„Diese Aufgabe wird uns noch lange beschäftigen“

Die MAZ befasste sich in der Serie „Brandenburg wächst“ ausführlich mit dem Speckgürtel südlich von Berlin. Nachdem wir bereits mit Bürgermeistern aus Dahme-Spreewald ein Gespräch zum Thema führten, antworteten nun Ludwigsfelde Bürgermeister Andreas Igel und sein Großbeerener Amtskollege Tobias Borstel (beide SPD) auf Fragen rund ums Thema Wachstum.

Herr Igel, Herr Borstel, Ihre Orte gehören zu den dynamischsten Gemeinden im Flughafenumfeld, sie scheinen förmlich zu explodieren. Wie nehmen Sie dieses Wachstum wahr?

Andreas Igel: Bei uns in Ludwigsfelde spüren wir tatsächlich ganz unabhängig vom BER eine extreme Dynamik. Es gibt einen immensen Ansiedlungsdruck bei Unternehmen wie bei Anwohnern. Es werden Bebauungspläne umgesetzt, die 15 oder 20 Jahre alt sind. Das geschieht in einem unheimlichen Tempo. Für uns geht es darum, dieses Wachstum in gesunden Bahnen zu halten, was nicht leicht ist. Aber den Trend zur Urbanisierung gibt es weltweit, diese Aufgabe wird uns deshalb noch lange beschäftigen. Da muss man sich nichts vormachen.

Tobias Borstel: In Großbeeren befinden wir uns schon seit der Wende in einem stetigen Wachstumsprozess. Die Gemeinde hatte knapp 2000 Einwohner im Jahr 1990. Heute gehen wir stramm auf die 9000 Einwohner zu und machen ähnliche Erfahrungen wie Ludwigsfelde. Investoren setzen altes Baurecht um, weil sie sicher sein können, dass ihre Wohnungen noch in der Bauphase vergeben sein werden. Wir könnten allein über bestehendes Baurecht und weitere Potenzialflächen 1500 Wohneinheiten zu realisieren. Wenn man mit 2,5 Personen pro Wohneinheit rechnet, sind das 4000 zusätzliche Einwohner.

Igel: Und das ist konservativ gerechnet. Bei uns gibt es übrigens noch einen weiteren Treiber für Wachstum. Europäische Migranten, die als Arbeitskräfte angeworben werden. Die machen aktuell 40 Prozent des Einwohnerwachstums von Ludwigsfelde aus, fliegen aber völlig unter dem Radar.

Wo kommen diese Migranten her?

Igel: Überwiegend aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Sie werden von Agenturen geholt, arbeiten größtenteils in Logistikbetrieben und wohnen in Wohngemeinschaften. In der Branche heißt es, wer drei Jahre lang an einem Ort arbeitet, holt in der Regel die Familie nach. Das ist kaum steuerbar. Wenn wir diesen Leuten keine Angebote machen, wird der bestehende Wohnraum für alle weiter verknappt. Das ist auch die Antwort auf die oft gestellte Frage, ob man überhaupt neuen Wohnraum schaffen muss. Ja. Weil die Nachfrage von Zuzüglern und den Menschen, die hier schon lange leben, gewaltig ist.

Andreas Igels Vision 2030

Ludwigsfelde wird wachsen, und ich hoffe, dass wir als Stadt mit den Bürgern ein gesundes Wachstum aushandeln und bei allem eine eigene Identität bewahren können. Wir groß die Stadt im Jahr 2030 sein wird, ist angesichts der riesigen Dynamik schwer abzuschätzen. Wir gehen intern derzeit noch offiziell von rund 30.000 Einwohnern aus, aber dieser Stand ist inzwischen überholt. Das wird klar, wenn man sich die Zuzugs- und die Geburtenraten anschaut. Seit Monaten haben wir kontinuierlich mehr Geburten als Sterbefälle. Hinzu kommt der Zuzug. Pro Jahr wachsen wir aktuell um rund 700 Einwohner. Der Rousseaupark ist ein neuer Stadtteil. Allein dort werden in den nächsten Jahren 630 Grundstücke und 190 Wohnungen an den Markt gebracht werden. Und das ist nur einer der großen Wachstumskerne. In der Innenstadt gibt es Baurecht für weitere 500 Wohneinheiten. Hinzu kommen Häuser, aus denen ältere Paare ausziehen und in die Familien mit Kindern einziehen. Der Flughafen einen zusätzlichen Schub geben, weil wir eine sehr gute Anbindung an den BER haben werden. Deshalb sehe ich im Wachstumsraum die ganze Bandbreite auf uns einwirken.

