Corinna Harfouch im Interview: Kunst ist kein Luxus, sie ist Nahrung

Der Kontrast zwischen der anonymen Atmosphäre eines Hotelzimmers und dem freundlichen Empfang durch Corinna Harfouch könnte kaum größer sein. Weil die klobigen Sessel denkbar ungünstig stehen für ein Gespräch, bietet sie den Platz neben ihr auf dem Sofa an. Unmöglich, der Schauspielerin die Begeisterung über „Lara“ nicht sofort zu gestehen.

Sie trägt den zweiten Film des Regisseurs Jan-Ole Gerster („Oh Boy“) fast allein. Es gibt kaum eine Einstellung ohne sie. In der Erzählzeit eines einzigen Tages spielt Corinna Harfouch eine Frau, die ihren sechzigsten Geburtstag in größter innerer Einsamkeit verbringt. Ihr Sohn, gespielt von Tom Schilling, gibt an diesem Tag als Pianist und Komponist ein entscheidendes Konzert in Berlin. Seine Mutter, die lange seine wichtigste Mentorin war, hat er nicht eingeladen.

Wie dieser Tag unaufhaltsam auf eine Eruption unterdrückter Gefühle zuläuft, wie sich das Geflecht einer destruktiven Familie entfaltet, das alles erzählt „Lara“ in starken Bildern und mit der großen Kunst seiner Hauptdarstellerin.

Lara (Corinna Harfouch) mit ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling).

Lara (Corinna Harfouch) mit ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling).

Foto:

Studiocanal

Frau Harfouch, Lara ist eine Figur, die sich selbst verfehlt hat. Eine Pianistin, die nicht spielt.

Corinna Harfouch: Sie ist keine Pianistin. Man kann keine Pianistin sein, wenn man nicht spielt. Was die Musikerin in ihr getötet hat, ist das extreme Anspruchsdenken. Sie glaubte mit solchem Ernst an die Welt der klassischen Musik, dass für sie damit kein Spiel möglich war. Es gab nur entweder oder. Einmal sagt sie: „Ich hätte es nie ganz bis nach oben geschafft“, und damit ist nicht die Karriere gemeint, sondern die Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks. Sie hat sich nicht zugetraut, dem gerecht zu werden, was sie sich vorgestellt hat. Sie hätte ein bisschen mehr Unterstützung gebraucht. Dem Urteil eines Professors, der für sie eine Instanz war, hat sie sich dann gebeugt. Ich habe mich ihr genähert, wie man sich einem Geheimnis nähert. Ich habe versucht, mir ihre Biografie vorzustellen, aber letztendlich ist das Geheimnis dieser Frau für mich nicht restlos gelöst.

Der Klavierprofessor hat den Nimbus einer über alles erhabenen Autorität. Haben Sie als Schauspielstudentin solche Lehrer erlebt?

Bei der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule Berlin – so hieß die Ernst-Busch-Hochschule damals – gab es einen Professor, der mir ganz klar sagte, ich hätte keine Leidenschaft für diesen Beruf. Es hätte keinen Sinn, noch einmal wiederzukommen, es wäre ein Irrtum gewesen, mich zur Aufnahmeprüfung eingeladen zu haben. Ich solle mich nicht unglücklich machen. Er war für mich auch eine Instanz, der ich gefolgt bin. Ich war mir sicher, die wissen das, die kennen sich da aus. In der Kleinstadt, aus der ich kam, hatte ich niemanden gehabt, der mich auf eine solche Prüfung hätte vorbereiten können. Ich habe danach jahrelang versucht, einen anderen Weg zu gehen. Ich habe Krankenschwester gelernt, eine Weile an der TU Dresden studiert, dann habe ich es noch mal probiert. Der Professor war immer noch da, ein sehr guter alter Lehrer, ganz fein. Ich glaube, er konnte sich gar nicht an mich erinnern.

Ist die Motivation solcher Lehrer nicht oft auch unlauter, missbrauchen sie ihre Macht über junge Menschen, die noch keine Möglichkeit haben, dem etwas entgegenzusetzen?

In meinem Fall war das nicht unlauter. Ich glaube, dieser Professor wollte mich wirklich vor einem unglücklichen, sinnlosen Leben als unbegabte Schauspielerin schützen, und das ist auch in Ordnung. Es bewerben sich Tausende von Leuten und 25 werden genommen. Im günstigsten Fall bedeutet die Härte, jemandem klar zu sagen, dass das nicht sein Weg ist, etwas Gutes.

Um ein Haar hätte man Sie als Schauspielerin verloren.

Na ja, hat man aber nicht. Der Professor im Film hat seine harten Sätze über mangelnde Begabung jedem gesagt. Das war die Prüfung. Es war letztendlich Laras Persönlichkeitsstruktur, die dazu führte, dass sie sein Urteil nicht als Ansporn sehen konnte. Es ist nicht seine Schuld.

Unterrichten Sie selbst?

