„Der Palast“ in der Volksbühne: Ein Tanzstück zur Gentrifizierung von Constanza Macras

Berlin –

Alle weg? „Ja, alle weg!“, kräht Anne Ratte-Polle ins Mikrofon. Der Bäcker? Weg! Der Lebensmittelladen? Weg! Der Sexshop? Weg! Die alten Nachbarn? Weg! Stattdessen überall Menschen, die alle ganz toll divers und dabei doch so irre gleich aussehen. Ja, auch das Theater − es ist weg! Oder vielleicht doch nicht?

Da kann man sich in der Volksbühne, bei der Uraufführung von „Der Palast“, auf einmal gar nicht mehr so sicher sein. Die neue Produktion der Choreografin Constanza Macras ist eine Ansage. Das in der ersten Hälfte ziemlich großartige Zusammenspiel von Tanz, Musik und Fotografie gerät in der Wut und im Widerstand gegen die Auswüchse der Gentrifizierung ins Rutschen.

Die Volksbühne ist da

Vielleicht sind auch schon die Menschen, die einem vor der Premiere draußen auf der Treppe der Volksbühne begegnen, eine Ansage. Der verwirrte Typ, der einen fragt, was hier heute Abend stattfindet, die alte Verkäuferin, die eine ganz neue Obdachlosenzeitung anbietet, ob man die nicht mal lesen wolle. Verschiedene Elendsfiguren, die um einen Euro oder auch nur um ein paar Cent bitten. Sie sind nicht weg. Und die Volksbühne? Dies ist nicht mehr so wie früher, aber sie ist doch auch nicht verschwunden.

Zumindest ist sie an diesem Abend voll da − mit Anne Ratte-Polle zum Beispiel, die schon früher in der alten Castorf-Volksbühne gespielt hat. Mit all dem Show-Glitzer auf der Bühne, der dem Fundus von Bert Neumann entstammen könnte, dem verstorbenen Bühnenbildner, der die Volksbühne gemeinsam mit Frank Castorf zu dem gemacht hat, was sie wurde. Aber vor allem mit Constanza Macras selbst und dieses Stück, das wütend, politisch und intelligent und in der ersten Hälfte des Abends große Kunst ist. Dieser Haltung und dieser Furor gehören unbedingt hierher. Das ist die Ansage. Hier kann etwas weitergehen in der Zukunft.

Bilder aus Berlin

Im ersten Teil des Abends schieben die Bühnenarbeiter des Hauses unermüdlich einzelne Bühnenbildelemente herein und wieder hinaus. Showtreppe, Jurorensessel, Bänke. Ohne dass diese überhaupt richtig zum Einsatz kommen würden. Fotografien von Tom Hunter, auf denen man Menschen wie Stillleben zu Objektkompositionen arrangiert sieht, werden auf große Leinwände projiziert. Am Kotti etwa, das Neue Kreuzberger Zentrum im Hintergrund, steht im Vordergrund ein Gemüsehändler, wie eingefroren, mit einem Apfel in der Hand, vor ihm zwei Menschen in mittelalterlicher gildeartiger Kleidung, ebenfalls mit Äpfeln. Oder später, eine eingefrorene Botticelli-Venus mit Hipster-Gesellschaft vor Hochhausensemble im Sandkasten.

Die elektronische Musik von Robert Lippok strudelt und strömt und staut sich, unterstützt von der Live-Musik von Santiago Blaum, Kristina Lösche-Löwensen und Jacob Thein. Das wirkt wie eine unablässige Hirnmassage. Alles wird durchlässig, durchdringt einander. Die Bilder von Hunter, die Tänzer, die man durch die Bilder hindurchscheinend im Hintergrund agieren sieht. Gerade noch waren sie in diversen schicken Solo-Showeinlagen unterwegs. Jetzt kommen sie einzeln wieder, in abgehackten Bewegungen, Plastikperücken auf dem Kopf, als Playmobil-Postbotin, Polizist und Ärztin. Oben, auf einer Balustrade sieht man Playmobil-Mann und -Frau in ihrer Wohnhöhle. Pappschilder werden hervorgezerrt. „Wir bleiben“. „Mieterwahnsinn stopp.“

Superwoman mit Räuberrad-Umhang

Bumm. Ist der Protest erschossen. Kommt die Playmobil-Ärztin, macht erfolgreiche Wiederbelegung. Kommt die Playmobil-Superwoman mit dem Räuberrad, dem alten Volksbühnen-Logo, auf dem Umhang und eliminiert die Polizei. Kleiner Scherz am Rand, im Mahlstrom des globalen Neoliberalismus, in dem man über Widerstand irgendwie nur noch als Comic erzählen kann. Denn alles verflüssigt sich.

