Die Nikolaikirche und das große Vorbild in Rom

Ist Potsdam ein kleines Rom an der Havel? Das Museum Barberini hat begleitend zur Barock-Ausstellung den Stadtrundgang „Italien in Potsdam“ aufgelegt. Die PNN veröffentlichen in einer Serie ausgewählte Stationen zum Nachlesen und die entsprechenden Fotos. Wir danken dem Museum Barberini für die freundliche Genehmigung.

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Alter Markt/ Altes Rathaus/ Obelisk

Dieser Platz galt einst als einer der schönsten Plätze Europas. Und kaum ein anderer Platz nördlich der Alpen weist so viele Zitate römisch-italienischer Architektur auf. Vor dem Potsdamer Stadtschloss gelegen, wollte Preußenkönig Friedrich II. ihn zur Visitenkarte preußischer Weltläufigkeit machen. Aus dem Alten Markt, auf dem dienstags und samstags der Wochenmarkt stattfand, sollte eine römische Piazza werden.

Schon der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte im 17. Jahrhundert den Alten Markt mit Schloss und Stadtkirche zum Zentrum seiner Residenzstadt ausgebaut. Unter seinem Nachfahr Friedrich dem Großen erhielt er ab 1750 sein italienisches Gepräge.

Während das barocke Stadtschloss nach dem Umbau durch Friedrichs Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff auf französische Vorbilder verweist, schaute Friedrich für die übrigen Gebäude rund um den Platz vor allem nach Rom. Francesco Algarotti, ein venezianischer Graf, stand dem König als künstlerischer Berater zur Seite.

Neben dem Palazzo Barberini standen weitere italienische Villen Modell für den Alten Markt. An das Palais Barberini schließen sich rechts die Palazzi Chiericati und Pompei an, die mit ihren säulengeschmückten Fassaden Vorbilder der italienischen Renaissance nachahmen.

Auf der Ostseite des Platzes, links vom Barberini, erhebt sich das Alte Rathaus mit seiner zylindrischen Kuppel und dem goldenen Atlas auf der Spitze. Und der trägt die Weltkugel. Jan Boumann errichtete das Rathaus nach einem Entwurf des italienischen Renaissance-Baumeisters Andrea Palladio für eine Villa in Vicenza.

Ein Obelisk markiert die Mitte des Alten Markts. Friedrichs Architekt und Freund Knobelsdorff hatte solche Exemplare auf seiner Italienreise in Rom gesehen, wo bis heute acht ägyptische und fünf antike römische Obelisken auf öffentlichen Plätzen stehen.

Nun sollte er in Friedrichs Auftrag gleich mehrere davon für Potsdam entwerfen. Der Obelisk am Alten Markt entstand in den Jahren 1753 bis 1755: eine Vierkantsäule aus rotem und weißem Marmor, die sich nach oben verjüngt. Wie in Rom wurde der Obelisk auch in Potsdam in die Mitte des Platzes gesetzt, vergleichbar etwa der Piazza di San Giovanni in Laterano. Die vier Seiten über dem Sockel zierten übrigens ursprünglich Portraitmedaillons der preußischen Könige. In DDR-Zeit wurden sie durch Bildnisse königlicher Baumeister ersetzt.

Nach Kriegsende 1945 glich der Alte Markt einem Trümmerfeld. Die italienische Piazza, einst einer der schönsten Plätze Europas, blieb über 40 Jahre lang eine weitgehend leere Fläche.

Die Nikolaikirche, das Alte Rathaus mit dem rechts daneben liegenden Knobelsdorffhaus und der Obelisk in der Mitte des Platzes wurden zu DDR-Zeiten wiederhergestellt. Erst nach 1990 folgten die Rekonstruktionen der übrigen Gebäude.

Nikolaikirche

Wie eine Glucke thront die Nikolaikirche über dem Alten Markt. Die riesige Kuppel des 77 Meter hohen Gebäudes überragt weithin sichtbar die Umgebung. Den quadratischen Unterbau scheint sie fast zu erdrücken. Diese Kuppel ist eine der eindrucksvollsten Silhouetten Potsdams. Ganz offensichtlich stand die größte Kirche der Welt, der Petersdom in Rom, für den Entwurf Pate. Auch damit weht ein Hauch der Ewigen Stadt durch die brandenburgische Residenz und Garnison.

Über eine Treppe steigt man zu dem Säulenportikus mit Dreiecksgiebel empor, der den Eingang zur Kirche markiert. Ursprünglich stand an dieser Stelle die alte Stadtpfarrkirche von 1753. Sie besaß eine eindrucksvolle Südfassade nach dem Vorbild der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom. Friedrich II. hatte diese Front im Zuge der italienischen Platzgestaltung vor die Kirche setzen lassen. 1795 fiel das Gotteshaus einem Stadtbrand zum Opfer.

30 Jahre später, 1826, entwarf Karl Friedrich Schinkel die neue Kirche im klassizistischen Stil. Friedrich Wilhelm III., den königlichen Auftraggeber, erschreckten jedoch die Kosten. Zudem schien die Konstruktion einer Kuppel wegen des morastigen Baugrundes sehr gewagt. Die Gewölbebögen hatten schon kurz nach der Fertigstellung erste Risse gezeigt. Deshalb erhielt die würfelförmige Kirche zunächst ein flaches Satteldach. Schinkel hatte den Bau jedoch für eine spätere Ergänzung mit einer Kuppel vorbereitet.

Die feierliche Eröffnung 1837 war eine Blamage. Schinkel hatte keine Einladung erhalten und blieb der Einweihungsfeier fern. Dem König missfiel die Akustik. Predigt und Chorgesang kamen nur undeutlich bei den Hörern an. Friedrich Wilhelm III. verließ daraufhin das Gotteshaus mit dem empörten Ausruf, dass dies in jeder gewöhnlichen Dorfkirche besser sei.

Erst mit seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. erhielt die Kirche die monumentale Kuppel. Die beiden Schinkel-Schüler, Ludwig Persius und Friedrich August Stüler vollendeten das Projekt nach Schinkels Tod. Mit ihr sollte Potsdams Skyline eine italienische Prägung erhalten.Die Außenkuppel wurde zur ingenieurtechnischen Meisterleistung: Erstmals kam eine gusseiserne Rippenkonstruktion in Preußen zur Anwendung. Für die Innenkuppel verwendete Persius – um das Gewicht zu reduzieren – hohle Tongefäße. Einhundert Jahre später, beim Bombenangriff auf Potsdam am 14. April 1945, blieb die Kuppel zunächst unversehrt. Erst Artilleriebeschuss in den letzten Apriltagen fügte dem Bau so schwere Schäden zu, dass die Kuppel einstürzte und der Eingangsportikus zerbrach. Mit dem Wiederaufbau in den 1950er Jahren erhielt die Nikolaikirche eine neue Kuppel, diesmal aus Stahl. Vom Kolonnaden-Umgang unterhalb der Kuppel genießt man in 42 Metern Höhe den Blick auf die Potsdamer Innenstadt.

https://www.pnn.de/potsdam/wie-eine-roemische-piazza-die-nikolaikirche-und-das-grosse-vorbild-in-rom/24858368.html

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