Wo sehen Sie Grenzen des Wachstums?

Borstel: Dort, wo die Identität bedroht ist. Gerade die alteingesessenen Einwohner sehen das exponentielle Wachstum kritisch, was durchaus schon zu Konflikten geführt hat. Wir wollen deshalb regionale Identität befördern.

Wie wollen Sie das machen?

Borstel: Zum Beispiel indem wir eine Dorfmitte entwickeln, in der sich Leute begegnen können. Am Lilograben haben wir einen Wanderweg angelegt. Wir haben angefangen, ein Gemeindefest zu etablieren, weil die Gesellschaft Anlässe braucht, um zusammenzukommen. Langfristig wollen wir auf dem Gutshofsgelände ein Kulturareal schaffen. Natürlich könnten wir auch alles so lassen, wie es ist. Keine Schulen bauen, die Straßen vernachlässigen. Dann kommen weniger neue Leute her. Aber damit treffen wir letztlich nur diejenigen, die schon da sind und gut und gerne hier leben. Und das wollen wir nicht. Unterstützung für diesen Prozess holen wir uns übrigens bei der Wirtschaft im GVZ, die bislang kaum Kontakt in den Ort hinein hatte.

Sie sehen Wachstum also als Chance für den Ort?

Borstel: Absolut. Es ist wie ein fahrender Zug, auf den wir aufspringen und versuchen, das richtige Abteil zu erwischen.

Tobias Borstels Vision 2030

Wie Großbeeren im Jahr 2030 aussehen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Aber klar ist: Der Ort wird deutlich größer sein als heute. Schaut man sich nur die Potenzialflächen der Gemeinde an, dann haben wir in Heinersdorf Nord und dem Ruhlsdorfer Feld Platz für rund 1000 neue Wohneinheiten. Wenn diese Gebiete voll bebaut sind, hätten wir allein dadurch knapp 2500 Einwohner mehr. Dafür bräuchte die Verwaltung zusätzliche Stadtplaner, die eine solche Entwicklung begleiten. Denn es gibt einige Herausforderungen, die auf dem Weg von einem dörflichen zum dann kleinstädtischen Charakter zu lösen sind. Wir sind zwar sehr klein und nicht so dicht besiedelt, aber wir liegen auch in einem Landschaftsschutzgebiet und können und wollen deshalb nicht überall auskragen. Eine zweite Herausforderung sind Ansprüche der Altbevölkerung. Diese sind mit den Ansprüchen der Neu-Großbeerener, welche in den letzten 20 bis 25 Jahren hinzugekommen sind, zu verknüpfen. Es gibt zum Beispiel den Anspruch, eine weiterführende Schule, möglichst mit Abiturstufe im Ort zu haben. Dieses Thema wird uns begleiten, ebenso wie die Entwicklung der Gemeindemitte.

Trotzdem wird Kritik wie über zunehmenden Verkehr nicht verstummen.

Borstel: Stimmt. Viele sind rausgezogen, weil sie ruhig leben wollten. Und nun entwickeln wir uns vom dörflichen zu einem kleinstädtischen Charakter. Aber ich glaube nicht, dass das zulasten der Bewohner geht. Man muss nur mehr Rückzugsorte schaffen, Oasen sozusagen. Der Pendelverkehr lässt sich auch reduzieren, wenn wir die Arbeitskräfte stärker im Ort binden und eine bessere Bahnanbindung bekommen, etwa durch einen S-Bahn-Anschluss.

Herr Igel, wo liegen Ihre Grenzen?

Igel: Auch bei uns gibt es Ängste der Einwohner. Sie sehen die Probleme, die das Wachstum mit sich bringt. Kitas, Schulen und Sportvereine sind voll, Arzt- oder Friseurtermine sind kurzfristig immer schwerer zu bekommen. Auch da müssen wir für Nachzug sorgen, was freilich kaum im Einflussbereich der Stadt liegt. Aber das ist nicht die Antwort, die von uns erwartet wird.

