Das „Beastie Boys Buch“: Die Geschichte einer der originellsten Popbands

Die Beastie Boys und der Dalai Lama gehören sicherlich zu den denkbar unwahrscheinlichsten Paarungen. Aber wer sich bis ins letzte Viertel des massiven „Beastie Boys Buch“ vorgearbeitet hat, den wundert es auch nicht mehr, Adam Yauch alias MCA und den ehrenwerten Religionsführer mit strahlendem Lächeln gemeinsam auf einem Foto zu finden.

Yauch hatte Anfang der Neunziger eine Stiftung gegründet, um den tibetanischen Mönchen Tantiemen zukommen zu lassen, deren Gesänge die Band für ihr viertes Album „Ill Communication“ gesamplet hatten. Und daraus entstand ab 1996 eine weltweite Serie hochkarätig besetzter Konzerte zur Unterstützung Tibets. Dies illustriert fein, wie wenig die New Yorker mit ihrem Image von lauthalsen Reimrüpeln zu tun haben, das ihnen dank Mittachtziger-Hits wie „Fight For Your Right (to Party)“ anhaftet.

Adam Yauch konnte an dieser Autobiografie der ersten und einflussreichsten weißen HipHop-Band nicht mehr mitarbeiten. Er starb 2012 mit 47 Jahren an Krebs. Aber er ist eine stete, inspirierende Präsenz in den Erzählungen der beiden verbliebenen Beasties Adam „Ad Rock“ Horowitz und Michael „Mike D“ Diamond.

Anekdoten, Erinnerungen

Das „Beastie Boys Buch“ wirkt wie ein verschollenes Album der Band, die zwei Kilo schweren 542 Seiten quellen über vor Anekdoten und Erinnerungen, mischen Popgeschichte und die Biografien, eilen in kurzen Kapiteln durch die erstaunliche Karriere des Trios und prunken dabei mit einer satten Gästeliste aus Großliteraten, Musikern und anderen der Band vertrauten Figuren.

Kein Wunder: Das Trio schaffte es innerhalb ein paar lächerlich kurzer Jahre von einem Hardcore-Punkscherz zu einer der erfolgreichsten Popbands der jüngeren Geschichte zu wachsen, aus einer Bande nerdiger Schulfreunde wurde eine der originellsten Formationen des Pop.

Davon erzählen in kryptischen Kurzgeschichten der Pulitzerpreisträger Colson Whitehead und sein Kollege Jonathan Lethem, die Regisseure Wes Anderson und Spike Jonze (der 1994 „Sabotage“ gedreht hat). Mit kritischem Witz rekapituliert indes die Schauspielerin Amy Poehler, (2011 im Video „Make Some Noise“ dabei), die Videos der Band, die feministische Schriftstellerin Ada Calhoun erklärt, warum es seltsam, aber okay war, die Beasties trotz gelegentlich pubertären Sexismus’ und homophoben Quatschs zu mögen: Weil sie jung, dumm und eben schon lustig gewesen seien – und ihre grundsätzliche Korrektheit bewiesen hätten, als sie sich später distanziert und entschuldigt haben.

Kate Schellenbach, ihre Drummerin in den Punkanfängen, erinnert sich, wie die drei Männer vor dem misogynem Marketingplan Rick Rubins, damals Chef des wegweisenden HipHop-Labels Def Jam, kniffen: Er sah weibliche Rapper schlicht nicht vor. Den Geist der ersten Jahre repräsentiert nicht zuletzt der enorme hydraulische Penis, mit dem sie die Rockstarpose einnahmen, als sie mit den ersten Alben zu Superstars geworden waren – als Mahnmal des heutigen schlechten Gewissens bezahlen sie bis heute einen Lagerraum für das sperrige Requisit.

So wird das Buch ganz nebenbei auch zu einem schönen Entwicklungsroman. Zu den eindringlichsten Szenen gehören die frühen Erinnerungen an die kreativbürgerliche Szenerie ihrer Schulzeiten in einem von Punk und der aufstrebenden Rapszene geprägten New York, als sie im Townhouse von Yauchs Eltern über deren Schlafzimmer die Nächte durchprobten und sich erst für den Punk der Bad Brains begeisterten und dann auf den frühen Rap-Parties landeten, um schließlich gleich zu Beginn mit Madonna und Run DMC zu touren und von lokalen Helden zu nationalen Größen wurden. Sie listen seitenlang Titel alter Mixtapes, schreiben Liebeserklärungen an Freunde und Vorbilder von Run DMC, zum schillernden Dub-Produzenten Lee Perry, den sie unerkannt durch eine Halloween Parade in ihr Studio schleusen konnten, weil er im Normalzustand aussah wie die verkleideten Paradisten.

Weisheit und Chuzpe

Plastisch berichten sie aus der Musikindustrie, von Sampling, Studio-Technologie und HipHop-Ästhetik; sie porträtieren Musikindustrielle, High End-Dealer und Amateur-Manager und streuen die auch im korrekten Pop offenbar üblichen Geschichten von enttäuschter Partnerschaft, Lehrgeld – und erlerntem Geschäftssinn: Yauch hatte 2004 die klasse Idee, einen Auftritt im Madison Square Garden von Fans aufzeichnen zu lassen (zu sehen im Konzertfilm „Awesome; I fucking shot that“). Dazu kaufte er 50 Videokameras, die er vor dem Konzert verteilte. Er bekam sie nicht nur allesamt wieder – er brachte sie am Tag darauf zum Händler zurück und ließ sich das Geld erstatten.

Wie sich hier Weisheit und Chuzpe mischen, das steht exemplarisch für dieses ganz wunderbare Musikbuch, dessen Miniaturen über die aufregende Geschichte der Band sich zu einem dichten Zeitpanorama fügen.

+++

Adam Horowitz, Mike Diamond: Beastie Boys Buch. Heyne, München 2018. 542 S., 40 Euro