Der Tod des Solisten: Im Jazz herrschen jetzt die Kollektive

Jazz ist in einer Phase der Häutung. Er schillert zeitgenössischer als noch vor wenigen Jahren und zieht andere Leute an, auch junge. Denn Jazz ist nun „woke“, wie junge Menschen auf Englisch sagen, wenn sie politisch erwacht meinen. An dieser Stelle ragt von der Seite oft ein älterer Zeigefinger in das Gespräch und sagt ungefragt: Schnickschnack, auf der Seite der Marginalisierten stand Jazz ja immer.

Dass beide recht haben, die neuen Häute aber dennoch ein anderes Muster zeigen, war am 56. Jazzfest schön zu sehen. Wichtig bei Nadin Deventers zweiter Ausgabe als künstlerische Leiterin: die Betonung der Kollektive und die Architektur der Immersion, wie das seit ein paar Jahren bei den Berliner Festspielen heißt, wenn die Bühnen nicht mehr säuberlich von den Sitzreihen getrennt werden.

Sechstündiges Konzert mit fast 60 Musikern 

Zur Eröffnung beantwortete das „Sonic Genome“ von Anthony Braxton im Martin-Gropius-Bau räumliche Fragen komplex und leicht zugleich. Der 74-jährige Musiker und Komponist aus Chicago bespielte das ganze Museum während sechs Stunden mit fast 60 Leuten, davon 40 aus Berlin. Im zentralen Lichthof begann das Konzert mit einem Drone, einem anschwellenden Klang auf einer Note. Dann teilte sich das Kollektive in drei Gruppen, die je vier Untergruppen bilden konnten.

Braxtons Musik spielt jenseits der Jazzdialektik von Improvisation und Komposition. Auch die Spannung zwischen Kollektiv und Solist ist bei ihm aufgehoben. Es wirkte, als würden die über 300 Kompositionen zwischen Jazzklang und Neuer Musik ständig neu überschrieben.

In der Ausstellung „Der Garten der irdischen Freuden“ im Gropius-Bau gibt es wunderbare Pflanzenpornos und Videos über die Zukunft des Menschen als organisches Wesen unter seinesgleichen, etwa Würmern und Bakterien. Und so konnte man Braxtons Musik auch hören: als organisches Pulsieren, als eine wuselige Erotik des Fließens und kontaktfreudigen Flanierens.

In sechs Stunden bei Braxton: kein einziges Solo gehört, die Zentralperspektive auf das Subjekt ist gebrochen. Und nicht nur da. Der junge Berliner Schlagzeuger Christian Lillinger sorgte am Freitag mit seinem Nonett „Open Form for Society“ für ein Highlight des Festivals. Zwei Klaviere, zwei Kontrabässe, ein Keyboarder, ein Cello, zwei Vibraphone und mit Lillinger ein Schlagzeuger, der wie mindestens zwei explodiert. Aber kein Solo.

Klar, Lillingers nervöses, aber extrem kontrolliertes Spiel könnte ein einziges Solo sein: die scharfen Beckenklänge, die spitzen Stiche der Snaretrommel, das fast digitale Stottern, das er händisch erzeugt. Und doch hört man da immer wieder die Komposition heraus und das Kollektiv als massigen Klangkörper.

Gehäuteter Jazz heißt heute nicht mehr, dass man ihn mit HipHop paart und mit Streichern. Das Konzert des kalifornischen Weltklassetrompeters Ambrose Akinmusire mit dem Rapper und Sänger Koyaki sowie dem Mivos Quartet zeigte zwar genau in diese etwas vergessene Richtung. Wäre das Niveau nicht so hoch gewesen, man hätte von Effektkalkül sprechen müssen.

Rundfunkanstalten sind wichtige Partner des Jazz

Aber ach, Sonnabend ist Publikumstag, Radiotag. Denn die Rundfunkanstalten sind wichtige Partner des Jazzfestes und reden auch viel mit. Manchmal zu viel: Die Big-Band-Projekte waren in den letzten Jahren von ausgesuchter Langeweile. Doch nicht dieses Jahr! Das Projekt „Melodic Ornette“ mit der Big Band des Hessischen Rundfunks plus einem Quartett war ein weiteres Highlight.

Joachim Kühn, 75-jähriger Pianist und deutscher Fackelträger des Jazz, spielte in den späten Neunzigerjahren oft mit Ornette Coleman und hütet über 150 Stücke. Ein paar davon haben Kühn und Jim McNeely von der HR-Big-Band arrangiert. Ein kleines bisschen klang es manchmal zu notiert. Doch auch hier lag der Reiz in der Konstellation: Hier die Big Band, und daneben das Quartett mit dem coolen, verspielten, disziplinierten Kühn, dem musikalisch noch immer verblüffenden 83-jährigen Michel Portal an den Klarinetten und einer irren Rhythmusgruppe.

Das waren die besten Momente des Jazzfestes: Wenn die Musik von Begegnungen erzählte und das Genie sich im Sozialen entfalten musste, nicht in der Virtuosität des Einzelnen. Dieser Schwerpunkt auf Kollektive kehrte mehrmals wieder. Das KIM Kollektiv, das den oberen Stock der Festspiele installativ bespielte, trägt den Fokus schon im Namen. Die zwei Late Night Labs ließen gleich mehrere Ensembles miteinander reagieren. Die Aufmerksamkeit des eh schon gut zugeballerten Publikums reichte bei KIM nicht immer, man braucht ja mal ein Getränk. Das zweite Lab am Sonnabend war besser besucht und auch dialogfähiger.

Gemeinsame, zarte und wütende Klangwände

Die Einzelstimme im Jazz ist nicht tot, aber sie beherrscht nicht mehr. Im Club Quasimodo gab es zwar in der Band des Saxofonisten James Brandon Lewis Top-Solistinnen zu hören, etwa Jaimie Branch. Aber auch da schleichen die Soli in die Struktur von gemeinsamen, zarten und wütenden Klangwänden. Die große Bühne im Festspielhaus hat dieser musikalischen Tendenz auch räumlich Rechnung getragen. Zwei Tribünen rund um die ebenerdige Hauptbühne, davor Matratzen und erst weiter hinten die ersten Sitzreihen: Die alten wie die neuen Kollektive wollen niederschwelliger gehört werden.

Dass dieses Jazzfest stark von Berliner Musikern und Musikerinnen mit vielen unterschiedlichen Pässen durchsetzt war, muss man schon gar nicht mehr nach außen kehren. Denn dass Berlin die Jazzhauptstadt Europas ist, weiß man überall. Außer in Restdeutschland.

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