Nein, um Gottes Willen. Dafür habe ich einen viel zu großen Respekt davor. Zum Unterrichten fühle ich mich nicht berufen. Andere machen das grandios. Ich kann es gar nicht.

Lara scheitert eigentlich auf allen Ebenen, auch als Mutter. Was ist da passiert?

Der Sohn ist die Liebe ihres Lebens, der allerengste Mensch, und da hat sie nahezu etwas Missbräuchliches. Sie hat es nicht geschafft, sich zu distanzieren, damit das Kind seinen Weg gehen kann. Diesen Trennungsschmerz auszuhalten, den schrecklichsten fast, wenn man mit dem Kind eng verbunden ist, das hat sie nicht geschafft. Ich glaube, dass es vorher ein inniges, intimes Verhältnis voller Liebe war, aber sie konnte den Sohn nicht lassen, nicht gehen lassen. Es gibt eine Novelle von Thomas Mann, „Tobias Mindernickel“, über einen einsamen Mann, einen Dorfidioten, der einen Hund findet und ihn aufzieht. Der Hund wird kräftiger und wird zum eigenen Wesen, er macht nicht mehr ganz, was der Mann will, und das irritiert ihn, er will wieder den Zustand der Bedürftigkeit, Innigkeit, und so beginnt er ihn zu verletzen, um seine Hilflosigkeit wiederherzustellen. Das ist unwahrscheinlich gut beobachtet und lässt sich auf menschliche Beziehungsgeflechte übertragen. Ich glaube, so etwas Ähnliches passiert Lara auch mit dem Sohn.

„Lara“ ist auch ein Film über extreme Einsamkeit. Wie hält jemand so viel Beziehungslosigkeit aus?

Sie hat sich daran geübt. Sie versucht, Schmerz durch ihre Unbeweglichkeit, ihre stoische Haltung, irgendwohin zu verbannen. Das sieht dann aus wie Stärke, wie jemand, der hundertprozentig von dem überzeugt ist, was er die ganze Zeit tut. Aber das ist wirklich nur ein Schutz. Die Mauern, die sie um sich gebaut hat, haben einen Grund, die sind nicht angeboren. Man kann sich auch für einen anderen Weg entscheiden, aber sie konnte es nicht. Sie konnte nicht spielen, nicht leichtfertig sein.

Hat die Härte und Kälte, die man in diesem Film etwa in einer Szene zwischen Lara und ihrer Mutter sieht, etwas Exemplarisches für deutsche Familien?

Es ist ein sehr deutsches Diktat, dass die harte körperliche Arbeit, das frühe Aufstehen morgens, über allem anderen steht. Alles andere ist nachgeordnet aus der Sicht der hart körperlich arbeitenden Leute. In deren Augen ist jede künstlerische Arbeit Quatsch. Deshalb spricht Laras Mutter auch von Geklimper, wenn jemand Klavier spielt. Die Tochter hat sich aus dem Nest und dessen einfachen Strukturen entfernt. Sie hatte die komische Idee, Pianistin werden zu wollen. Auf ihrem eigenen Weg hatte sie keine Unterstützung. In der bürgerlichen Mitte hätte man vielleicht anerkannt, dass man Klavier spielt. Aber dass das deine Nahrung ist, dein Leben, das dann auch nicht. Da heißt es: Mach mal lieber was Anständiges, das sichert dir deine Existenz. Dass Kunst deine Existenz ist, wird nicht verstanden. Es geht immer um Sicherheit, ich habe nicht das Gefühl, dass das anders geworden ist. Es ist auf allen Ebenen so: Die Kunst ist das Kompott, wenn wir uns das leisten können, dann machen wir das natürlich. Es ist doch ganz hübsch, nach einem Konzert beieinander zu sitzen, schön essen zu gehen, mit einem guten Wein. Aber dass Kunst eine Nahrung ist, das Gefühl habe ich ringsum gerade nirgendwo.

Sie meinen, auch Klassik wird ausschließlich konsumiert?

Das ist ganz oft so, ja. Ich arbeite viel mit der japanischen Pianistin Hideyo Harada und ihrem Mann Oscar Friedt zusammen, und das Gespräch mit diesen beiden Menschen öffnet mir die Welt der Musik. Sie haben ein unglaubliches Wissen, eine Leidenschaft und eine Fähigkeit, das auszudrücken, was sie in der Musik empfinden, ich bin wahnsinnig gerne mit ihnen zusammen, das sind meine großen Lehrer in der Musik. Sie proben in einem winzigen Zimmer, in dem zwei Flügel nebeneinanderstehen. Im Sommer haben wir „Don Giovanni“ aufgeführt, aber nicht so, dass einer liest und dann wieder Klavier gespielt wird. An so etwas Kulinarischem will ich nicht teilhaben, das mag ich überhaupt nicht. Damit tut man nur denen einen Gefallen, die Poesie und Musik verkonsumieren und danach schnell zur Tagesordnung übergehen.

Welche Musik hören Sie selbst?

