„Dionysos Stadt“ beim Theatertreffen: Stehende Ovationen für zehn Stunden Antiken-Feier

So etwa in der Mitte der zehnstündigen, aus den Münchner Kammerspielen zum Theatertreffen eingeladenen Antikenfeier „Dionysos Stadt“, lacht Kassandra ein bitteres, mechanisch hustendes Lachen. Klar, sie kann in die Zukunft sehen: Wie Klytaimnestra den Gatten, den siegreichen griechischen Heerführer Agamemnon, der ihre Tochter Iphigenie für Segelwind opferte und nun Kassandra aus Troja als seine Sklavin heimführt, in der Badewanne abschlachtet, und wie ihr Sohn Orest Rache dafür nehmen wird. Ha, ha.

Kommt alles noch. Jetzt aber erzählt Kassandra einen Traum, in dem sich alles, was bisher geschah, rückwärts abspielt: Aus den Schiffen der Griechen steigen schwer verwundete Männer, sie bringen Schätze mit und weinende Frauen, die sie ins niedergebrennende Troja führen. Dort verstecken sie alles und gehen dann mit seltsamen Stöcken, die das Feuer aus den Häusern saugen, durch die Straßen. Ein Baby springt in einem Satz auf die höchste Zinne der Stadtmauer. Es wird dunkel, und die Griechen schleichen, um niemanden zu wecken, in ein Holzpferd.

Behalte das Feuer, Prometheus!

Und weiter: Helden berühren einander mit Zauberwaffen, die Wunden verschließen, Blut fließt aus dem Sand zurück in Venen. In den Pausen buddeln die Kämpfer ihre Gefährten aus. Sie werden immer frischer, kräftiger und jünger, segeln nach zehn Jahren gegen den Wind in alle Himmelsrichtungen weg, hämmern auf ihren Waffen herum, bis sie weich werden, verstecken das Erz tief im Gestein der Gebirge, wo es niemals jemand finden wird.

Alle werden zu Babys und verschwinden, bis zwei übrig bleiben. Diese beiden rufen einem gefesselten Gott entgegen: „Hier bin ich, und bin Herr meines Schicksals.“ Dieser Gott ist Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und mithin alles, was sie zu Menschen macht.

Alles mit allem erzählen

Der 34-jährige Regisseur Christopher Rüping erzählt mit fröhlichem Schwung alles mit allem. Er nimmt, was er kriegen kann, um das ganze mythische Gehuddel zu fassen, über das wir nun schon seit Jahrtausenden nachdenken, das wir gestalten, betrauern und feiern und dem wir unser Sosein und unsere Lage nicht lange vor dem Weltuntergang verdanken.

Acht zugewandte Schauspieler – Maja Beckmann, Maja Feddah, Nils Kahnwald, Gro Swantje Kohlhof, Wiebke Mollenhauer, Jochen Noch, der Schlagzeuger Matze Pröllochs und Benjamin Radjaipour – verbrüdern sich miteinander im Spiel und mit dem Publikum über alle unlösbaren Konflikte und Rachestürme hinweg, ohne einander und uns zu schonen: Der Abend mischt Metaspäße, echtträniges Melodram, böse Splatterseifenoper, unnachgiebiges Überwältigungsgetrommel, erlösende Selbstreflexionen. Es gibt ein Fußballspiel, ein Hochzeitsfest, und alles endet mit einem Sonnenaufgang.

Der Mensch im Schafspelz

Auf den Ursprung des Menschen blickt das Ensemble zurück und dazu noch 2500 Jahre in die Zukunft, wenn ein paar Übriggebliebene, die sich in Höhlen verkrochen haben werden, zurück ans Tageslicht kommen. Sie werden es besser machen, weil sich bei der Unter-Tage-Evolution das Gen für Demut gegen das für Gier zuständige durchgesetzt hat. Sie werden losgeworden sein, was Prometheus ihnen andrehte und vielleicht doch Menschen bleiben. Die Alten werden Eicheln essen und Liebe im Freien machen, die Jungen werden Worte in den Strand schreiben und zusehen, wie das Wasser sie schluckt. Und die Sonne wird aufgehen, als ein in warmen Feuerfarben leuchtender Kreis.

So kommt es dann eine halbe Stunde vor Mitternacht. Da hat man es dann geschafft und darf jubeln. Im Haus der Berliner Festspiele stehen die Leute, die den Tag seit 14 Uhr schauend, lachend, denkend, feiernd, in den Pausen quatschend, essend, trinkend und tanzend miteinander verbracht haben – und klatschen fast zehn Minuten. Klatschen, grüßen, feiern ihren Unglücksbringer Prometheus. Sie danken ihm für die Kultur. Schließlich haben sie in einer frühen Viertelstunde des Beisammenseins gesehen, wofür diese Gabe gut sein kann: Da nämlich tun Menschen, was nur Menschen können. Sie werfen sich Felle über und spielen. Sie spielen, was Schafe tun. Sie stehen, sinnen, blöken, kopulieren, kuscheln, fressen, wechseln die Positionen und beginnen von vorn. Leider viel zu kurz.