So wie hier die ineinandergreifenden Tänze, die Musik, die renaissancehaften Bilder mit denen wuchtig etwas von einer anderen Zeit in die Szenerie hineinragt. Etwas Stille in all dem Lärm. Eine nackte Botticelli-Venus mit sehr viel blonder Perücke wird irgendwann später die Protest-Schilder wieder hervorkramen, die jetzt auch nur noch wie frei flottierende Zeichen wirken und sie von oben auf das Bühnengeschehen werfen, und die Decken, die Matratzen und auch all ihre Perücken gleich hinterher.

Das Comeback der Constanza Macras

Constanza Macras hat nach einer Krise in der ihr ein großer Teil ihrer Förderung und vor allem auch die Spielstätten in der Stadt abhandengekommen waren, seit zwei Jahren ein unglaubliches Comeback. Der Film „The Favourite“, für den sie für die Choreografie verantwortlich zeichnete, war gleich für mehrere Oscars nominiert. Würde es in Hollywood eine Kategorie für Film-Choreografie geben, Macras hätte mit der verrückt-absurden, großartigen Tanzeinlage in „The Favourite“ sicher zu den Nominierten gezählt. Die Beteiligung an einer neuen Hollywood-Produktion soll schon unter Dach und Fach sein.

Aber vor allem hat Macras, die immer eine politisch denkende Choreografin war, zu einer neuen Wachheit und wieder zu einem ernsthaften künstlerischen Wollen gefunden. Eine Zeitlang hatte man durchaus den Eindruck von Stagnation. In ihren Stücken schien die Choreografin ihre einmal gefundene Ästhetik nur noch mit verschiedenen Themen durch zu konjugieren. Keine Spur davon in der ersten Hälfte von „Der Palast“, in dem sich die Choreografin gemeinsam mit ihrer Dramaturgin und Co-Autorin Carmen Mehnert an einer Form erprobt, die man so noch nie bei ihr gesehen hat − in der zweiten Hälfte des knapp dreistündigen Abends wird das Surrogat-Leben in den Bildern der Casting-Shows zwar mit viel Witz und einigen überraschenden Wendungen, aber doch leider auch viel zu ausgedehnt durchdekliniert. Nötig war das nicht. Jedenfalls nicht in dieser doch selbst zu sehr auf die Effekte der Show setzenden Form.

Der künstlerische Atem reicht nicht ganz

„Ich bin nach Berlin gekommen, weil ich in das Berlin der 20er Jahre verliebt war“, sagt irgendwann Fernanda Farah, eine der wichtigen Macras-Akteurinnen der vergangenen zehn Jahre. Verliebt in das Berlin von „Cabaret“, aber auch in die Stadt von „Lola rennt“. In das Berlin aus all den anderen Filmen mit all diesen wilden, tollen Geschichten. Berlin, das ist eine Stadt voll mit Koks, Clubs, Berghain, Toiletten-Sex. Wow. Aber: Läuft das nicht in anderen Großstädten ähnlich ab?

Wie wir nur noch in Bildern und unseren Vorstellungen von Bildern leben, darum geht es in diesem zweiten Teil mit viel Tanz und Gesang und Glitzer, mit absurden Marx- und Satre-Zitaten und Einbrüchen aus dem wirklichen Mieter-Leben. Die Darsteller sind umwerfend, alle miteinander. Aber der künstlerische Atem hat nicht über die gesamte Strecke gereicht. Geschenkt.

Abgestiegene Mittelschicht

Vor einigen Wochen saß man schon staunend in „Megalopolis“, einem 2009 in der Schaubühne uraufgeführten Stück, das Macras jetzt in der Volksbühne wieder aufgenommen hat. Damals hat einen das Stück nicht überzeugt. Zu fahrig, zu kaputt. Jetzt ist das, was Macras damals schon beschrieb, soziale Realität. Der Abstieg der Mittelschicht, die soziale Härte, die Präsenz der Armut. „Megalopolis“ springt einen mit seiner Wucht regelrecht an.

Mit ihrer neuen Arbeit, steht nun außer Frage, dass Constanza Macras der Volksbühne gewachsen ist. Sie hat ein großes Repertoire an Stücken, die in Berlin viel zu selten zu sehen waren. Es gibt alte Stücke, die unbedingt wieder zu neuem Leben erweckt werden könnten. Es gibt jetzt „Megalopolis“, „Der Palast“ und im Februar ein neues Macras-Stück. Alles weg an der Volksbühne? Es sieht gerade nicht danach aus.

Der Palast 6., 14. April, 16., 17. Mai, 20 Uhr,  Volksbühne, Karten unter Tel.: 24 06 57 77

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