Wie sieht denn Ihre Antwort aus?

Igel: Vielschichtig. Vor allem müssen wir für Identität sorgen in einer Stadt, die schon immer vom Zuzug gelebt hat. Die meisten Ludwigsfelder sind mindestens Kinder von Zugezogenen. Und so wie sich diese Leute heute als Ludwigsfelder sehen, so muss es uns gelingen, dass sich auch die Neuen zur Stadt bekennen und ein Teil von uns werden. Zudem müssen wir weiter an den Rahmenbedingungen arbeiten, die das Dienstleistungsangebot angemessen mitwachsen lassen.

Im Rousseaupark entsteht derzeit ein komplett neuer Stadtteil. Wie verhindern Sie eine soziale Teilung zwischen den Ex-Berlinern dort und den Mietern der vielen Plattenbauten in der Kernstadt?

Igel: Kinder und Vereine sind der soziale Kitt. Die Vereine sind deshalb für uns ein Schwerpunktthema. Wir müssen sie stärken und haben deshalb einen Vereinsbeauftragten eingestellt. Auch die Feuerwehr ist ein Thema, zumal auch viele Berufsfeuerwehrleute herziehen. Es gibt Ansatzpunkte, aber die darf man nicht sich selbst überlassen, man muss sie pflegen.

Verkehr ist ein zentrales Problem in vielen Wachstumsregionen. Fühlen Sie sich vom Land ausreichend unterstützt, etwa beim Ausbau der Osdorfer Straße, Herr Borstel?

Borstel: Der Streit um den Aus- und Umbau dieser Straße ist alt. Dort pendeln täglich rund 10 000 Arbeitnehmer über eine geschwungene kleine Alleestraße, das führt zu großen Problemen. Aber wir haben jetzt eine Förderzusage vom Land und sind zuversichtlich, dass wir den Bau bis 2021 abgeschlossen haben. Das hätte aber nicht so lange dauern dürfen. Vielleicht hätte man auch schon früher auf die S-Bahn-Verlängerung nach Ludwigsfelde drängen sollen. Wir sind zwar seit vorigem Jahr an diesem Thema dran, aber die ersten Erfolge werden wir frühestens in acht bis zehn Jahren spüren.

Empfinden Sie solche Zeiträume als frustrierend?

Igel: Einem 70-Jährigen zu erklären, dass er eine S-Bahn-Anbindung womöglich nicht mehr erleben wird, ist nicht einfach. Aber das Problem ist ja nicht, die Schiene zu legen. Vorher gibt es zehn Jahre Planungen und Verhandlungen, von denen keiner etwas sieht. Das ist ein deutsches Problem, bei dem man sich fragen muss, ob das alles noch zeitgemäß ist. Wir werden trotzdem stetig daran arbeiten, unsere Forderung nach einer S-Bahn-Anbindung mit Zahlen und Fakten zu unterlegen. Wobei man sagen muss: Das Land hat ja schon reagiert. Der 20-minütige Bahntakt, den wir ab 2026 bekommen, ist ein Erfolg. Aber das reicht nicht.

Weshalb nicht?

Igel: Wenn wir langfristig die Pendler von der Straße bekommen wollen, müssen wir die ganze Vernetzung der Region neu denken. Auch in Ost-West-Richtung. Versuchen Sie mal von Ludwigsfelde nach Potsdam oder zur TH Wildau mit Öffentlichen Verkehrsmitteln zu kommen. Da müssen wir besser werden.

Im vorigen Jahr wurde immerhin ein Plus-Bus von Ludwigsfelde nach Potsdam eingerichtet.

Igel: Ja, aber es gab Diskussionen, weil man sich im Süden benachteiligt fühlte. Auch das ist ein Problem. Natürlich braucht man dort auch eine Grundsicherung, keine Frage. Aber wir müssen doch auch Prioritäten setzen. Wenn immer alle alles wollen, bekommt niemand etwas.

