Originaltext von „Für immer jung“. Seine musikalische Karriere lässt ihm kaum Zeit, anderen Träumen nachzugehen. Erst zu Beginn der 2000er Jahre zeigt er sich erstmals mit seinen Gemälden der Öffentlichkeit.

Denn Maler wollte er eigentlich werden, noch vor seinem Gesangsstudium, schaffte aber nicht die Aufnahmeprüfung auf die Kunstakademie. Besondere Beachtung ist den zumeist farbenfrohen Fantasien über den weiblichen Körper nicht beschieden, der populäre Name aber ermöglicht ihm Ausstellungen in Prag und Bratislava, in München und New York.

2015 wurde bei Karel Gott eine Krebserkrankung diagnostiziert

Auch für die Gründung einer Familie findet der Vielbeschäftigte erst Zeit mit den Jahren. 2006 wird er Vater einer Tochter, die Mutter des Kindes heiratet er 2008, im gleichen Jahr wird eine zweite Tochter geboren. Trotz der Familie und der Malerei als zweitem Talent, hat Karel Gott nie seine Bühnentätigkeit vernachlässigt, Abschiedstourneen waren mit ihm nicht zu planen, sein Publikum hatte bis zum Schluß einen Anspruch darauf, von ihm unterhalten zu werden. Es ist noch nicht so lange her, 2014, da hat er in einem Interview gesagt: „Es gibt nur ein einziges Attest, das zur Absage eines Konzerts berechtigt: die Sterbeurkunde.“

Die Fans machten sich zuletzt wiederholt Sorgen aufgrund der Nachrichten über seinen schlechten Gesundheitszustand. Von mehreren chemotherapeutischen Behandlungen einer Krebserkrankung, die 2015 diagnostiziert worden war, hatte er sich zunächst wieder erholt. Zuletzt jedoch hatte sich sein Zustand dramatisch verschlechtert. In der Nacht zum Mittwoch ist Karel Gott nun im Alter von 80 Jahren gestorben.

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