Ich liebe Liszt, und ich liebe alle Klaviersonaten und Klavierkonzerte von Mozart, ich liebe Bach, ich habe kein tolles Verhältnis zu Debussy, den verstehe ich nicht, aber wenn ich mich mit Hideyo auf ein Gespräch darüber einlasse, eines Tages, dann ändert sich das.

Die Dirigentin Kristiina Poska hat mir in einem Interview einmal gesagt: „Die Entwicklung eines Musikers ist immer die Entwicklung eines Menschen.“ Gilt das für Schauspieler genauso?

Ja, sonst ist es vielleicht Artistik. Es gibt ja so viele Möglichkeiten. Du kannst an deiner Artistik arbeiten oder weiter ins Menschenfach vordringen. Es gibt Phasen, in denen du vor allem etwas für dein Handwerk tun möchtest, und plötzlich fällt dir auf, dass du zu viel kannst, dass die Unschuld nach der du dich sehnst, nicht mehr da ist. Es geht immer um die Frage von Technik und Ausdruck. Wenn man die körperliche Herausforderung möchte, ist das Theater ein sehr guter Ort dafür.

Was ganz anderes: Sie sind in diesem Sommer zum ersten Mal seit 1989 wieder auf eine Demonstration gegangen. In Dresden, unter dem Motto „unteilbar“ gegen den Rechtsruck und die Spaltung der Gesellschaft. Wie kam das?

Ich kann es kaum fassen, was derzeit passiert, wie leichtfertig wichtige Dinge verspielt werden. Ich habe vor Jahren die Entscheidung getroffen, in Brandenburg zu leben und finde es herrlich dort. Das ist etwas ganz anderes, als sich ständig nur unter seinesgleichen aufzuhalten. Da hat man seine bürgerlichen Abende miteinander, man isst, man unterhält sich immer über dasselbe. Der eine argumentiert ein bisschen besser, der andere schwächer, aber man bleibt immer in derselben Soße. Ich lebe auf dem Lande, und ich habe es mit den Leuten dort zu tun. Neulich hat mir eine Kollegin ein Video über ein soziologisches Experiment in Dänemark geschickt. Da sieht man unterschiedliche Berufsgruppen von Menschen, denen ein Moderator Fragen stellt. Fragen, die nicht die politische Identität berühren, sondern dein alltägliches Leben, dein Menschsein betreffen. Zum Beispiel: Wer war früher Klassenclown? Und dann strömen aus diesen Gruppen wieder Menschen zusammen, die sich finden. Für mich sind solche Fragen ein wenig die Leitlinie, wie man Gespräche führen kann. Ich rede zum Beispiel sehr viel mit dem einzigen Reichsbürger bei uns im Dorf. Das ist jemand, der unglaublich hilfsbereit ist und das nicht aus Kalkül. Ich kenne ihn schon, seit er ein Kind war. Ich kann mit diesem Menschen als Mensch gut umgehen, ich mag ihn. Ich kann gut nachvollziehen, warum er so geworden ist.

Versuchen Sie, diesen jungen Mann politisch zu beeinflussen?

Ich führe diese Gespräche. Man muss es tun. Wir können es uns nicht leisten, nicht miteinander zu sprechen. Ausschließen ist eine ganz blöde Haltung. Herablassung auch. Was sind wir denn hochmütig, was sind wir denn selber, wir linksliberalen Menschen, die wir uns ständig einbilden, wir wüssten alles besser? Das ist absolut anmaßend. Ich kann den Leuten im Dorf nicht erzählen, wie das Leben geht. Ich muss erst mal zuhören. Wenn eine Fee käme und sagte „du hast drei Wünsche offen“, hätte ich mir früher sonst was gewünscht. Aber jetzt wünsche ich mir zutiefst, eine Sprache zu lernen, die diese Mauern durchdringt, das ist unsere Aufgabe. Zweitens würde ich mir dasselbe wünschen und drittens auch. Es geht auch um unsere Hilflosigkeit. Darum, dass wir keine Fähigkeit haben, das auszuhebeln. Dass wir nicht einmal richtig erforschen wollen, woran diese Entwicklung eigentlich liegt.

Sind Sie akzeptiert im Dorf?

Ich habe zusammen mit anderen einen Verein gegründet, um mit einem alten Saal einen Ort zu schaffen, in dem das Dorf zusammenkommt, das ist der Wunsch. Mein Traum wäre es, dort Leute zu finden, die Projekte miteinander machen, und dann kommt das nächste. Ich liebe den Kontakt mit den Nachbarn, wir reden über alles Mögliche, übers Kochen, Backen, den Garten, man erlebt tausend wunderbare Dinge. Ich habe im Sommer ein großes Dorffest mitveranstaltet, da sind Menschen gekommen, die waren in ihrem Leben noch nie in Berlin. Es gibt ja bei Städtern eine Angst vor diesem Ungeheuer Landbevölkerung. Sicher, weil man ihren Stolz spürt, ihre Unabhängigkeit. Sie haben ihre Freude daran, dass sie alles selber schaffen, scheinbar selber schaffen.

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