Viele Speckgürtelgemeinden sind bei der Finanzierung von Kita- und Schulbauten am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. Wie gehen Sie mit dem Problem um?

Borstel: Wir wollen die Investoren mehr in die Verantwortung nehmen, die von dem Wachstum am meisten profitieren. Über das so genannte Baulandmodell können wir eine Investitionsabgabe einfordern. Pro Wohneinheit sind das 10.000 bis 15.000 Euro, die für soziale Infrastruktur eingesetzt wird. Damit könnten in Großbeeren rund zehn Millionen Euro zusammenkommen, die wir für Kitas, Schule oder Rückzugsräume bereitstellen können. Andererseits ist es aber auch wichtig, dass der Landkreis oder das Land Förderprogramme für Ballungsräume schaffen. In der Peripherie bekommen die Kommunen Geld für Rückbau. Adäquate Angebote muss es auch für den Speckgürtel geben.

Igel: Ein Großteil der Zukunftsfähigkeit des Landes wird von der Dynamik im Speckgürtel abhängen. Das sollte sich auch in der Verteilung der Mittel widerspiegeln. Das Motto in Brandenburg hieß einmal „Stärken stärken“. Das muss wieder mehr in den Fokus rücken.

Eine ihrer großen Stärken ist Wirtschaft. Und gerade in Ludwigsfelde wird die Ansiedlung von Unternehmen weiter vorangetrieben – obwohl es gar keine Arbeitskräfte mehr in der Stadt gibt. Welchen Sinn ergibt das?

Igel: Die Wirtschaftsstruktur der Stadt ist aktuell stark getragen von drei großen Industrieunternehmen, die alle an der Weltkonjunktur hängen. Das ist ungesund. Wir müssen uns breiter aufstellen, um unsere Einnahmen abzusichern. DHL und Chefs Culinar, die wir zuletzt angesiedelt haben, sind eine Antwort darauf. Gleichzeitig versuchen wir, hochwertige Jobs in die Stadt zu bekommen, um unsere Kaufkraft zu erhöhen, denn letztlich soll auch beim Handel in der Innenstadt noch mehr Qualität her. Auch das etwas mit Wachstum zu tun, denn Marken wie New Yorker oder H&M denken erst ab 40.000 Menschen im Einzugsbereich über einen Laden nach. Da müssen wir diskutieren. Wollen wir diese Qualität? Dann brauchen wir Wachstum. Oder wollen wir sie nicht? Dann müssen wir mit dem zufrieden sein, was wir haben.

Ein weiteres Thema ist auch für Ludwigsfelde und Großbeeren der BER. Wie schätzen Sie aktuell die Zusammenarbeit in der Flughafenregion über die Kreisgrenze hinaus ein?

Igel: Momentan bekommt das Thema Interessenausgleich eine gewisse Dynamik. Der Landkreis Teltow-Fläming wird vom Flughafen negativ betroffen sein. Wir sind Überfluggebiet, die Bevölkerung wird mit dem Fluglärm leben müssen. Andere Kommunen werden die Flugzeuge nur von Weitem sehen, dafür aber auch finanziell deutlich mehr partizipieren als wir. Wenn es keinen Riss geben soll, müssen wir dafür einen fairen Ausgleich schaffen – was inzwischen aber auch immer mehr Kommunen erkennen.

Wie könnte der Ausgleich aussehen?

Igel: Es gibt die Idee des Flug-Euros. Pro Ticket wird ein Aufschlag gezahlt, mit dem sich gewisse Maßnahmen umsetzen lassen. Dafür muss die interkommunale Zusammenarbeit aber noch besser werden.

Mal ehrlich: Sind Sie nicht manchmal vom Thema Wachstum genervt?

Igel: Nein. Es ist doch leichter, den Leuten zu erklären, weshalb ein gewisses Wachstum stattfinden muss, als ihnen zu erklären, weshalb die nächste Wohnung abgerissen wird. Ich baue lieber drei Kitas bei allen finanziellen Belastungen, als eine zu schließen. Ich glaube auch, dass die Menschen das im Kern so empfinden. Man muss ihnen nur die Gewissheit geben, dass sie auf keinen Fall vergessen werden.

Von Ekkehard Freytag und Oliver Fischer

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